Heilpraktiker empört über „Hexenjagd“

Gesundheit : Heilpraktiker sind empört über „Hexenjagd“

Verbandschef reagiert auf die Kritik von Professor Gottschling und wirft Ärzten vor, sie wollten sich nur Konkurrenz vom Hals schaffen.

Als einen Angriff auf seine Berufsehre empfindet Michel Frisch ein SZ-Interview, in dem der Homburger Palliativmediziner Professor Sven Gottschling die Abschaffung des Heilpraktiker-Berufes forderte. Frisch ist der Vorsitzende des Landesverbandes der Union Deutscher Heilpraktiker. Er vertritt rund 200 Heilpraktiker, insgesamt praktizieren nach seiner Schätzung etwa 800 Heilpraktiker im Saarland. Bundesweit sind es 40 000.

Sie wirken immer noch sehr aufgebracht?

FRISCH So viel Unsinn, vermischt mit Unwahrheiten, habe ich auf einer Zeitungsseite noch nie gelesen. Dass die Medien einem Hetzer eine Plattform für die Werbung für sein neues Buch bieten, kann ich nicht verstehen. Professor Gott­schling hat überhaupt keine Ahnung, was Heilpraktiker täglich leisten. Er selbst praktiziert Akupunktur! Aber nur das, was er selbst gut findet, lässt er gelten.

So einfach ist es nicht: Professor Gottschling ist ein Experte, der Fischer Verlag ein renommierter Verlag. Gottschling hat wissenschaftliche Studien zur Alternativmedizin ausgewertet. Er vertritt keine Einzelmeinung: Heilpraktiker arbeiten auf einem Feld, das naturwissenschaftlich nicht gesichert ist.

FRISCH Stimmt. Schauen Sie mal, was vor 50 Jahren in der Medizin die Wahrheit war und was heute die Wahrheit ist. Das verändert sich permanent. Wir sind Erfahrungsmediziner. Wir haben keine Krankenkasse, die uns blindlings vertraut und uns die Kosten erstattet. Die Patienten bezahlen ihre Behandlung selbst. Wir haben bundesweit zwölf Millionen Patientenkontakte.

Mancher behauptet, die Patienten der Heilpraktiker seien Junkies? Sie würden abhängig von ihrem Therapeuten.

FRISCH Das habe ich in 26 Jahren Praxis noch nicht erlebt. Ich bin kein Guru, ich bin in der Schulmedizin aufgewachsen und habe überhaupt keine esoterische Ader. 85 Prozent meiner Kollegen kommen aus einem medizinischen Beruf, waren früher Krankenschwestern, Physiotherapeuten, sind hochqualifiziert. Ein weiterer großer Teil hat einen akademischen Abschluss, es sind Biologen, Pharmazeuten, Theologen, Physiker. Sie haben ihren Beruf aufgegeben, haben eine Praxis mit Kernkompetenzen aufgebaut und sehr viel Zeit mit dem Studium der Naturheilkunde verbracht. Außerdem haben Heilpraktiker die gleichen Sorgfaltspflichten wie Ärzte, was die Hygienestandards angeht, die Dokumentationspflicht, Patientenaufklärung und Medizingerätetechnik. Sie werden von Gesundheitsämtern kontrolliert und vom Gesundheitsministerium überwacht. Und es besteht wie bei den Ärzten eine Fortbildungspflicht.

Die Kritik macht sich ja auch weniger an der Behandlungspraxis fest. Es geht eher um die niedrigen Zulassungs-Kriterien: 25 Jahre alt, Hauptschulabschluss, kein Eintrag ins polizeiliche Führungszeugnis…

FRISCH Das sind die Minimalanforderungen. Die wenigsten haben nur die. Ich bin schon seit vielen Jahren daran, dass wir diesen Eingangs-Standard heben und auch die Prüfungsvoraussetzungen. Wenn jemand wie ein praktischer Arzt arbeiten soll, muss das Niveau der schriftlichen wie auch der praktischen Prüfung angehoben werden. Das heißt aber nicht, dass man ein gesamtes Medizinstudium ablegen muss. Ein Heilpraktiker muss sich nicht als Herzchirurg bewähren, sondern Naturheilverfahren beherrschen. Aber es müssten ihm bei der Prüfung die gleichen Leistungsanforderungen wie einem Allgemeinmediziner abverlangt werden. Dann würde sich ganz schnell die Spreu vom Weizen trennen, dann wären wir Fachleute auf gleicher Augenhöhe. Aber man will keine Konkurrenz.

Sie unterstellen wirtschaftliche Interessen?

FRISCH Ausschließlich. Das hat nichts mit Patientensicherheit zu tun. Was ist mit den 19 000 Toten, die laut AOK-Statistik jährlich durch ärztliche Behandlungsfehler ums Leben kommen? Die Haftpflichtversicherung für Heilpraktiker kostet 300 Euro. Wenn wir schlecht arbeiten würden, würden wir mehr Haftpflichtschäden verursachen und müssten höhere Summen zahlen. Für den praktischen Arzt kostet die Versicherung 8000 Euro. Den Ärzten geht es nur um sehr viel Geld, das man mit unseren Methoden verdienen kann.

Wie stehen Sie zum Vorschlag aus der Ärzteschaft, der 2017 als „Münsteraner Memorandum“ Schlagzeilen machte? Gefordert wird, den Heilpraktiker-Beruf abzuschaffen und dafür einen Fachpraktiker-Beruf einzuführen.

FRISCH Ich halte von dem gesamten Münsteraner Hexenverfolgungs-Kreis nichts. Es ist für mich unfassbar, dass Ärzte eine Verleumdungs- und Diffamierungskampagne gegen unseren Berufsstand fahren. Sie sollen unseren Beruf in Ruhe lassen. Wir haben unsere Standesorganisationen dafür. Es kann keinen Fach-Heilpraktiker geben. Denn den muss jemand Übergeordnetes kontrollieren. Das ist dann wie in den Kliniken. Die Ärzte hätten dann wieder die Macht über das Geld und die Verantwortungsgewalt.

Sie wollen keine Unterordnung?

FRISCH Nein, wir möchten nicht eine mit den Physiotherapeuten gleichgestellte Gruppe sein, denn sie sind Befehlsempfänger von Ärzten. Die Ärzte wollen den Heilpraktiker-Beruf abschaffen, um sich medizinisches Hilfspersonal zu schaffen. Viele Pflegekräfte flüchten aber doch aus den Kliniken. Es ist nicht immer die Überlastung oder die schlechte Bezahlung. Allzu oft ist es die Aberkennung der Leistung. Denn mit der gleichen Arroganz, wie man den Heilpraktikern begegnet, vergiften viele dieser Profilneurotiker ihren Krankenhausalltag.

Sie sprechen von Hexenjagd. Man hat das Gefühl, hier wird von beiden Seiten ein Glaubenskrieg geführt.

FRISCH Es wird ein gesamter Berufsstand diffamiert, und es werden auch Dinge miteinander vermischt. Oft geht es auch um berufsfremde Heiler, das ist unfair. Sie verstoßen gegen das Heilpraktiker-Gesetz. Viele machen unter dem Deckmäntelchen „Naturheilkunde“ Sachen, die wir als Verbände ablehnen.

Was muss passieren, um die Debatte zu beenden? Ist der Weg richtig, den die Politik beschreitet? Die Gesundheitsministerkonferenz hat 2018 eine grundlegende Reform beschlossen.

FRISCH Sie sollen uns vor allem arbeiten lassen. Sie sollen gesetzlich höhere Prüfungs-Standards festlegen und höhere Zugangsvoraussetzungen. Aber das ist nicht gewollt. Sie wollen nur, dass wir verschwinden. Wenn man das Argument einer minderen Ausbildung nicht mehr hat, was will man dann noch kritisieren?

Bereits 60 000 Allgemeinmediziner haben eine Zusatzqualifizierung in komplementären Methoden. Gottschling sagt, das macht Heilpraktiker überflüssig. Wie sehen Sie das?

FRISCH Das kann ja irgendwann mal der Fall sein, dann müssten die Ärzte aber nochmal drei Jahre Zusatzausbildung dran hängen oder man müsste aus ihrem Studium einiges rausschneiden. Ich bin skeptisch. Wenn man fünf, sechs Jahre den schulmedizinischen Weg gegangen ist, hat man ein ganz anderes Vorgehen und Denken trainiert.

Wie viel Speck nehmen Sie den Ärzten vom Brot?

FRISCH Es ist umgekehrt. Es gibt nicht wenige Ärzte, die mit unseren Methoden viel Geld verdienen. Sie bedienen sich und verlangen oft ein Vielfaches von dem, was wir verlangen.

Mehr von Saarbrücker Zeitung