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Die Pflege soll entfesselt werden

Die Pflege soll entfesselt werden

Saarbrücken. An das Bett gefesselt im Pflegeheim - für viele alte Menschen ist das eine Albtraumvorstellung

Saarbrücken. An das Bett gefesselt im Pflegeheim - für viele alte Menschen ist das eine Albtraumvorstellung. Nach Angaben des Bundesamts für Justiz aus dem Jahr 2009 kommt es bundesweit nur in Bayern zu mehr sogenannter "unterbringungsähnlicher Maßnahmen" - dazu gehören neben Fixierungen in Bett und Rollstühlen auch Bettgitter und das Ruhigstellen durch Medikamente - als im Saarland. Demnach kamen hier auf 10 000 Einwohner 18,9 genehmigungspflichtige Maßnahmen, im Bundesdurchschnitt waren es "nur" 11,74. "Die überwiegende Mehrzahl der Maßnahmen dürfte für Menschen beantragt werden, die in Heimen leben", schätzt der Vorsitzende des Ausschusses Betreuungsangelegenheiten der Liga der freien Wohlfahrtsverbände Saar, Johannes Schneider. "Wenn es sich die Heime finanziell wie personell leisten könnten, könnte in den meisten Fällen aus pflegerischer Sicht auf die Fixierung verzichtet werden."Das Festbinden sei nur der letzte Ausweg, wenn alle anderen Maßnahmen zum Eigenschutz der Heimbewohner nicht greifen, betonen die Pflegeheimbetreiber Kreuznacher Diakonie, Arbeiterwohlfahrt (Awo) und der Caritas Trägergesellschaft Saarbrücken (cts) gegenüber der SZ."Das Festbinden stellt den Straftatbestand der Freiheitsberaubung dar. Neben der Stellungnahme des behandelnden Arztes und einer Zustimmung durch Betreuer oder Angehörige ist immer ein richterlicher Beschluss notwendig", nennt Georg Scheffler-Borngässer von der Kreuznacher Diakonie, die im Saarland drei Pflegezentren unterhält, die Vorgaben. Zudem kontrolliere der Medizinische Dienst der Krankenkassen.

Die Fixierung stelle für das Pflegepersonal eine große Belastung dar, insbesondere dann, wenn die Bewohner sich gegen das Festbinden wehrten. "Wir wünschen uns immer andere Lösungen", sagt Awo-Sprecher Jürgen Nieser, aber gibt zu bedenken: "Leider steckt halt immer auch in den Köpfen der Mitarbeiterinnen die Angst vor Anklagen der Angehörigen oder Krankenkassen." Die Furcht werde dadurch verstärkt, dass in jüngster Vergangenheit die Krankenkassen vermehrt Regressforderungen aufgrund von Stürzen an die Träger gestellt hätten. Um ihre Angehörigen vor Verletzungen zu schützen, äußerten oft Familien den Wunsch nach Anbinden oder Bettgitter, sagt cts-Sprecherin Renate Iffland. Tiefbetten, bei denen Patienten rausrollen statt zu stürzen, Schutzmatten vor den Betten mit Sensoren, mehr beschützende Wohnbereiche, Anti-Rutsch-Einlagen, Protektor-Hosen und das Entfernen von Stolperfallen könnten einen Beitrag zur Reduzierung der Fixierungen leisten. "Bei akuter Gefahr wird der Boden auch schon mal mit Matratzen ausgelegt", sagt Iffland.

Viele Heime hätten zudem spezielle Demenzstationen, in denen die Bewohner auch nachts frei und sicher herumlaufen können, weiß Johannes Schneider. Um unnötige Fixierungen zu vermeiden, hält er Schulungen von Verfahrenspflegern für notwendig. Diese können bei Gericht die Interessen der Betroffenen vertreten und auf Alternativen hinweisen. Erst kürzlich seien an der HTW die ersten rund 30 Verfahrenspfleger im Saarland geschult worden.

Von Mai 2004 bis April 2006 hat das für Senioren zuständige Bundesfamilienministerium die Studie "ReduFix" - ein Projekt zur Reduzierung körpernaher Fixierung - in Auftrag gegeben. "Die Erkenntnisse dieser Studie wollen wir in unseren Einrichtungen umsetzen. Aktuell wird unser Personal zu diesen Themen intensiv geschult", sagt Awo-Sprecher Nieser. Die Kosten für diese Schulung würden zur Entlastung der Pflegeheimbetreiber in anderen Bundesländern wie Rheinland-Pfalz vom Land übernommen, sagt Schneider. Eine Maßnahme, die er sich auch für das Saarland wünscht. Ob das Saarland Elemente des rheinland-pfälzischen Fortbildungsmodells übernehmen kann, werde aktuell geprüft, hieß es vom zuständigen Sozialministerium. "Gemeinsam mit allen Beteiligten wollen wir nach Alternativen suchen, um die Zahl der Fixierungen auf ein Mindestmaß zu beschränken", sagte Staatssekretärin Gaby Schäfer. Aufbruch registriert auch Johannes Schneider: "Ich habe den Eindruck, das Thema ist im Saarland in Bewegung."