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„Das macht mich fassungslos“

Saarlouis. Mit großer Verärgerung haben die Träger der Jugendpflege auf die Nachricht reagiert, wo der Kreis in diesem Bereich sparen will. Welche Stellen nicht mehr finanziert werden sollen, erfuhren sie nach eigenen Aussagen erst aus der Zeitung. Johannes Werres

Fassungslos, sagt der evangelische Pfarrer in Saarlouis , Jörg Beckers, das sei er: fassungslos und empört. Nur aus der Zeitung habe er erfahren, dass der Landkreis seinen Anteil an der Stelle von Barbara Johann, Jugendsozialarbeiterin der Gemeinde, nicht weiter zahlen werde. Grundlage ihrer Anstellung sei ein vor 25 Jahren von Kreis, Kommunen und freien Trägern ausgearbeitetes Konzept, das in einer Richtlinie beschreibe, was an Jugendsozialarbeit im Kreis notwendig sei. Mit der Umsetzung beauftragt wurden Jugendpfleger in den Kommunen und bei freien Trägern wie der evangelischen Gemeinde. Nach diesem "Saarlouiser Modell" zahlt der Kreis 60 Prozent pro Stelle, die Kommune oder der freie Träger 40 Prozent. "Diese Zusammenarbeit", ärgert sich Beckers, "wird über Nacht aufgekündigt, ohne uns offiziell zu informieren oder mit uns über Veränderungen zu reden". Die Pfarrei habe nicht das Geld, Johanns Stelle ganz zu finanzieren.

Seit sie den Job mache, seit 16 Jahren, "halte ich mich an die Richtlinie", sagt Barbara Johann. Sie betreibe so genannte "offene Jugendarbeit " für alle Jugendlichen in Saarlouis , Wallerfangen und Überherrn. Hausaufgabenhilfe, Jugendtreff, Einzelfallhilfe. Nur wenig Zeit, etwa 20 Prozent, mache sie rein kirchliche Jugendarbeit wie Konfirmandenunterricht. Deswegen ärgern sie und Beckers sich über die Begründung von Landrat Lauer, warum gerade solche Stellen gekürzt würden: Es sei nicht Aufgabe des Kreises, kirchliche Jugendsozialarbeit zu fördern. Gerade das geschehe ja im Saarlouiser Modell nicht; die Begründung hinterlasse den Eindruck, mit dem Kreis-Geld werde "nicht redlich umgegangen".

Jugendfarm vor dem Aus?


Wie Pfarrer Beckers erfuhr auch Petra Preßmar-Brun aus der Zeitung von Kürzungen. In ihrem Fall betrifft das eine der beiden Stellen der einzigen Kinder- und Jugendfarm im Saarland. Preßmar-Brun ist Vorsitzende des ehrenamtlichen Trägervereins. Wie Beckers bekam auch sie Anfang Januar unerwartet eine Aufforderung, den 60-Prozent-Anteil des Kreises formal zu beantragen. Mit der Information, dass die Finanzierung wahrscheinlich am 30. Juni auslaufe. Lauer hatte diese Kürzung damit begründet, dass die Farm "landesweit ausgerichtet" sei. Preßmar-Brun: "Vor ein paar Jahren strich uns das Land den Zuschuss, weil wir nur kreisweit ausgerichtet seien. Jetzt umgekehrt, es ist absurd." Auf der Farm können zum Beispiel Kinder sozialpädagogisch begleitet reiten, deren Eltern sich das sonst nicht leisten könnten. Die Kinder kommen aus dem ganzen Kreis, aus dem übrigen Saarland kämen regelmäßig Besuchergruppen. Bleibe es bei der Kürzung ohne Ausgleich, könne die Farm mit dann noch 1,4 Stellen ihren Zweck nicht mehr erfüllen.

Die Sparmaßnahmen, wie Lauer sie umrissen hat, kritisierte auch die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend (aej saar). "Wer kirchliche Jugendarbeit als rein religiöse Bildung versteht, kennt unsere Arbeit nicht", sagte aej-Vorsitzende Miriam Lehberger. Die kirchlichen Träger leisteten einen "wesentlichen Beitrag zur Jugendpflege in den Kommunen". Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) im Bistum Trier erinnerte gestern an die "Aufgabe der öffentlichen Träger, die Vielfalt der freien Träger zu unterstützen".

BDKJ verwundert

Auch beim BDKJ löste der Satz Lauers "Verwunderung" aus, wonach der Kreis nicht weiter rein kirchliche Jugendarbeit fördern wolle, die der BDKJ-Vorsitzende Michael Kasel sagte.Und "beschämend" für "Lauer und seine SPD-Kreistagsfraktion" nennt Klaus Kessler , Grünenchef im Kreistag, die Kürzungen "in wichtigen sozialen Bereichen". Der Landrat nutze Machtoptionen, die ihm die große Koalition eingeräumt habe, nur dazu und nicht für "dringend nötige Einsparungen im Verwaltungsbereich".