Tanzen, tanzen, tanzen. Endlich.

Maria (rechts im Bild) trifft sich mittags mit ihren Freundinnen an der Bar, an der sie eine Tanzvorführung geben sollen. Noch ahnt keine der Damen, dass während des Fußballspiels Brasilien–Chile in weiten Teilen den Wenigsten zu ausgelassenen rhythmischen Bewegungen, sondern mehr nach Atem anhalten, weinen und Hände über dem Kopf zusammenschlagen zumute ist.

Die 68-Jährige, die ursprünglich aus Recife in Pernambuco , einem Staat im Nordosten Brasiliens kommt, hat sich ihre Heimat ein Stück weit nach Rio geholt, wo sie bereits seit mehr als 30 Jahren lebt. Auf der Feira de São Cristóvão, einem überdachten Markt, der für Musik, Essen und Kunsthandwerk aus dem Nordosten Brasiliens bekannt ist, betreibt sie einen kleinen Kiosk. Für sie ist das ein Stück Heimat, ein Platz, an dem sie sich mit anderen aus ihrer Gegend an ihre Wurzeln und Traditionen erinnern kann. Maria tanzt mit ihren Freundinnen leidenschaftlich Forró. Ein traditioneller Tanz aus dem Nordosten, der durchaus auch in Rio viele Anhänger hat. Vielleicht erinnert sich noch jemand an den Ende der achtziger Jahre in Europa kurzzeitig populär gewordenen Lambada. Die Körper der Tanzpartner beim Forró sind ähnlich ineinander verschlungen.

Aber, ich schweife ab, zurück zum Fußball. Erst läuft alles wie erwartet. Jedenfalls fast. Brasilien geht relativ früh mit einem Tor des Abwehrspielers David Luiz und nicht mit Neymar, der normalerweise alles macht, in Führung. Manche lassen sich von den sympathischen Frauen zu einem ersten frühen Tänzchen hinreißen.

Was dann folgt, will ich hier nicht noch einmal schwarz auf weiß niederschreibend erleben. Einmal durchlebt reicht an Aufregung bis zum nächsten Spiel. Maria bleibt mit ihren Kolleginnen lieber auf einer Bank sitzen, die brasilianische Flagge hängt etwas schlaff über der Rückenlehne. Angesichts dessen, was sich da vorne gerade abzeichnet, lässt sie sich sogar zu politischen Mutmaßungen hinreißen. "Falls Brasilien verliert, wird vielleicht die Regierung endlich abgewählt", sagt sie. "Der Fußball hat eine unheimliche Macht im Leben der Brasilianer und lenkt momentan etwas vom Wesentlichen ab." Ab dem Elfmeterschießen hält es dann auch die drei Tänzerinnen nicht mehr auf den Sitzen. Und als Júlio César dann endlich den letzten entscheidenden Ball hält, ist auch dir Politik für kurze Zeit vergessen und die Frauen tun dass, weswegen sie eigentlich gekommen waren. Tanzen, tanzen, tanzen.

Sabrina Gab, 35, geboren und aufgewachsen in Zweibrücken, reiste ein Jahr um die Welt, bevor sie Rio de Janeiro als neues Zuhause wählte. Dort lebt und arbeitet die ausgebildete Journalistin und Yogalehrerin seit zwei Jahren mit ihrem Partner und dem gemeinsamen Sohn Noah.