Familienbande im hohen Norden

Altstadt/Limbach. Martha Kleis wird in den nächsten Tagen einen Brief an Cecilie Kollström schreiben. Martha Kleis ist Jahrgang 1937 und wohnt in Altstadt. Cecilie Kollström ist Jahrgang 1972 und lebt in Norwegen, in der kleinen Ortschaft Skien etwa 100 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Oslo

Altstadt/Limbach. Martha Kleis wird in den nächsten Tagen einen Brief an Cecilie Kollström schreiben. Martha Kleis ist Jahrgang 1937 und wohnt in Altstadt. Cecilie Kollström ist Jahrgang 1972 und lebt in Norwegen, in der kleinen Ortschaft Skien etwa 100 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Oslo. Martha Kleis und Cecilie Kollström kennen sich nicht, haben aber doch sehr viel miteinander zu tun. "Aber das weiß ich auch erst seit Kurzem", erzählt Martha Kleis und schüttelt immer noch ungläubig lachend den Kopf über das, was sie gerade erst in den vergangenen Tagen erfahren hat: Ihr Patenonkel aus Limbach ist nämlich der Großvater der jungen Frau aus Norwegen. Aber der Reihe nach: Seit längerer Zeit schon ist Cecilie Kollström auf der Suche nach ihren familiären Wurzeln. Nach einem Otto Wiehn recherchierte sie kreuz und quer durch deutsche Archive und Standesämter. Denn: Ein deutscher Soldat dieses Namens war im Zweiten Weltkrieg an der Front von Murmansk eingesetzt. "Er kam immer wieder nach Svanvik/Pasvik südlich von Kirkenes. Dort freundete er sich mit meiner Großmutter an, der Norwegerin Halldis Mathilde Emanuelsen, die 1923 geboren ist und damals als Köchin im deutschen Kasino arbeitete", schilderte die Enkelin in ihren Anschreiben Anhaltspunkte für weitere Nachforschungen. Im Mai 1943 seien sich ihre Großmutter und der damals 28 Jahre alte Otto Wiehn letztmalig begegnet - wegen einer Beinverletzung musste er auf ein Schiff verlegt werden. Was der Soldat nie erfuhr: Halldis Emanuelsen war im zweiten Monaten schwanger von ihm. Wenige Wochen später erhielt die werdende Mutter die Nachricht, dass das Lazarettschiff "Birka" versenkt worden sei - bei dem Untergang starb auch Otto Wiehn. Am 15. Januar 1944 kam dann der gemeinsame Sohn Jan Steinar zur Welt. Der Brief mit genau diesen Angaben ging nun auch im Limbacher Rathaus ein. Von dort wurde er weitergereicht an Mathilde Gothe. Die passionierte Familienforscherin erinnerte sich gleich, dass es in Limbach einmal eine Familie Wiehn gegeben hatte, in der Hauptstraße genauer gesagt. Sie setzte sich mit Martha Kleis aus Altstadt in Verbindung. Diese fiel aus allen Wolken, als sie den Namen des Gesuchten hörte. "Das ist ja mein Patenonkel", freute sie sich, als sie die Daten verglich. "Da passt einfach ein Mosaikstein genau zum anderen. Otto Wiehn aus Limbach entspricht genau dem beschriebenen Alter, war genau dort stationiert und ist am 1. Juni 1943 dort ums Leben gekommen", resümiert sie. Und kramt alte Fotografien aus, die ihren Patenonkel zeigen. In Uniform im tiefen Schnee, "Tundra", steht von ihm selbst geschrieben auf der Rückseite. Auf einem anderen Bild ist sie selbst im Alter von fünf Jahren zu sehen. "Da war er auf Heimaturlaub nach Hause gekommen." Vermutlich sei es überhaupt das letzte Mal gewesen, dass er daheim war. Aufgehoben hat sie aber das Sterbebildchen, mit dem Verwandte und Freunde über den Soldatentod des "Oberwachtmeisters" informiert wurden. Gefunden hat sie auch noch ein Foto, das die Eltern von Otto Wiehn, mithin also die Urgroßeltern von Cecilie Kollström, in Festkleidung im Jahr 1939 zeigt. Von alledem hat sie Reproduktionen angefertigt, die sie jetzt mit der Post nach Norwegen schickt. Auf die Reaktion ist sie gespannt.