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"Ein gesellschaftlicher Wandel wird ein langer, steiniger Weg"

Der Fall der Studentin, die nach einer Massenvergewaltigung in Neu Delhi gestorben ist, hat heftige Proteste in Indien ausgelöst. Wie haben Sie das erlebt?Scharf: Ich bin gleich zu Beginn der Reise drei Tage in Delhi gewesen, wo ich die Demonstrationen - die gerade ihren Höhepunkt erreicht hatten - miterlebt habe

Der Fall der Studentin, die nach einer Massenvergewaltigung in Neu Delhi gestorben ist, hat heftige Proteste in Indien ausgelöst. Wie haben Sie das erlebt?


Scharf: Ich bin gleich zu Beginn der Reise drei Tage in Delhi gewesen, wo ich die Demonstrationen - die gerade ihren Höhepunkt erreicht hatten - miterlebt habe. Ich habe mich da mit vielen Menschen unterhalten, und ihre Botschaft war eindeutig: Es sei jetzt endlich an der Zeit, für mehr Frauenrechte in Indien zu kämpfen. Was mich gewundert hat: Das war nicht nur die Meinung junger Menschen, auch viele Ältere haben sich so geäußert und sind mit auf die Straße gegangen.

Das Interesse an dem Prozess gegen die sechs mutmaßlichen Täter ist weltweit enorm. Haben Sie den Eindruck, dass dieser Fall eine Zäsur im Geschlechterverhältnis Indiens darstellen könnte?



Scharf: Da bin ich eher skeptisch. Da ist noch sehr, sehr viel zu tun. Die Gesellschaft in Indien ist eine teilweise sehr patriarchalische. Ich glaube aber, dass durch die permanente Präsenz dieses Themas sich langfristig etwas ändern könnte. Seit meiner ersten Reise nach Indien 1994 hat sich auch ein Paradigmenwechsel abgezeichnet. So gibt es jetzt etwa deutlich mehr Frauenbewegungen, selbst in kleinen Dörfern. Aber ein wirklich gesellschaftlicher Wandel - das wird sicher ein langer, steiniger Weg.

Wie äußert sich die Ungleichstellung der Frau in Indien?

Scharf: Etwa beim Verheiraten. Die Familie des Mädchens muss die Kosten für die Hochzeit aufbringen. Deshalb wird ein weibliches Baby oft abgetrieben. Oder in Bussen sitzen Frauen auf der einen und Männer auf der anderen Seite. Und Frauen müssen die härteste Arbeit leisten. Wenn an Baustellen etwa geschleppt werden muss, machen dies vorwiegend Frauen. Witwen werden wie Verstoßene behandelt.

Wie können die Einrichtungen des Jochen-Rausch-Zentrums helfen, das patriarchalische Geschlechterverhältnis zu überwinden?

Scharf: Die Bildung ist der Schlüssel: Wir versuchen den Kindern ein anderes, gleichberechtigtes Frauenbild zu vermitteln. Und das gelingt.Foto: CDU

Hintergrund

Das Jochen-Rausch-Zentrum in St. Wendel betreibt im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu das "Shanthi Bavan"-Kinderheim (44 Kinder), das "St. Michaels"-Heim für 50 Halb- und Vollwaisen sowie die "Wendelinus-Block"-Schule für rund 400 Kinder. Zudem werden der Hausbau für indische Witwen (bisher 100 Häuser) und OPs für Kinder finanziert. jos