Serie Barrierefreiheit: Er hört Musik nur, wenn sie laut ist

Serie Barrierefreiheit : Er hört Musik nur, wenn sie laut ist

Seit seinem elften Lebensjahr hört Gerhard Malik nichts mehr. Das hält ihn aber nicht davon ab, auf Konzerte zu gehen.

Gerhard Malik, ein großer Mann mit grauen Haaren und grauem Bart, freut sich auf seine Lieblingsband. Als die Münchner Freiheit loslegt, sucht sich der Bass des ersten Liedes seinen Weg durch die Menge. In der ersten Reihe, direkt neben der großen Box, steht der Mann mit dem runden Gesicht und dem sympathischen Lächeln. Nimmt die Schwingungen auf, fühlt den Rhythmus. Wippt mit. Als langjähriger Fan kennt er die Lieder auswendig. Die Worte, die der Sänger formt, hört Malik jedoch nicht. Gerhard Malik ist taub.

Mit elf Jahren erkrankte Malik an einer Hirnhautentzündung. Lag zwei Wochen im Koma. Als der Junge erwachte, begann ein neues Leben. Plötzlich war die Welt still. Kein Vogelgezwitscher mehr. Kein Radio. Die Stimme der Mutter verstummte.

Davon erzählt er heute, mehr als 50 Jahre später am rustikalen Küchentisch seines gemütlichen Hauses in Saarbrücken sehr sachlich. Ab und zu gebärdet er mit den Händen mit. Hinter dem Anwesen liegt ein großer Garten. Viel Arbeit, aber die macht dem Rentner Spaß, hier kann er entspannen.

Dass der 64-Jährige nichts hört, fällt erst mal gar nicht auf. Darum sprechen ihn manchmal Passanten an und fragen nach dem Weg. Vielleicht könnte er helfen. Er gibt sich Mühe, es ihnen von den Lippen abzulesen. Das klappt aber nicht immer sofort. Spätestens, wenn sie ihre Frage zum dritten Mal wiederholen müssen, reagieren die meisten genervt und fragen jemand anderen. Das tut weh. „Es wurmt mich. Wenn sie gleich wüssten, dass ich taub bin, würden sie mich gar nicht erst fragen.“ Er wünscht sich, dass die Menschen es immer wieder versuchen würden. Irgendwann klappt es, verspricht er. „Und die letzte Möglichkeit ist aufschreiben.“

Die Kinder in der Schule, so erzählt Malik, konnten mit seinem plötzlichen Hörverlust nicht umgehen. „Ich habe alle meine hörenden Kameraden von früher verloren.“ Er konnte sie nicht verstehen. Sie wussten nicht, wie sie es ihm verständlich machen sollten. Er wurde zum Außenseiter. Die Eltern schickten ihn auf ein Internat mit anderen gehörlosen Kindern nach Lebach. Die wussten schnell, wie sie den Neuling aufnehmen. Sie brachten ihm die Gebärdensprache bei.

Taubheit bringt mehrere Probleme mit sich. Denn Gleichgewichtsstörungen sind eine Begleiterscheinung. Malik kann bis heute nicht Rad fahren. Dafür singt er aber leidenschaftlich gern. Um seine Stimmbänder zu trainieren, wozu ihm sein Arzt geraten hat. Weil er spät ertaubt ist, kann er noch sprechen und singen. Das ist nicht bei allen Gehörlosen so. Am liebsten singt er in der Badewanne. Seine schwerhörige Frau Ulrike schaltet dann die Hörgeräte ab, scherzt sie. Und auch am Geburtstag seiner guten Freundin Mechthild hat er ein Ständchen gesungen. „Das selbst gedichtete Lied vorzutragen, hat Mut gekostet. Danach war ich richtig stolz auf mich.“

Eine seiner Lieblingssendungen? The Voice of Germany. Dafür legt er sich den Lautsprecher auf den Bauch und liest die Untertitel mit. The Voice of Germany sei eine der wenigen Musik-Sendungen im privaten Fernsehen, die hierfür Untertitel anbietet.

Nach anderthalb Jahren in Lebach wechselte der Jugendliche zu einem Internat für Schwerhörige in Hamburg. Eine Lehrerin dort übte mit ihm, von den Lippen abzulesen. Das ist schwer. Jedes Mundbild ist anders. Oft saßen sie zusammen vorm Spiegel. Haben sich selbst und den anderen beobachtet. Immer wieder geübt. Er liest gut von den Lippen ab. An Fremde muss er sich erst gewöhnen, denn jedes Gesicht, jeder Mund ist anders.

Das Ehepaar mag es, die beiden erwachsenen Söhne in München zu besuchen. Die Fahrt mit der Bahn funktioniert jedoch nicht immer reibungslos. Meist, so erzählt er, werden Änderungen nur über die Lautsprecher durchgesagt. Das bekommt das Paar nicht mit. Mehrmals sind sie deshalb schon im falschen Zugabteil gelandet oder standen am falschen Gleis. Gerade für Frau Ulrike mit einem künstlichen Hüftgelenk ist dies dann eine Herausforderung.

Und Schaffner hätten auch nicht immer Verständnis. Als ein Zug in anderer Wagenreihung in den Bahnhof einfuhr, standen die beiden am Bahnsteig vorm falschen Abteil. Denn: Die Änderung wurde nirgends angezeigt, nur durchgesagt. Die Reaktion des Zugbegleiters, als sich die Maliks darüber beklagten: „Lieber ein bisschen laufen als eine halbe Stunde Verspätung.“ Und meinte damit, dass Kunden dies statt des Zeitverlustes in Kauf nehmen müssten, der entstehe, wenn Wagen umgekoppelt werden.

Malik beendete die Schule mit der mittleren Reife. Abitur für einen Gehörlosen? In den 60er/70er-Jahren noch undenkbar. Die meisten haben dann einen handwerklichen Beruf erlernt. Maler oder Schreiner. Malik aber leistete Pionierarbeit. Mit Gehörlosen aus ganz Deutschland besuchte er eine kaufmännische Wirtschaftsschule in Heidelberg. Malik ist einer der ersten Absolventen. Danach besuchte er noch eine weitere. Die war allerdings nicht auf Gehörlose spezialisiert. Er musste sich durchbeißen. Schaffte es. Ist  Diplom-Datenverarbeitungskaufmann.

Nach langer Suche fand er eine Stelle als Programmierer im Rechenzentrum einer Bank. Damals noch ohne Monitor, mit Lochkarten. Er hat die gesamte EDV-Entwicklung erlebt. Am Anfang wurde erst mal getestet, was er kann. Unschlagbar war er im Korrekturlesen der Quelltexte. Er hatte weniger Ablenkung als seine hörenden Kollegen. Was er nicht konnte, war telefonieren. Das mussten andere für ihn erledigen. Oder er musste zu ihnen hingehen. Nicht alle hatten Verständnis dafür. An Türen klopfte er deshalb nur zögerlich.

 Über 40 Jahre hat er bis zur Rente vor wenigen Jahren für diese Firma gearbeitet. Probleme gab es nur bei Versammlungen. So vielen Menschen auf einmal konnte er nicht folgen. Drei Tage später bekam er Sitzungsprotokolle. Davor versuchte er, die Infos von anderen zu bekommen. Oft, so erzählt er, haben die abgewunken. „Nichts“ oder „Ach, kannste vergessen“ hörte er. „Aber ich will doch wissen, was ich vergessen soll. Ich will das ‚Nichts‘ wissen.“

In den letzten Jahren vor seiner Pension hatte die damalige Abteilungsleiterin eine Lösung parat: einen Schriftdolmetscher. Eine speziell ausgebildeter Mitarbeiter kam zu den Sitzungen, sprach und tippte alles, was auf der Versammlung gesagt wurde, in ein Gerät. Schweißtreibende Arbeit, berichtet Malik anerkennend. Auf einem Bildschirm konnte er so die Sitzung verfolgen. Konnte dann auch selbst mitreden, Fragen stellen, sich einbringen. Konnte endlich auch abwinken und das „Nichts“ vergessen.

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