1. Pfälzischer Merkur

PSychologen in Rheinland-Pfalz äußern Sorge

Depressionen oder Zukunftsängst als Diagnose : Junge Menschen suchen vermehrt Psychologen auf

Die Corona-Pandemie hat die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen drastisch verändert. Vieles, das Spaß macht, ist nicht erlaubt. Das bleibt in Rheinland-Pfalz nicht folgenlos.

In der Corona-Pan­demie ist die Nachfrage nach Psychotherapien für Kinder und Jugendliche gewachsen. Die Zahl der Patientenanfragen sei in den entsprechenden Praxen in Rheinland-Pfalz im Vergleich zum Vorjahr um durchschnittlich 53 Prozent gestiegen. Das ergab eine Umfrage der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung. Die teilnehmenden 45 Kinder- und Jugendpsychotherapeutinnen und Therapeuten verglichen dabei die Zahlen einer Januarwoche in diesem Jahr mit dem Vorjahreszeitraum.

„Seit Monaten fallen für Kinder und Jugendliche alle positiven Aktivitäten weg“, sagt Sabine Maur, Präsidentin der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz. Hobbys etwa. Dazu komme die unklare schulische Situation.

Eines der größten Probleme seien die fehlenden sozialen Kontakte durch die Kita- und Schulschließungen gewesen, meint der Landesvorsitzende des Deutschen Kinderschutzbundes, Christian Zainhofer. „Vor allem, weil ab einem gewissen Alter die maßgeblichen Entwicklungsimpulse nicht mehr von den Eltern kommen, sondern von Gleichaltrigen.“ Und das fehlte fast ein Jahr.

Das Konfliktpotenzial sei in allen Familien größer, konstatiert Zainhofer. In Familien, in denen ohnehin Gewaltbereitschaft herrsche, verschlimmere sich die Situation, weil alle den ganzen Tag auf­einander hockten.

„Besonders Sorgen machen uns die Familien, die nicht so gute soziale und finanzielle Ressourcen haben“, erläutert Maur. Einige Jugendliche seien auch für Sozialarbeiter oder Lehrer nicht mehr erreichbar, nähmen an Homeschooling nicht teil, berichtet der Vorsitzende des Landesjugendrings Rheinland-Pfalz, Volker Steinberg. „Man weiß daher nicht genau, was in den Famil­ien vorgeht.“ Dazu kommt: Die Kinder leiden darunter, für ihre Familie ein Risikofaktor zu sein, wenn sie in überfüllten Bussen sitzen und in enge Klassenzimmer müssen: „Das stresst Kinder und Jugendliche maximal“, hält der Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Rheinhessen­-Fachklinik in Mainz, Michael Huss fest.

Erste Folgen sind spürbar. In den psychotherapeutischen Praxen für Kinder und Jugendliche im Land seien ein Anstieg der Anfragen zu verzeichnen, ebenso viele Rückfälle oder Verschlechterungen bestehender Krankheitsbilder, berichtet Kammer-Präsidentin Maur. Auch die Anfragen bei Hilfsangeboten wie der „Nummer gegen Kummer“ oder dem Elterntelefon haben laut Zainhofer zugenommen.

Die Mainzer Rheinhessen-Fachklinik verzeichnete vor allem in der zweiten Welle der Corona-Pandemie einen ähnlichen Trend. Der Schwere­grad habe deutlich zugenommen, berichtet Chefarzt Huss. Viele Kinder hätten hielten es ohne Hilfe nicht mehr aus. Symptome seien neben Depressionen auch Zukunftsängste.