Arzt der Armen: Diese Fotos zeigen medizinische Sozialarbeit auf der Straße

Arzt der Armen : Diese Fotos zeigen medizinische Sozialarbeit auf der Straße

Vernissage der Ausstellung „Arzt der Armen“ in der Christuskirche. Pfarrerin Goedeking spricht von „empfindsamen Zeugnissen der Menschlichkeit“.

Das nennt man wohl einen Glücksgriff: An Weihnachten fiel Britt Goedeking das Buch „Arzt der Armen“ des Fotografen Andreas Reeg in die Hände. „Die will ich hier haben“, durchfuhr es die Pfarrerin beim Anblick der Fotografien, mit denen Reeg die Streetwork-Arbeit des Mediziners Gerhard Trabert dokumentiert. Spontan griff Goedeking zum Telefon und rief Reeg an: „Der sagte sofort ja. Ich darauf: Wie, Ja?“, erinnert sie sich noch gut an ihre eigene Verblüffung. Und jetzt kann man tatsächlich eine Auswahl der Fotografien in der Christuskirche betrachten — „empfindsame Zeugnisse der Menschlichkeit“, wie Gastgeberin Goedeking sie in ihrer Begrüßung bei der trotz Hitze gut besuchten Vernissage nannte.

Hunderttausende leben in Deutschland ohne Krankenversicherung — weil sie aus der privaten Krankenkasse geflogen sind, weil sie ohne Papiere in Deutschland leben oder mit der Bürokratie hadern. Das zitierte Pfarrer Reinhold Wawra aus der Februar-Ausgabe des Journals „chrismon“, das Trabert eine Reportage gewidmet hatte. 860 000 Menschen waren 2016 in Deutschland wohnungslos — fast die Hälfte von ihnen sind Geflüchtete. Während die meisten Unterschlupf in temporären Unterkünften finden, leben etwa 52 000 Leute dauerhaft auf der Straße.

„Armut macht krank, und Krankheit macht arm.“ Das sagt Gerhard Trabert immer, dagegen kämpft er an, auch politisch. Vor allem aber fährt er seit über zwanzig Jahren mit dem Arztmobil durch Mainz und klappert zu Fuß die Platten (Schlafplätze der „Nichtsesshaften“) ab. Drei Jahre begleitete ihn Reeg, der intime, innige Momente einfing, ohne distanzlos
zu sein. Für Trabert ein Geschenk. Weiß er doch, dass reine Fakten kaum noch jemanden vom Stuhl reißen. Fotos dagegen vermögen dank „Ästhetik und Kreativität ein sehr ernstes Thema zu transportieren“.

So fände es Trabert gut, wenn man öfter „Kunst und Kultur in Einklang mit sozialer Botschaft“ bringen könnte. Umso mehr freuten ihn die musikalischen Beiträge Nino Dedas, der per Klavier und Akkordeon unter
anderem „Oblivion“ von Astor Piazolla sensibel und stimmig interpretierte.

Trabert, ein Spätberufener, begann erst mit 27 Medizin zu studieren. Inspiriert von seiner Hospitanz in einem indischen Leprakrankenhaus, schrieb er seine Doktorarbeit über die medizinische Versorgung Wohnungsloser — die er mit Sozialarbeit kombiniert. 1997 gründete Trabert den Verein Armut und Gesundheit. Der Vater von vier Kindern, der hauptberuflich eine Professur für Sozialmedizin innehat, ist ein Überzeugungstäter mit zutiefst christlicher Mission, einer, der in seinen „freien“ Tagen weiterhilft, nur dann eben in Bangladesch oder auf Grönland, in Flüchtlingslagern oder jetzt akut bei der Seenotrettung, gegen deren „Kriminalisierung“ sich der Gast vehement ausspricht: „Armut darf nicht gegen Armut ausgespielt werden.“ Gegen den pathetischen Titel „Arzt der Armen“ habe er sich gewehrt, erzählte der 61-Jährige. Doch der Verlag setzte sich durch. So bleibt es an Trabert, auf sein 15-köpfiges Team plus 40 Ehrenamtliche zu verweisen: „Wir teilen alle den Spirit, den Armen Respekt und Würde zurückzugeben.“ Für Trabert ist „Gleichwürdigkeit“ ein zentraler Begriff, sprich, der gleiche Wert aller.

Alkohol sei im Übrigen keineswegs der Hauptgrund für Wohnungslosigkeit, sondern „der Verlust der Arbeit oder Schicksalsschläge“, wenn man
„den Halt verliert und keinen Sinn mehr in einem normalen bürgerlichen Leben sieht“.

„Wir haben kein Recht, über diese Menschen zu urteilen“, äußerte Landrat Sören Meng in seinem Grußwort. „Jeder hat seine ganz eigene Geschichte.“ Er erinnerte daran, dass es auch im
Landkreis viele Bürger gebe, die ohne staatliche Hilfen nicht leben könnten. Traberts „praktizierte Menschlichkeit“ stehe für das, was wir alle tun sollten und woran es doch so oft hapert: „Sich um andere
kümmern, Initiative zeigen“ und manchmal einfach nur da sein und „mit einem freundlichen Blick und Wort, wenn man durch die Straßen geht“.

Gezeigt wird die Ausstellung „Arzt der Armen“ bis 14. Oktober in der Christuskirche am Unteren Markt.