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Poprat und Netzwerk Freie Szene: Wenn zwei sich nicht streiten

Kulturpolitik : Wenn zwei sich nicht streiten . . .

Der Pop-Rat und das Netzwerk Freie Szene wollen gemeinsam stark sein. Ein SZ-Gespräch mit Pop-Rat Julian Blomann und dem Netzwerker Peter Tiefenbrunner.

„Ich erwarte, dass die Stadt ihre Verantwortung ernst nimmt und einen ernsthaften Kulturetat aufstellt. 100 000 Euro sind nicht ernsthaft. Und sie sollte die Interessenverbände, die die Sachkenntnis haben, in die Gestaltung einbeziehen.“

Julian Blomann, Chef eines der schönsten Veranstaltungsorte Saarbrückens, des Theaters Zum Hirsch in St. Arnual, ist ein Freund klarer Worte. „Eine lebendige Kulturszene, eine lebendige Gastronomie und eine grüne Stadt“, das seien die Faktoren, mit denen man Zukunft gestalten könne. Aber die Kulturpolitik der Stadt Saarbrücken habe „keinen Plan“.

Mit seinem Gesprächspartner an diesem Morgen ist er sich da  absolut einig. „Die Frage heißt doch nicht: Wie viel Kultur können wir uns leisten, es muss heißen: Wie wenig (!) Kultur können wir uns leisten“, ergänzt Peter Tiefenbrunner. Der Schauspieler und Kabarettist ist auf Einladung der SZ als Vertreter des Netzwerks Freie Szene zum Gespräch gekommen. Blomann ist Mitglied im Pop-Rat und dort eine Art Scharnier zwischen Veranstaltungswirtschaft und Kultur-Produzenten. Denn er ist mit seiner Agentur Erlebnisraum, bekannt unter anderem für ihre Krimi-Dinner, beides, Unternehmer und Kreativer.

Die beiden stehen exemplarisch dafür, dass sich etwas bewegt in zwei der wichtigsten Kultur-Interessenvertretungen im Land. Nicht mehr gegeneinander, miteinander soll es gehen. „Wir werden uns auf gar keinen Fall gegeneinander ausspielen lassen“, sagt Blomann. Wenn jemand den Pop-Rat missbrauchen wolle, „einen Keil zu schlagen in die Szene – da machen wir nicht mit“.

In den letzten Wochen und Monaten konnte man ein bisschen den Eindruck bekommen, die Saarbrücker Kulturszene könnte zersplittern. Es wurden  offene Briefe geschrieben, der Pop-Rat, die Interessenvertretung vieler saarländischer Veranstalter und Kreativwirtschaftler, schien mehr Einfluss auf die städtische Kulturpolitik zu haben als das Netzwerk Freie Szene. In dem aber sind die meisten der freien Künstlerinnen und Künstler, der experimentellen Musiker und Jazzer organisiert. Aber ausgerechnet mit dem Netzwerk wollte der OB Uwe Conradt bis heute nicht reden, trotz mehrmaliger Anfragen.

„Die Stadt ist selbst schuld an den offenen Briefen“, sagt Peter Tiefenbrunner. Die Signale aus der Verwaltung seien im günstigsten Fall verwirrend. Auch den Kulturpolitikern im Stadtrat stellen die beiden keine guten Zeugnisse aus. „Der Kulturausschuss lässt den OB total in Ruhe“, ärgert sich Julian Blomann. Dabei müssten die Kulturpolitiker doch kämpfen, gerade jetzt, wo viele Weichen neu gestellt werden sollen und Kultur und Kreativwirtschaft in der Corona-Krise existenziell bedroht sind. Statt dessen höre man aus den Fraktionen, dass sie schon froh wären, wenn die kläglichen, seit 20 Jahren nicht erhöhten Zuschüsse von 103 000 Euro für Projekte der freien Szene nicht auch noch gekürzt würden.

Diese Mut- und Visionslosigkeit regt die beiden auf. „Dass mehr Geld für die Kultur her muss, ist doch klar“, sagt  Tiefenbrunner. Die städtische Kulturpolitik könne nur dank der „riesigen Selbstausbeutung der freien Künstler“ überhaupt funktionieren. „Mit öffentlichen Geldern werden prekäre Verhältnisse geschaffen“, sagt er. „Im Straßenbau wäre das verboten“, ergänzt Julian Blomann und erklärt: „Kultur ist ein Menschenrecht. Sie darf keine freiwillige Aufgabe mehr sein.“ Und sie benötige mindestens so viel Aufmerksamkeit wie ein Fußballstadion. „Ich habe kein Problem damit, wenn eine Stadt wie Saarbrücken enorme finanzielle Anstrengungen unternimmt, ein Fußballstadion zu sanieren. Aber ich erwarte, dass sie dann im nächsten Jahr genauso einsteigen für die Kultur.“ Und Tiefenbrunner fragt: „Warum ist A selbstverständlich und B nicht?“

Wenn man den beiden zuhört, wird eines schnell klar: Da wächst zusammen, was zusammen gehört. Nach anfänglichen Berührungsängsten haben sich Pop-Rat und Netzwerk Freie Szene angenähert. Es werden die gemeinsamen Interessen betont. Denn auch wenn Kreativwirtschaft und freie Kulturszene unterschiedlich arbeiten, so gibt es doch eine Schnittmenge. An der man sich jetzt trifft. Die Vorstände beider Vereine hatten schon Gespräche,  Blomann und Tiefenbrunner tauschen sich regelmäßig aus, „Wir haben einen  heißen Draht“, sagt Blomann.

Mit dieser gemeinsamen, stärkeren Stimme wollen sie der Kultur eine Lobby geben, die bisher fehlt. Und der Kulturpolitik Beine  machen. „Die ganze Unruhe, die offenen Briefe etc. resultieren doch daraus, dass man nicht mal weiß, wo es hingehen soll“, sagt Tiefenbrunner. Die Künstlerinnen und Künstler der freien Szene müssten normalerweise jetzt ihre Anträge für die Produktionen im nächsten Jahr stellen, „aber wir wissen ja nicht mal, beim wem“. Seit dem  Machtwechsel im Rathaus sei im Kulturdezernat eine völlig undurchsichtige Situation entstanden.  Das Kulturamt wirkt wie abgetaucht. Der Kulturdezernent ebenso. Statt dessen wurde eine Mitarbeiterin ins Spiel gebracht, über deren genaue Aufgaben die Stadtpressestelle auf Anfrage auch nach Wochen keine Angaben machen konnte.

„Und dieses allgemeine Altpeter-Bashing ist sehr unschön von der Stadt“, so Blomann und spielt damit darauf an, dass Thomas Altpeter, einer der engagiertesten Mitarbeiter des Kulturamtes, ins Kreuzfeuer gezerrt wurde. Er hat in den letzten 20, 30 Jahren die Saarbrücker Kulturszene fast im Alleingang betreut, ihr Profil gegeben und das renommierte Festival Saarbrücker  Sommermusik gegründet. Unter dem neuen OB ist diese Praxis nun in die Kritik geraten. „Die Förderrichtlinien wurden vor Jahren vom Kulturausschuss abgesegnet“, sagt Blomann dazu, „und wir finden es unanständig, wie die Stadt mit einem Mitarbeiter umgeht, der in letzter Instanz ja nur seinen Job gemacht hat“.

Blomann wehrt sich auch vehement dagegen, dass in einigen Szene-Gerüchten der Pop-Rat als Bösewicht dargestellt werde, der dafür sorgen wolle, dass Altpeter gehe. „Wir wollen die Sommermusik erhalten“, sagt er klipp und klar. „Denn so viele Leuchttürme in der Avantgarde-Kultur haben wir nicht“. Und Tiefenbruner ergänzt: „Die Sommermusik ist für viele in unserem Verband extrem wichtig.“ Beide Organisationen sind dafür: Es soll ein eigenes Festival mit einem künstlerischen Leiter sein, der idealerweise Thomas Altpeter heißt. „Und bitte behandelt ihn so, dass er in ein paar Jahren noch da ist und sich um die Nachfolge kümmern kann“, sagt Blomann Richtung Stadtverwaltung.

Auch in einer anderen Frage, die die Freie Szene umtreibt, sind sich Netzwerk und Pop-Rat einig. Beide akzeptieren, wenn in Zukunft die Vergabe der städtischen Kulturzuschüsse von einer Jury mitgestaltet werden. „Wir haben ja auch auf Landesebene daran mitgearbeitet, dass die Jury eingesetzt wird. Das ist State of the Art bundesweit“, sagt Tiefenbrunner.

Allerdings sehen beide die Art und Weise, wie das Jury-Modell unlängst beim Corona-Solidaritäts-Fonds erstmals zum Einsatz kam, kritisch. Da habe etwa ein Kulturunternehmer, der bereits vom Land mit über 100 000 Euro gefördert wird, einen Zuschuss bekommen, obwohl das qua Satzung eigentlich ausgeschlossen war. Es seien eher willkürlich eine Galerie und ein einzelner Pop-Musiker gefördert worden.

Das Theater Zum Hirsch in St. Arnual haben Julian Blomann und seine Agentur zu einem Eventhaus mit mehreren Spielmöglichkeiten umgestaltet. In der Keller-Lounge etwa finden inmitten der Exponate des Saarbrücker Weltenbummlers Heinz Rox Schulz zum Beispiel Lesungen statt, bzw. können stattfinden, wenn gerade kein Virus das Kulturleben lahmlegt. Foto: Agentur Erlebnisraum
Peter Tiefenbrunner ist auch als Kabarettist bekannt. Bei SR2 hat er die Radio-Kolumne „Brunners Welt“, und auf der Bühne bringt er alljährlich mit seiner Partnerin Barbara Scheck den kabarettistischen Jahresrückblick von „Brunner & Barscheck“. Foto: Kerstin Krämer

Da sei noch Verbesserungs-Bedarf. „Wir sind nicht gegen eine Jury, aber wir wollen bei der Besetzung  mitreden“, erklärt Peter Tiefenbrunner. Und die Jury sollte nicht nur aus drei Leuten bestehen.  „Mit einer fünfköpfigen Jury würde ich  mich auch wohler fühlen“, sagt Blomann. Und zum Thema Kulturetat meint Tiefenbrunner zum Schluss: „Wenn die Stadt sich wegen Corona sowieso um drei Milliarden verschulden muss, kann sie sich auch für 3,1 Milliarden verschulden.“