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Regisseurin Malgorzata Imielska ist per Skype zu Gast.

Interview zum Film „Alles für meine Mutter“ im Kino Achteinhalb. : „Ich konnte diese Geschichten nicht vergessen“

Die polnische Regisseurin ist am Mittwoch per Skype zu Gast im Kino Achteinhalb, das ihren Film „Alles für meine Mutter“ zeigt.

Das Kino Achteinhalb zeigt zurzeit aktuelle polnische Filme. Am Mittwoch läuft „Alles für meine Mutter“: Die 17-jährige Ola ist mehrmals aus Waisenhäusern davongelaufen und ist nun in einer Jugendstrafanstalt. Dort versucht sie sich in das starre Regelwerk einzufügen, das Mobbing zu überstehen und die Adresse ihrer Mutter herauszufinden, zu der der Kontakt vor Jahren abgebrochen ist. Der Aufenthalt bei einer Pflegefamilie bringt sie der alten Adresse der Mutter näher – doch dort wird sie zum Opfer männlicher Gewalt. Der düstere, exzellent gespielte Film nimmt mit und ist manchmal herzzerreißend. Geschrieben und inszeniert hat ihn die Filmemacherin Malgorzata Imielska. Sie wird nach dem Film per Skype mit dem Publikum diskutieren, wir haben vorab mit ihr gesprochen.

Sie haben „Alles für meine Mutter” geschrieben und inszeniert. Wie kamen Sie auf die Drehbuch-Idee – gab es autobiografische Hintergründe?

IMIELSKA Nein, aber vor 20 Jahren plante ich, eine Dokumentation über sogenannte schwierige Teenager zu drehen und habe deshalb viel über Strafanstalten für Mädchen recherchiert. Es war das erste Mal, dass ich Geschichten von jungen Frauen gehört habe, die an solchen Orten leben. Ich war schockiert und konnte diese Geschichten nicht vergessen – das war der Beginn. Ich wollte von einem Mädchen erzählen, das keine Möglichkeit hat, ihre Geschichte, die Wahrheit über sich selbst zu erzählen. Der Film soll die Stimme erheben gegen die dramatische Situation von Mädchen in solchen Einrichtungen. Diese Mädchen sind Opfer. Deren Gewalt hat immer einen Beweggrund, darüber müssen sich die Erwachsenen klar sein.

Die polnische Regisseurin Malgorzata Imielska legt mit „Alles für meine Mutter“ ihr Spielfilm- Debüt vor. Foto: Imielska

Nach 20 Jahren im Dokumentarfilm ist „Alles für meine Mutter“ ihr erster Spielfilm. Wie groß war der Unterschied zur dokumentarischen Arbeit?

IMIELSKA Enorm. Wenn man eine Dokumentation dreht, muss man an die Menschen denken, die im Film zu sehen sind. Was geschieht mit ihnen während der Dreharbeiten? Und nach der Uraufführung, wenn der Film überall gesehen werden kann? Man muss da viel Verantwortung auf sich nehmen – das ist immer schwer, manchmal zu schwer. Dieser Verantwortung war ich müde und habe deshalb einen Spielfilm gedreht. Einfach war das nicht, auch nicht, zum ersten Mal Schauspieler zu dirigieren. Aber Dokumentarfilme zu drehen, hat mich gelehrt, das Leben und die Menschen genau zu beobachten.

Ihre Hauptdarstellerin Zofia Domali ist herausragend – haben Sie sie schnell gefunden?

IMIELSKA Es hat ein Jahr gedauert. Wir hatten viele Castings, unsere Darstellerin musste sehr jung wirken und ganz alltäglich. Dann fand ich Zofia Domali, und wir haben viel geprobt, diskutiert, das Drehbuch durchgearbeitet. Dann haben wir mit den anderen Darstellerinnen geprobt – ich habe alle gebeten, sich Jugendstrafanstalten anzuschauen und mit den Mädchen dort zu sprechen. Das hat ihren Darstellungen sehr geholfen.

Haben Sie in einer realen Strafanstalt gedreht?

IMIELSKA Ja, Authentizität war von Anfang das visuelle Konzept von meinem Kameramann, dem Ausstatter und mir. An Originalschauplätzen ohne Studio oder Kulissen zu drehen, war also zwingend. Wir mussten dafür lange suchen, aber die regionalen Filmförderungs-Institute haben uns dabei sehr unterstützt.

„Alles für meine Mutter” endet, trotz allem, was Ola zustößt, mit einer optimistischen Note. War das im Drehbuch schon immer so festgelegt?

IMIELSKA Das Ende hat mir der Produzent vorgeschlagen – ich bin überzeugt, dass er Recht hatte. Das Ende soll uns Hoffung bringen.

Ihr Film zeichnet ein finsteres Bild der Gesellschaft und der Männer.

IMIELSKA Ja, aber das ist kein Film über die gesamte polnische Gesellschaft. Und solche Situationen gibt es überall, nicht nur in Polen. Nach Filmvorführungen bei Festivals in anderen Ländern wurde mir immer klarer, wie universell der Film ist.

Wie sind die Reaktionen bisher bei den Kinoaufführungen?

IMIELSKA Die Menschen sind meistens sehr berührt vom Film – ein Mann hat nach einer Vorstellung geweint. Und die Diskussionen nach dem Film mit dem Publikum sind gut und meistens sehr lang.

War der Film mit seinem Thema leicht zu finanzieren?

IMIELSKA Wenn man in Polen einen nicht-kommerziellen Film drehen will, geht das nicht ohne das Polnische Film-Institut, das enorm wichtig ist für alle Filmemacher hier. Ich war sehr froh, dass es uns finanziell unterstützt hat, so wie die regionalen Filmförder-Anstalten, die unser Ko-Produzent sind. Durch sie konnte ich nach unseren Drehorten in Masuren, Niederschlesien und Westpommern suchen. Auch das polnische öffentlich-rechtliche Fernsehen hat uns bezuschusst – ich bin froh, dass sie alle dabei waren.

Wie ist die Lage für Filmemacher in Polen, wenn sie nicht-kommerzielle Themen aufgreifen und auch den aktuellen Zustand der Gesellschaft kritisieren?

IMIELSKA Ich finde, dass die Situation für polnische Filmemacher ziemlich gut ist. Wir haben das Polnische Film-Institut, das ausgewählte Produktionen unterstützt, dazu gibt es das staatliche System, durch das man von dem Geld, das das Filmteam vor Ort ausgibt, einen Teil zurückbekommt. Als Regisseurin habe ich jedenfalls nie irgendeine Einflussnahme gespürt, bestimmte Szenen nicht zu drehen oder später nicht zu zeigen.

„Alles für meine Mutter” läuft am Mittwoch ab 20 Uhr im Kino Achteinhalb in Saarbrücken (OmU). Waldemar Spallek vom Achteinhalb gibt eine Einführung; nach dem Film Diskussion mit der Regisseurin per Skype. Der nächste Termin aus der Reihe „Neue polnische Filme“ ist am 19. Oktober mit „Das süße Ende des Tages“ mit Krystyna Janda.
Info: www.kinoachteinhalb.de