Argumenten freien Raum geben

Innerhalb eines Seminars haben Jugendliche des Homburger Johanneums ihre Eloquenz trainiert und mit ihrer Präsentation zum Abschluss bewiesen, was viel sie in der Akademie in Otzenhausen gelernt haben.

Eigentlich sollte der Mittwochabend am Homburger Gymnasium Johanneum "nur" der hörenswerte Abschluss des Rhetorik-Seminars der Klassenstufe 11 an der Europäischen Akademie Otzenhausen Ende des vergangenen Jahres sein. Aber die Stunden wurden weitaus mehr. Sie wurden inhaltlich zu einem Lehrstück über Armut in Afrika, deren Ursachen in Europa und über die Hintergründe von Migration - sei sie nun wirtschaftlich oder in der Angst ums eigene Leben begründet.

So gesehen war es fast schon schade, dass es sich eigentlich um eine schulinterne Veranstaltung handelte. Denn was gesagt wurde, gab viel Anlass zum Nachdenken. Unter dem Titel "Go future! No future? Globaler Norden - globaler Süden: Wie steht es um die interregionale Gerechtigkeit?" lieferten die Schülerinnen und Schüler des Johanneums wortgewandt Zahlen, Daten, Fakten.

Sie räumten rhetorisch geschickt mit Trugbildern auf, erklären Hintergründe und scheuten sich auch nicht, angesichts der aktuellen Flüchtlingsproblematik Ross und Reiter in der gegenwärtigen europäischen Disharmonie zu nennen. "Es gibt zwei extreme Positionen in Europa", schilderte Laura Sachse, die gemeinsam mit Lisa Schmitt in einer Präsentation die politische Landschaft genau unter die Lupe nahm.

"Auf der einen Seite steht Großbritannien. Dort wurden gerade mal ein Prozent der Flüchtlinge aufgenommen. Das sind gerade mal 7000." Auch Ungarn zeichne sich durch eine sehr restriktive Migrationspolitik aus. Mit vielen Blicken in die jüngere Geschichte schilderten die beiden Schülerinnen, wie es zu der aktuell großen Zahl an Flüchtlingen in Deutschland komme und nannten auch einen der Gründe: fehlende Solidarität in Europa.

Für die stand auch stellvertretend dieser Satz des ungarischen Regierungschefs Orban, zitiert von Lisa Schmitt: "Das Problem ist kein europäisches Problem, das Problem ist ein deutsches Problem."

Präsentationen wie diese, gefasst im rhetorischen Instrument der "Meinungsrede", lieferten so nicht nur einen Überblick über das, was sich die Schüler bei ihrem Seminar an der Europäischen Akademie Otzenhausen rhetorisch erarbeitet hatten. Sie zeigten auch das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Verständnis der Mehrzahl der anwesenden Jugendlichen.

Präsentiert wurde das alles zudem professionell von Frederik Schäfers und Laura Enkler, die dem Abend mit ihren Moderationen Form gaben. Einen roten Faden spannen zudem auch fiktive Telefonate von Freunden, die sich über die Kontinent-Grenze zwischen Europa und Afrika hinweg die Themen zuspielten.

Stiller, aber sichtbar zufriedener Zuhörer in der großen Aula des Johanneums war Lehrer Willi-Günther Haßdenteufel, Mitorganisator des rahmengebenden Seminarfachs in der Oberstufe. "Ich finde es wichtig, dass Schüler auch lernen, wie man erworbenes Wissen nicht nur aufarbeitet, sondern auch präsentiert." Und, hat das geklappt? Betrachtete man Haßdenteufels Mimik während des Abends, dürfte die Antwort auf diese Frage wohl lauten: Ja!

Frederik Schäfers und Laura Enkler führten durch den Abend im Gymnasium Johanneum.

Zum Thema:

Auf einen Blick Mit dem viertägigen Seminar "Rhetorik " an der Europäischen Akademie Otzenhausen sollen Schüler der Oberstufe des Johanneums ihre Fähigkeiten bei der Präsentation von Wissen trainieren und stärken. Geschult werden dabei unterschiedliche Formen der mündlichen Informationsvermittlung, von der Meinungsrede bis hin zur "Simple Show" als animierter Kommunikationsform. Die Veranstaltung dient hier als Abschlusspräsentation und soll die erworbenen Fähigkeiten praktisch demonstrieren. thw

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