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Kinderärzte in Zweibrücken: Ausnahmezustand wegen Covid-19

Entlastungs-Appell an Schulen: Attest-Pflicht lockern! : Kinderärzte wegen Corona an der Belastungsgrenze

Vor allem die Pandemie stellt Zweibrücker Praxen aktuell vor große Herausforderungen. Die Mediziner/-innen sprechen von Ausnahme­zustand, Überstunden und Grenzen der Belast­barkeit. Einen Appell richten sie an Schulen.

Die seit fast zwei Jahren andauernde Corona-Pandemie stellt auch Kinderarztpraxen in Zweibrücken auf eine harte Belastungsprobe. „Bei uns ist die Hölle los, das kann man nicht anders sagen“, erklärt Dr. Nicole Semar von der kinderärztlichen Gemeinschaftspraxis Dr. Sabine Moser, Dr. Nicole Semar und Anette Koschela.

Das habe mehrere Gründe. „Die Eltern haben natürlich viele Fragen zu Corona, insbesondere zur Impfung. Kinder zwischen 12 und 17 Jahren impfen wir bereits. Inzwischen hat die EMA grünes Licht für die Zulassung des Corona-Impfstoffes BioNTech/Pfizer für Kinder ab fünf Jahren gegeben. Ab 7. Dezember können wir den Impfstoff bestellen, sodass wir zum Monatsende nach ausgiebiger Aufklärung der Eltern mit dem Impfen beginnen können“, so Semar.

Eine weitere Belastung seien die PCR-Tests, die in den vergangenen Wochen stark zugenommen hätten: „Wir machen mehr als 20 Abstriche pro Tag, immer mittags und abends nach den Sprechstunden, damit es keinen Kontakt zu den anderen Patienten gibt. Viele Tests sind inzwischen positiv. Keine schweren Fälle – aber durchaus mit grippalen Symptomen.“

Besonders viel zu tun hätten sie aber nicht nur wegen Corona. „Wir haben im Moment extrem viele Kinder, die einfach krank sind. Das hat natürlich indirekt auch was mit Corona zu tun, insbesondere mit den Coronamaßnahmen wie Lockdown, Kontaktbeschränkungen und Maskenpflicht. Das Immunsystem ist einfach weniger trainiert“, erklärt die Medizinerin.

Mit den Ärztinnen, die inzwischen fast jeden Tag zu dritt arbeiten und mittwochnachmittags und samstags Impfblöcke anbieten, geraten auch die medizinischen Fachangestellten an ihre Belastungsgrenze. „Sie müssen viel mehr telefonieren und organisieren, Listen über Listen erstellen und ständig gibt es Neuerungen“, erklärt Dr. Semar. Man wolle sich jetzt im Team zusammensetzen und überlegen, wie sich die Arbeit reduzieren lasse. „Damit wir am Ende nicht alle kollabieren. Schließlich soll es ja weitergehen.“ Angedacht sei bereits, die Durchführung der PCR-Tests für Kinder ab der Grundschule an die Testzentren abzugeben. „Das würde uns schon entlasten“, sagt Dr. Semar. „Aber da hat das Gesundheitsamt natürlich noch ein Mitspracherecht.“

„Im Übrigen würden wir uns wünschen, dass die Schulen auf nicht zwingende Atteste verzichten. Eltern sollten durchaus selbst entscheiden dürfen, ob sie ihr Kind wegen einer Erkältung eine Woche zuhause lassen“, findet die Ärztin.

Auch das Team der Kinder- und Jugendarztpraxis von Christian Neumann hat sehr viel zu tun mit Abstrichen, Impfungen und vor allem ganz normalen Kinderkrankheiten: „Wir spüren aktuell eine heftige Infektionswelle bei den Kindern. Bei vielen diagnostizieren wir zudem das RS-Virus, was aber grundsätzlich nichts Ungewöhnliches ist. Eine RS-Welle erleben wir im Schnitt alle drei bis vier Jahre. Für Säuglinge kann es natürlich problematisch werden“, sagt der Zweibrücker Mediziner. Auch die Nachbetreuung bei einer RS-Virus-Infektion sei zeitintensiver. Dass in diesem Jahr so viele Kinder krank seien, habe natürlich schon was mit Corona zu tun. „Ein Aufholen der Infektionskrankheiten gerade bei den Kindergartenkindern, die im letzten Winter aufgrund des Lockdowns und der damit verbundenen Kontaktbeschränkungen ausgeblieben sind“, erklärt Neumann. „Doch auch wenn ich im Moment von morgens bis abends in der Praxis bin, empfinde ich das nicht als Stress“, betont er. „Was aber sicherlich nicht zur Entlastung bei uns Kinderärzten beiträgt ist, dass Kindergärten und Schulen angehalten sind, Kinder bereits mit kleinsten Symptomen nach Hause zu schicken. Das ist zwar grundsätzlich richtig, aber die Eltern kommen dann zu uns in die Praxis, weil sie einen Kinderkrankenschein brauchen. Ähnliches gilt für Schüler, die schon nach drei Tagen ein Attest brauchen – obwohl es dafür im Schulgesetz nicht einen Paragrafen gibt, der das fordert“, so der Kinderarzt. „Natürlich unterstützen wir Schulen gerne dabei, wenn es darum geht, es chronischen Blaumachern nicht ganz so einfach zu machen. Dennoch kosten uns im Moment gerade diese Termine sehr viel Zeit. Das müsste nicht sein.“