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Fataler Trend zum Kaiserschnitt

Saarbrücken. Binnen 20 Jahren hat sich die Zahl der Kaiserschnitte im Saarland auf mehr als 40 Prozent aller Geburten verdoppelt. Das ist bundesweiter Höchststand. Die Landesregierung plant eine Initiative, um die Zahl zu senken. Ute Kirch

Den Bauch einer Schwangeren aufzuschneiden und mit den Händen das Kind ans Licht der Welt zu bringen, ist Routine für Frauenärzte in Kliniken . Doch ob Kinder auf diese Weise auf die Welt kommen, hängt auch vom Wohnort der Mutter ab. So kamen im Saarland 2014 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 3118 - das entspricht einer Quote von 40,2 Prozent - per Schnittentbindung zur Welt. Das ist bundesweit der höchste Wert, der Bundesschnitt liegt bei 31,8 Prozent. Laut Weltgesundheitsorganisation sollte die Rate höchstens bei 15 Prozent liegen. "Grundsätzlich sollte ein Kaiserschnitt nur nach medizinischer Indikation durchgeführt werden, dann wenn eine vaginale Geburt Leib und Leben des Kindes oder der Schwangeren besonders gefährdet, und durch die Durchführung des Kaiserschnittes diese Gefahr abgewendet werden kann", teilt das Saar-Gesundheitsministerium mit. Daher plant die Landesregierung eine Initiative, mit der der hohe Anteil der Kaiserschnitte gesenkt werden soll. Bisher fand ein erstes Treffen mit Ärztekammer, dem Berufsverband der Frauenärzte und den Leitungen der Geburtsabteilungen der Kliniken statt. Nun soll eine Arbeitsgruppe mit den Hebammen und der Kassenärztlichen Vereinigung gebildet werden, die ein Konzept erarbeiten will.



1994 lag die Kaiserschnittrate im Saarland noch bei 20,1 Prozent. Die Gründe für den Anstieg seien vielfältig. "Es gab große Veränderungen in der Gesellschaft als auch in der Medizin", sagt der Vorsitzende des Berufsverbands der Frauenärzte im Saarland (BVF) Dr. Jochen Frenzel. Sei damals die Komplikationsrate bei Kaiserschnitten höher als bei Spontangeburten gewesen, sei heute das Risiko zu 99,1 Prozent identisch. Zudem sei gesellschaftlich das Bedürfnis nach Sicherheit, Verlässlichkeit und Planbarkeit gestiegen. Auch die Selbstbestimmung der Frau spiele eine größere Rolle. Das gestiegene Sicherheitsbedürfnis sieht auch der Geschäftsführer der Saarländischen Krankenhausgesellschaft (SKG), Thomas Jakobs: "Ärzte tun sich angesichts des hohen Haftungsrisikos schwer, Frauen mit Wunsch nach einem Kaiserschnitt diesen Wunsch auszureden." Aber der Annahme, dass Ärzte vorschnell dem Wunsch zum Kaiserschnitt entsprechen, widerspricht er.

Daneben spiele auch das steigende Alter der Frauen bei der ersten Schwangerschaft eine Rolle, sagt Frenzel. Habe dieses vor 20 Jahren noch zwischen 26 und 27 Jahren gelegen, sei es inzwischen auf 33 Jahre angestiegen. Die hohe Quote liege auch am Gesundheitszustand der Schwangeren. Zum einen sei hierzulande der Anteil der Schwangeren, die rauchen, höher als bundesweit. Zudem hätten immer mehr werdende Mütter - aktuell jede Vierte - Übergewicht , was das Risiko bei einer natürlichen Geburt steigere. Dies führe häufig zu einer Entscheidung für die Schnittgeburt. Der viel zitierte Wunschkaiserschnitt, also die Wahl des Geburtstermins aufgrund von Termindruck oder einer hübschen Zahlenkombination des Geburtstages, sei seiner Erfahrung nach eine Ausnahme von weniger als zwei Prozent. Als weitere Gründe sieht das Ministerium auch den Anstieg der künstlichen Befruchtungen und der Frühgeborenen sowie ein "ein verlorenes Vertrauen der Frau in eigene natürliche Fähigkeiten".

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) verweist darauf, dass diskutiert wird, ob Kaiserschnitt-Kinder häufiger an Asthma, Allergien und Diabetes erkranken. Doch die Ursachen hierfür seien nicht einzig auf die Art der Geburt zurückzuführen, meint Frenzel: "Das Hauptproblem ist, dass ein Kaiserschnitt zu Problemen bei Folgeschwangerschaften führen kann, etwa bei der Versorgung des Kindes. Natürliche Geburten können danach häufiger mit Komplikationen behaftet sein."

Aus Sicht des Saarländischen Hebammenverbandes (SHV) sind gesundheitliche Risiken nur ein Teil der Erklärung. Dem SHV zufolge werden über 20 Prozent der Geburten ohne triftigen Grund eingeleitet. Die DGGG empfiehlt, die Geburt zehn Tage nach Überschreitung des errechneten Termins einzuleiten. In der Praxis würden die Kinder jedoch viel früher geholt. "Hierzu trägt mitunter bei, dass die Schwangeren ab errechnetem Entbindungstermin oft nicht mehr durch die Praxen der Frauenärzte betreut werden. Dies ist unter anderem auf die niedrigen Honorare der niedergelassenen Ärzte zurückzuführen", so der SHV. Zudem verdienten die Kliniken "ein Vielfaches" mehr am Kaiserschnitt als an einer natürlichen Geburt. Diesen Vorwurf weisen BVF und SKG zurück. Zwar liege die Pauschale für einen Kaiserschnitt ohne Komplikationen etwa tausend Euro höher als für eine natürliche Geburt, doch sei mit der Operation ein höherer personeller Aufwand verbunden. "Wenn man das gegenrechnet, kann ein Kaiserschnitt sogar unlukrativer für eine Klinik sein als eine spontane Geburt." Es werde schwer, die Kaiserschnittquote zu senken, meint Frenzel. Bereits eine Senkung um vier bis sechs Prozent wäre ein erheblicher Erfolg.

Was muss sich ändern? Der SHV wünscht sich eine Begleitung der Schwangerschaft von Beginn an durch eine Hebamme sowie eine kontinuierliche Betreuung bis ins Wochenbett durch ein vertrautes Team. Zeit, Ruhe und Geduld bei der Betreuung der Geburt durch eine Eins-zu-eins-Betreuung könne eine natürliche Geburt fördern. "Die Frauen haben das Gebären nicht verlernt, sondern brauchen eine kompetente Begleitung, die sie in ihren Fähigkeiten wirksam stärkt", sagt SHV-Vorsitzende Andrea Dansoko. Dafür müssten auch wieder vermehrt Hebammen freiberufliche Geburtshilfe anbieten. Auch Frauenärzte an Kliniken seien gesucht, meint Frenzel. "Wir müssen die werdenden Mütter besser aufklären, ihnen aber keine Vorwürfe machen", meint SKG-Geschäftsführer Jakobs. Es müsse mehr Prävention gegen Übergewicht und Rauchen geben, um Risiken zu senken.