„Mobbing ist gang und gäbe“

Jedes Jahr müssen zehn bis zwölf Jugendliche in Zweibrücken Hilfe in Anspruch nehmen, weil sie von Bekannten oder Schulkameraden gemobbt werden, schlägt Jugendamtsleiter Markus Wilhelm Alarm. Fälle von ADS oder Autismus nähmen rasant zu – wohl auch wegen Mobbings. Ein Mädchen, das sich 2012 das Leben genommen habe, sei schlimm gemobbt worden.

"Früher gab es auf dem Schulhof eine Keilerei, wenn man sich stritt. Heute wird das Ganze im Internet ausgetragen", sagt Markus Wilhelm. Er warnt davor, dass in Zweibrücken immer mehr Jugendliche Opfer von Mobbing werden. "Mobbing ist leider gang und gäbe. Zumeist läuft es im Internet ab. Es ist völlig unkontrolliert, was dort über die Plattformen läuft", sorgt sich der Zweibrücker Jugendamtsleiter.

Wie viele Betroffene es in der Rosenstadt gibt, lasse sich nur schwer beziffern. "Es gibt eine hohe Dunkelziffer. Bekannt ist, dass sich jedes Jahr zehn bis zwölf Betroffene regelrecht behandeln lassen müssen, weil sie im Internet angepöbelt und niedergemacht werden."

In den letzten vier Jahren hätten sich in Zweibrücken Fälle von ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom), Autismus oder Verschuldung bei den Jugendlichen verfünffacht, in Pirmasens gar versechsfacht - eine Ursache sei dabei wohl auch Mobbing .

Ein besonders tragischer Fall habe sich 2012 ereignet: Ein Mädchen habe Selbstmord verübt. Es habe sich herausgestellt, dass das Mädchen Opfer extremen Mobbings gewesen sei; es werde daher vermutet, dass ihr Selbstmord mit diesen schlimmen Attacken zusammenhing.

Vor allem in den sozialen Netzwerken werde gehetzt und verleumdet, sagt Wilhelm. "Die Jugendlichen wissen gar nicht, was sie sich indirekt damit selbst antun, wenn sie extreme Sachen posten." Doch das Internet vergesse nichts, später könnten etwa Chefs von Personalabteilungen im weltweiten Netz herausfinden, welche beleidigenden Dinge ein Schüler dort losgelassen habe - mit Mobbing im Internet verbauen sich viele Schüler das Berufsleben, ist sich Wilhelm sicher.

Er ermahnt die Erziehungsberechtigten: "Die Erwachsenen müssen den Jugendlichen klar machen, wie sie sich im Internet zu verhalten haben; sie müssen ihnen sagen, was geht und was nicht."

Die Dunkelziffer in Sachen Mobbing sei auch deswegen so hoch, weil sich viele Opfer nicht trauen, ihr Leid jemanden anzuvertrauen. "Wer gemobbt wird, empfindet oft Scham, die Betroffenen wollen meist nicht darüber sprechen. Man erkennt häufig indirekt, ob ein Schüler Opfer von Mobbing wurde - etwa, wenn dieser plötzlich anfängt, zuhause aufsässig zu werden, wenn er nicht mehr in die Schule will oder einen Rauswurf aus der Schule provoziert", sagt Wilhelm. Solche Zeichen erkenne ein Schulsozialarbeiter oft als Erster und könne dann gegensteuern. "Das zeigt, wie wichtig die Schulsozialarbeit ist." Aber nach den Sommerferien werde diese Arbeit aus Kostengründen an den Grundschulen wohl eingestellt (wir berichteten). Für Wilhelm Kurzsichtigkeit der Politik: "Kurzfristig spart man Geld. Aber in fünf bis zehn Jahren wird es die negativen Früchte zeigen."