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Werkstätten für Menschen mit Behinderungen fahren Betrieb wieder hoch

Kreis Neunkirchen : Werkstätten brauchen Kreativität

Wo Menschen mit Behinderungen arbeiten, läuft auch ohne Pandemie manches anders. Die Wiedereröffnungen der Einrichtungen ist kniffelig.

Wer darf kommen, wer nicht? In der Haut von Thomas Latz, Geschäftsführer der Lebenshilfe Neunkirchen, und Patrick Westhofen, Leiter Sozialpädagogischer Dienst und Arbeitsförderbereich, möchte man gerade nicht stecken. An 50 Prozent aller 950 genehmigten Werkstattplätze, davon 220 im Spieser WZB am Beckerwald, könnte rein rechtlich wieder gearbeitet werden. Arbeiten wollen aber viel mehr. Und tatsächlich besetzt sind bisher trotzdem nur 30 Prozent.

Denn es ist knifflig, richtig knifflig. Auf der einen Seite stehen der große berechtigte Wunsch nach Rückkehr und das Recht auf Selbstbestimmung inklusive dem Recht auf Selbstgefährdung, auf der anderen die Fürsorgepflicht und die Verantwortung der Einrichtungen für die Gesundheit aller Beschäftigten. Viele der behinderten Frauen und Männer arbeiten seit kleinen Ewigkeiten Tag für Tag in den Werkstätten, sei es in der Näherei oder Druckerei, in der Holz- oder Metallverarbeitung oder im Reinraum. Diese Tätigkeit bedeutet für sie viel mehr als bloßes Geldverdienen. Sie gibt ihrem Leben Struktur, Sinnhaftigkeit und Halt. Nicht zu vergessen: Hier halten sie oft den Großteil ihrer sozialen Kontakte. Damit war Mitte März urplötzlich Schluss. Erste größere Lockerungen kamen nach zwei Monaten, damals durfte ein Viertel der Belegschaft wieder arbeiten. Seit 8. Juni nun die Hälfte. „Den Leuten fällt zuhause die Decke auf den Kopf“, weiß Latz. In den Wohnheimen wird bespaßt ohne Ende, „aber irgendwann sind auch Karaoke, Schnitzeljagd & Co. ausgereizt“. Privat dürfte es noch um einiges schwieriger aussehen.

Vor jeder einzelnen Rückkehr steht eine telefonische Befragung: „Wir erkundigen uns nach Symptomen und Kontakten“, das Übliche halt, so Westhofen. Vorab geklärt werden muss zudem, ob der- oder diejenige die komplexen Abstands- und Hygieneregeln verstehen und einhalten kann. Zum Beispiel der Mindestabstand, der körperlichen Kontakt per se verbietet. Ein Unding gerade für diese Personengruppe, für die ein Wiedersehen ohne Umarmung eigentlich undenkbar ist. „Das stellt unsere Mitarbeiter vor eine riesige pädagogische Herausforderung“, erklärt Latz. „Da ist sehr viel Kreativität gefragt“, nickt Westhofen. Etwa in dem man auf „symbolische Umarmungen“ mit viel Mimik und Gestik ausweicht. Kompliziert gestaltet sich auch die strikte Trennung nach Wohnformen in separaten Gruppen mit eigenen Pausen und Toiletten.

Gefragt sind „individuelle Lösungen mit gesundem Menschenverstand“, bringt es der Geschäftsführer auf den Punkt. Grundsätzlich gilt natürlich: „Safety first“. Weshalb besonders gefährdete Personen vorerst zuhause bleiben müssen. Darüber gibt es „große Diskussionen mit Angehörigen und Betreuern“, so Latz. Erschwerend hinzu kommt die „Disharmonie“ der Vorschriften: „Bei uns ist alles stark reglementiert, aber privat bestehen große Freiheiten.“ Was sich schlecht vermitteln lasse. Stichwort Fahrdienst: Statt sieben Personen dürfen derzeit nur zwei bis drei befördert werden, um enges Beieinandersitzen zu vermeiden. Weshalb man schon jetzt an die Kapazitätsgrenzen stößt. Der ÖPNV ist aber tabu – für den Arbeitsweg, nicht in der Freizeit. „Da muss sich was ändern“, hofft Latz.

Ähnliche Probleme schildern auch Rüdiger Clemens, Geschäftsführer der Reha GmbH, und Tanja Gailing, Leiterin Bereich Mitarbeiterservice und Standort Neunkirchen. „Jede Woche gibt es andere Richtlinien“, das sei verwirrend, so Clemens. Die Beschneidung von Persönlichkeitsrechten falle für behinderte Personen in jedem Fall „noch viel gravierender aus“, da sie nicht arbeiten dürfen. Was das Umfeld stark mitbelastet. „Wir haben hier Anrufe ohne Ende.“ Intern werde derzeit stark diskutiert, „wann der richtige Zeitpunkt ist für Lockerungen“. Da eine Balance zwischen allen Bedürfnissen und Sachlagen zu finden, erweise sich als sehr schwierig. Von den 78 Werkstattplätzen in der Bildstocker Straße sind im Moment 15 besetzt. Die Abteilungen Seife, Körperpflege und Kerzen bleiben noch geschlossen. „Bei der Keramik haben wir mit kleiner Besetzung wieder angefangen, die Imkerei folgt“, so Tanja Gailing. „Genäht wird schon etwas länger“, da man systemrelevant Gesichtsmasken produzierte – mit eigenem Personal, womit Kurzarbeit vermieden werden konnte.