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Gymnasiale Oberstufe
Mehr Auswahl für die Oberstufe

Schriftliche Abi-Prüfungen sind künftig auch in Fächern wie Religion und Musik möglich.
Schriftliche Abi-Prüfungen sind künftig auch in Fächern wie Religion und Musik möglich. FOTO: dpa / Felix Kästle
Saarbrücken. Ab dem kommenden Schuljahr haben Schüler mehr Freiheiten bei der Wahl ihrer Leistungskurse. Von Ute Kirch
Ute Kirch

Nach drei Jahren Beratungen hat die Landesregierung diese Woche eine umfassende Reform der Gymnasialen Oberstufe (GOS) beschlossen. Diese tritt bereits ab dem Schuljahr 2018/19 in Kraft und betrifft am Gymnasium Schüler der neuen zehnten Klassen, an Gemeinschaftsschulen und Beruflichen Oberstufengymnasien die neuen elften Klassen.


Anstelle der 2007 eingeführten zwei fünfstündigen Erweiterungskurse (E-Kurse) treten wieder wie zuvor die Leistungskurse (LK), von denen Schüler zwei belegen müssen. Die größte Veränderung stellen die erweiterten Wahlmöglichkeiten dar. Bisher konnten Schüler für die beiden E-Kurse nur zwischen Deutsch, Mathematik und einer Fremdsprache wählen. Auch künftig soll einer der beiden LKs eines der drei Kernfächer sein. Der zweite LK darf neben einem Kernfach nun aber auch eine Naturwissenschaft (Biologie, Chemie, Physik), Informatik oder eine Gesellschaftswissenschaft (Geschichte, Politik, Ethik), Sport, Musik, Kunst oder ein berufliches Profilfach sein. „Mir war wichtig, dass wir mit der neuen GOS-Verordnung die künftigen Abiturientinnen und Abiturienten besser auf das Studium oder eine berufliche Bildung vorbereiten: Denn wer schon in der Schule seine Neigungen und Talente vertiefen kann, findet leichter seinen Weg bei Berufs- oder Studienfachwahl“, sagte Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD). Die Reform korrigiere die GOS-Verordnung von 2007. Zwar sei es damals richtig gewesen, die Kernfächer zu stärken. Dies sei aber teilweise ins Leere gelaufen, weil individuelle Begabungen der Schüler außer Acht geblieben seien.



Die Reform war auch wegen neuer Vorgaben der Kultusministerkonferenz nötig geworden. Diese hatte 2016 beschlossen, dass Grundkurse ab 2019 außer in den Kernfächern nicht mehr vierstündig, sondern nur drei- und zweistündig unterrichtet werden dürfen. Das hat zur Folge, dass Schüler künftig elf statt bisher zehn Fächer belegen müssen. Neu ist ebenfalls die Regelung, dass die zweistündigen Grundkurse (Kunst, Musik, Darstellendes Spiel, Wirtschaftslehre, Religion, Informatik, Ethik, Philosophie und Geschichte) sowohl schriftliche als auch mündliche Abi-Prüfungsfächer sein dürfen. Bisher war hier nur eine mündliche Prüfung möglich. Nur zwei der drei Kernfächer sind künftig verpflichtende Prüfungsfächer.

Darüber hinaus wurde eine stichprobenartige Zweitkorrektur der Prüfungen an andere Schulen sowie die Wiedereinführung der verpflichtenden Abweichungsprüfung vereinbart. Diese müssen Schüler ablegen, wenn ihre Abiturnote stark von den bisherigen Leistungen abweicht. Zurzeit ist sie freiwillig. „Damit haben wir entscheidende Weichen gestellt, dass das Abitur auch in Zukunft ein Qualitätssiegel bleibt“, sagt der CDU-Landtagsabgeordnete Frank Wagner.

„Dieser Entwurf ist handwerklich einer der besten seit vielen Jahren“, lobt der Vorsitzende des Saarländischen Philologenverbands (SPhV), Marcus Hahn. Die erweiterte Fächerwahl sowie die Wiedereinführung der Leistungskurse böten die Chance zu einer qualitativen Weiter­entwicklung und könnten die Studierfähigkeit der Abiturienten erhöhen. Lehrer wie Eltern hatten bei den E-Kursen einen Niveauverlust im Vergleich zu den LKs beklagt. „Die saarländische Regelung wird sich daran messen lassen müssen, ob unsere Abiturienten im Wettbewerb mit Abiturienten anderer Bundesländer bestehen können“, sagte Hahn. Länder wie Baden-Württemberg böten eine Vertiefung in drei Leistungskursen an. Die Philologen bedauerten jedoch, dass die Digitalisierung zu kurz gekommen sei. So hätten sie sich eine Stärkung der Informatik auf drei statt nur zwei Stunden gewünscht. Zweifel hegten sie an den Plänen für den Geschichtsunterricht. Dieser könne am Gymnasium in Klasse 10 abgewählt werden, müsse dann aber in Klasse 11 von allen Schülern besucht werden. Ein Jahr später könne er wieder abgewählt werden. Hier fehle die Kontinuität. Zwar konnten Schüler bislang auch Geschichte abwählen, dies sei aber durch einen historischen Teil etwa in Erdkunde aufgefangen worden. Dies falle weg. Hahn regte an, dass zur Ausgestaltung der neuen Lehrpläne auch Wissenschaftler der Saar-Uni hinzugezogen werden sollten. Früher habe es hierfür einem Beirat gegeben. Lehrer und Wissenschaftler könnten abstimmen, welche Erwartungen es an die Studierfähigkeit gebe.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft begrüßte die Reform grundsätzlich. „Die erweiterten Wahlmöglichkeiten verstärken die Profilierung bei der Studien- und Berufswahl“, sagte Vorstandsmitglied Gerhard Graf. Dies bedeute für die GOS einen erhöhten Organisationsaufwand. Hierfür erhielten die Schulen bisher keine zusätzlichen Stunden. Die Regelungen für das Fach Geschichte bezeichnete Graf als „merkwürdig“. Eine „offene Baustelle“ sei auch noch das Seminarfach. Bisher gehe dies für alle über zwei Schuljahre, künftig soll es – je nach Wahl – ein oder zwei Jahre gehen. „Lehrpläne für die kürzere Zeit gibt es noch nicht“, sagte Graf.

Die Landeselterninitaitive für Bildung sowie die Gesamtlandeselternvertretung begrüßten die größere Fächerauswahl bei den LKs. Genaueres konnten sie noch nicht sagen, da ihnen der endgültige Entwurf noch nicht vorliegt.