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Nicht nur vor dem Tore: Apostel als Schlosswächter im Wasserfall

Nicht nur vor dem Tore : Apostel als Schlosswächter im Wasserfall

Die Quelle liegt auf dem Dach eines stilisierten Wächterhäuschens. Eine Paulus-Statue von der Ludwigskirche ersetzt den Gardisten.

Als im März 1989 nach der jahrelangen Restaurierung des Saarbrücker Schlosses endlich auch der große Platz davor fertiggestellt war, waren nicht alle Saarbrücker auf Anhieb begeistert. So ganz ohne Beete oder wenigstens Zierrasen, die der Vorplatz ja in den 1920er Jahren mal hatte, stattdessen belegt nur mit Pflaster und Kies, erschien er manchem doch etwas kahl.

Gottfried Böhm aber, der renommierte Architekt, der die Pläne für den Umbau des Schlosses wie auch für den Vorplatz entworfen hatte, hatte sich dabei etwas gedacht. Er wollte dem Aussehen der früheren Schlossanlage, wie sie Barockbaumeister Friedrich Joachim Stengel (1694 – 1787) Anfang des 17. Jahrhunders für Fürst Wilhelm-Heinrich entworfen hatte, möglichst nahe kommen.

Schon damals war der Schlossplatz, wie wir aus zeitgenössischen Gemälden wissen, ziemlich kahl, wuchs auf ihm weder Baum noch Strauch. Außerdem war er „eingefriedet“ durch zwei Mauern. Die eine begrenzte den sogenannten „Cour d‘honneur“, den Ehrenhof, zwischen den beiden Schlossfügeln, die zweite begrenzte den „Cour d‘avant“, den Vorhof, und hatte neben der mittigen Einfahrt zwei achteckige Wachhäuschen.

Wie man in den Schriften des Saarbrücker Bauforschers Alfred Werner Maurer nachlesen kann, folgte Stengel mit dieser Anlage den Empfehlungen für Schloss-Höfe und Burgplätze seiner Zeit. Deren „mehrfache Absicht und Nuzen“ (damalige Schreibweise) —  wie sie der zu Stengels Zeiten einflussreiche Baukunst-Professor Leonard Christoph Sturm beschrieb — klingen für uns heute kurios. Erstens, notierte Sturm, dienten sie „zur Pracht, besserm Ansehen und Aussicht des Schloß-Gebäudes“, zweitens „zur Sicherheit der Herrschafft und der Gebäude, da durch die den Höfen beygelegte Rechte der Ein- und Zugang dem Pöbel und anderen fremden oder verdächtigen Personen verwehrt ist“. Die Ehrenhöfe wiederum, schrieb er, dienten „zur Erhaltung der Ruhe und Gemächlichkeit der Herrschafft, in so weit nehmlich die Erlaubniß, mit Carossen in selbige zu fahren, sehr eingeschränckt ist“.

Heute sind es die Poller und Ketten an der Grenzlinie der einstigen äußeren Mauer, die die Zufahrt für die motorisierten Karossen unsere Tage beschränken. An die Stelle des einen Wachhäusschens wiederum platzierte Architekt Gottfried Böhm sein „Brunnenhaus“, als quasi einzigen Blickfang, der auf dem Platz von der Architektur ablenkt. Dieser Brunnen empfindet die äußeren Konturen des Wachhäuschens nach, auch wenn er nur vier statt acht Ecken hat. Er gehört zu den wohl „actionsreichsten“ in Saarbrücken. Aus rund vier Metern Höhe stürzt das Wasser von der Dachkante entlang der vier Pfeiler in die Tiefe und dabei über vier Schalen, die dafür sorgen, dass sich diese Mini-Wasserfälle ausbreiten und kräftig spritzen können.

Auch die Sandstein-Figur, die Böhm unter das „Brunnenhaus“ stellen ließ, ist eine Hommage an Stengel: Sie stammt von der Außenfassade der von Stengel entworfenen Ludwigskirche. Stellte die stark verwitterte Figur mit dem Buch unter Arm dort den Apostel Paulus dar, so ist sie hier zum der Schlosswächter mutiert, der, weil er nicht mehr viel zu tun hat, sich die Zeit mit Lesen vertreibt. Da sich das herabstürzende Wasser um den Wächter herum in der Bodenmulde sammelt, bekommt der Arme übrigens ständig nasse Füße. Nicht nur Denkmalpflegern macht diese Pfütze sorgen. Weil plantschlustige Kinder hier schnell stürzen können, sah sich der Regionalverband genötigt, Warnschilder aufzustellen. Böhms Idee, hier einen Brunnen einzurichten, war übrigens nicht aus der Luft gegriffen. Schon zu Stengels Zeiten gab es auf dem Platz einen Springbrunnen und zwar in der äußersten Platzecke, vor dem Alten Rathaus. An ihn erinnert heute ein gemauertes Brunnenbecken, das mit einem Kegel abgedeckt ist. Weitere Springbrunnen gab es dereinst im Barockgarten auf der rückwärtigen Schlossseite, die bis auf einen neuere Datums, ebenso wie der Großteil des Gartens verschwunden sind.

Wer sich nun fragt, wo man bei Hofe sein Trinkwasser schöpfte: Wahrscheinlich aus jenem unscheinbaren Maurer-Rund an der Südseite, das heute mit einem Gitter abgedeckt ist. Es befindet genau dort, wo sich heutzutage die Besucher der sonntäglichen Freiluftkonzerte an einem Wagen mit Bier und Limo versorgen.