Meeresbiologin Frauke Bagusche liest am Montag in Homburg

„Das Blaue Wunder“ : Kämpfen für das „Blaue Wunder“

Frauke Bagusche liest am Montagabend in der Stadtbibliothek Homburg aus ihrem Buch über das Meer und seine Bewohner.

Frauke Bagusche hat ihre Leidenschaft fürs Meer zum Beruf gemacht: Sie ist promovierte Meeresbiologin. In ihrem Buch „Das Blaue Wunder“ erzählt sie vom Meer und seinen Bewohnern, und weist auf das gefährdete Ökosystem Meer hin, dem Klimawandel und Müll immer mehr zu schaffen machen.

Frau Bagusche, Sie leben im Saarland, sind im Oberbergischen groß geworden, beides liegt ja nun nicht gerade an der Küste. Aber Sie lieben das Meer, haben, wie Sie mal gesagt haben wahrscheinlich ,Salzwasser in den Adern‘ – was war Ihre erste Begegnung mit dem Meer?

Das war in meinen Kindheitstagen, wir sind da mit der Familie recht häufig ans Meer gefahren, ans Mittelmeer, an den Atlantik, da hat mich das Meer von Anfang an fasziniert. Meine Patentante hat mir erzählt, ich hätte in der vierten Klasse gesagt: Ich will Meeresbiologin werden, und ich sei da sehr bestimmt gewesen.

Sie haben dann tatsächlich den Kindheitstraum wahr gemacht und sind Meeresbiologin geworden – gab es denn da einen Auslöser dafür, ein besonderes Erlebnis?

 Das war wohl während meines Studiums, ich habe Diplom-Biologie in Frankfurt studiert und da alle Kurse belegt, die irgendwie mit Meer zu tun hatten. In dieser Zeit habe ich auch privat meinen Tauchschein gemacht, das war wohl mit der entscheidende Anstoß.

Sie haben unter anderem zwei Forschungsstationen auf den Malediven geleitet, das klingt ziemlich paradiesisch als Arbeitsplatz – blaue Lagunen, Palmen, Sonne - wie sah da der Arbeitsalltag aus?

Wir waren ein internationales Team von Meeresbiologen und unsere Stationen waren an Hotels angegliedert. Was hieß, dass man da 24/7, also rund um die Uhr freundlich und professionell aufzutreten hatte. Auch dann, wenn man gerade stinksauer war, weil wieder mal ein Gast über eine Koralle gelaufen ist. Einmal haben Chinesen einen Baby-Schwarzspitzenriffhai im Whirlpool gekocht, weil sie ihn essen wollten. Mir wurde das erst erzählt, als die Gäste abgereist waren, wohl aus Angst vor meiner Reaktion. Zu Recht. Auf den Malediven habe ich viel Bildungsarbeit zur Ökologie und Biologie der Unterwasserwelt gemacht, Exkursionen mit den Touristen, aber auch mit den Einheimischen. Viele Einwohner der Malediven können nicht schwimmen und haben nie den Kopf unter Wasser gesteckt, da musste man teils bei Null anfangen.

Und was die wissenschaftliche Arbeit angeht: Wir sind mit dem Boot rausgefahren, haben mit dem Team Daten gesammelt, zum Beispiel zu den Mantarochen. Sie haben auf ihrem weißen Bauch ein Muster aus schwarzen Punkten, welches so individuell wie unser Fingerabdruck ist. Wir haben die Rochen fotografiert und die Bilder in eine Datenbank eingegeben. So konnte man jedem Tier eine ID zuordnen, und dann anhand der Bewegungen die Wanderrouten der Mantarochen ausmachen.

In Ihrem Buch erzählen Sie sehr liebevoll und oft humorvoll viele Geschichten über das Meer und seine Bewohner, von singenden Fischen, pupsenden Heringen oder die „wahre Geschichte“ von Clownfisch Nemo - an welche Begegnung im beziehungsweise unter Wasser erinnern Sie sich besonders gut?

 Wenn unter Wasser so ein Mantarochen auf Armeslänge vorbeischwebt wie ein fliegender Teppich, das sieht unglaublich elegant aus. Und die haben mich genauso interessiert und eingehend gemustert wie ich sie – das war schon sehr beeindruckend.

Hatten Sie nie Angst oder ein mulmiges Gefühl?

Wenn man erstmals mit einem Hai im Wasser ist, ist der „Weiße Hai“ zunächst schon sehr präsent. Aber dieses Gefühl verschwindet sehr schnell; diese Tiere sind an Schönheit kaum zu überbieten. Ich bin vielleicht auch etwas angstfreier als andere, aber ich habe nie erlebt, dass Haie aggressiv wurden. Mir ist allerdings immer bewusst, dass das keine Kuscheltiere, sondern Wildtiere sind, das ist kein Streichelzoo. Ich fasse die Tiere auch nicht an, es sei denn, ich rette eines aus einem Netz, in dem es sich verfangen hat, oder Ähnliches.

Viele Geschichten und Szenen sind so bildhaft geschrieben, zum Beispiel die „Apotheke im Korallenriff“, dass auch Laien einen leichten Zugang zur Unterwasserwelt finden. Ist es schwierig, wissenschaftliche Erkenntnisse und Allgemeinverständlichkeit unter einen Hut zu bringen?

 Ich versuche, den Lesern oder auch den Zuhörern bei den Vorträgen und Lesungen meine Liebe zum Meer verständlich zu machen. Ich bin Wissenschaftlerin, aber ich wollte bewusst so schreiben, dass es viele Leute anspricht. Und es ist sehr schön, wenn ich bei den Lesungen oder bei Rezensionen die Rückmeldung bekomme, dass das gelungen ist. Denn meine Erfahrung ist: Wir schützen nur das, was wir verstehen, was wir kennen und lieben.

Stichwort schützen: Sie sind mit der „Aquapower“-Expedition des Profi-Windsurfers Florian Jung 10 000 Kilometer über den Ozean gesegelt, mit einem Katamaran, eine Mischung aus Wassersport und Umweltreport – was haben Sie unterwegs vorgefunden, wie schlimm ist denn der Zustand der Meere?

Wir haben unterwegs immer wieder Geisternetze, Plastikflaschen, Tüten und alte Bojen gefunden. Mikroplastik sammelt sich unter der Wasseroberfläche und bildet einen Teppich. Egal wo, in der Karibik, im Mittelmeer, wir hatten bei allen Proben Plastik in unserem Sammelnetz, und sind erschrocken über die Ausmaße. Um die Gesundheit der Meere steht es schlecht. Aber es ist nicht hoffnungslos. Wir haben die Macht, das Meer zu retten. Aber wir müssen schnell handeln.

Sie plädieren dafür, dass zum Beispiel Einweg-Plastikverpackungen verboten werden, dass die Industrie durch Gesetzgebung gezwungen wird, statt Plastik verstärkt Materialien herzustellen und zu verwenden, die in einen Recyclingkreislauf überführt werden können. Können wir denn in unserem Alltag auch etwas dazu tun, um das Meer zu schützen?

Natürlich sind in der Hauptsache Politik und Industrie in der Pflicht, wenn es darum geht, in großem Stil etwas zu ändern. Aber Konsumenten haben Macht, es kann jeder darauf achten, was er kauft. Ich lebe selbst auch nicht 100 Prozent plastikfrei, das geht gar nicht. Aber zum Beispiel Mehrweg statt Einwegverpackungen oder Kosmetik ohne Mikroplastik, unnötigen Plastikmüll zu vermeiden, das kann man tun, und es ist oft gar kein Aufwand im Alltag. Meeresschutz fängt zu Hause an, ob man im Saarland sitzt oder an der Küste.

Und zum Abschluss: Die rauhe Nordsee, die tropische Karibik - wenn man so viele Ozeane gesehen hat: Was ist ihr Lieblings-Meer?

Frauke Bagusche liest heute, Montagabend, in der Stadtbibliothek Homburg. . Foto: Honk Photo/Randomhouse Verlag/HONKPHOTO HOLGER KIEFER

 Nun, ich habe ja nicht alle bereist und es gibt immer noch genug zu sehen – aber ich würde sagen, der Indische Ozean. Weil die Artenvielfalt so reich ist, Korallenfische, Delfine und Haie - es ist wunderschön.

Mehr von Saarbrücker Zeitung