Waldspaziergang: „Bäume sind komplizierte Organismen“

Waldspaziergang : „Bäume sind komplizierte Organismen“

Diplom-Forstingenieur Michael Klein erklärt bei einer Wanderung das Ökosystem Wald und warum es in Gefahr ist.

Der Wald steckt voller Geschichten. Das erfuhren die Teilnehmer einer Wanderung des Saarwaldvereins Rehlingen-Siersburg am Freitagnachmittag bei sonnigem Herbstwetter. Dass es gar nicht so einfach ist, einen Wald zu bewirtschaften, machte dabei Michael Klein deutlich. Der Diplom-Forstingenieur führte durch sein rund 200 Hektar großes Revier am Hessberg. Das liegt zwischen Hessmühle, Ökosee, Limberg und Siersburg – und wird inzwischen in dritter Generation von der Familie bewirtschaftet. Dabei ist es ähnlich wie bei Landwirten, erklärte Klein. Macht nicht die ganze Familie mit, wird es zu teuer und nicht mehr finanzierbar.

Doch wie hält man einen Betrieb aufrecht, dessen Pflanzen Jahrzehnte brauchen, in Fällen wie der Eiche sogar bis um die 300 Jahre? „Man versucht, das Risiko zu streuen“, sagt Klein. Denn mal verursache ein Pilz Schäden, mal ein Käfer oder ein Sturm. „Deshalb setzen wir nicht nur auf eine einzige Baumart. Irgendeine wird es immer schaffen.“ Das führe zu mehr als 30 Baumarten auf einer Fläche. Damit einher geht eine Abkehr von der Monokultur. „Fichten gibt es nur noch wenige“, zeigte Klein anhand von Karten.

In den 1950er Jahren stand diese schnell wachsende Baumart noch auf großen Flächen. Den größten Ausfall brachten dann 1990 die Orkane Vivian und Wiebke. Sie schlugen breite Schneisen in die Wälder. Neben natürlichen Veränderungen erfolgen auch gezielte Eingriffe. Robinien zum Beispiel seien wie Unkraut. Wo sie sich breit machten, kämen andere Bäume kaum noch hoch.

Wie sich Ereignisse noch nach Jahrzehnten auswirken, erklärte Klein anhand eines Eisensplitters. Solche Granatsplitter stecken weiterhin in alten Bäumen. Sie stammen aus den schweren Kämpfen 1944/45 im Raum Dillingen-Pachten. Das führe zu Abschlägen im Holzpreis.

Das Problem Wildschweine müsse differenziert gesehen werden, erklärte Klein. Denn im Wald wühlen sie den Boden auf, wo dann Eicheln und Kastanien keimen. Aber an der Grenze Belgien-Luxemburg gebe es inzwischen die afrikanische Schweinepest. „Die Frage ist nicht, ob sie kommt, sondern wann.“ Deshalb werde mit Jagden entsprechender Druck auf die Population ausgeübt.

Ein Baum ist ein komplizierter Organismus. Abgesehen von den Blättern ist der große Teil davon totes Holz. Das kann geeignet sein für eine Nutzung, es kann sich aber auch lösen wie Zwiebelschalen, beispielsweise bei der Kastanie. Die ist ein Überbleibsel der Römer. Aus ihrem Holz machten sie Stöcke für die Weinreben. Zwischen Rinde und Stammholz lebt nur eine relativ dünne Schicht, der Bast.

Dort verlaufen winzige Kanäle für Wasser und Nährstoffe. In diesem Teil tobt immer wieder ein Kampf zwischen Baum und Borkenkäfer. Zuerst kommen Pionierkäfer, erklärte Michael Klein, die bohren die Rinde an. Gesunde Bäume füllen diese Löcher schnell mit Harz und wehren so die Käferinvasion ab. Geschwächte Bäume, zum Beispiel infolge Hitzestress, werden zu Brutstätten für Larven. Etwas verwundert zeigte sich Klein darüber, dass die meisten Bäume in der Region bisher recht gut durch die vergangenen trockenen Sommer kamen. Denn je nach Baumart, Untergrund, Boden und Jahreszeit sind beachtliche Wassermengen erforderlich. Vermutlich reichten die dünnen Wurzeln tief genug und kämen so ans Wasser. Aber gehe es auch in den nächsten Jahre heiß und trocken weiter, werde es schwierig im Wald. Stellen mit überwiegend kleinkörnigem Kies auf dem Weg am östlichen Hang erklärte Klein als Flussterrasse der Saar. Entstanden war sie, als die Saar noch rund 20 Meter über dem heutigen Talboden lag.

Michael Klein erklärt den Befall durch Borkenkäfer. Foto: Bodwing

An einer anderen Stelle besteht die Oberfläche eines breiten Waldweges aus hellen Kalksteinen vom Saargau. Dieser Weg kommt aus dem Bereich Ökosee, wo vor rund 2000 Jahren eine römische Siedlung lag. Die alte Verbindung zog sich den Hang hinauf und verlief über Itzbach weiter nach Metz. Ziemlich kahl waren die Wälder im 18. Jahrhundert, berichtete Klein. Wegen des hohen Holzverbrauchs für Pottasche in der Glasherstellung. Aber auch Hütten und Erzgruben brauchten Massen an Holz. In dieser Zeit, 1713, brachte Hans Carl von Carlowitz das Thema Nachhaltigkeit in die Waldwirtschaft ein. Dem sieht sich auch Michael Klein verpflichtet. Denn „die Entscheidungen, die wir hier treffen, haben noch meine Enkel zu tragen“.

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