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Mehr als ein Jahrhundert rege

Bürgermeister Lutz Maurer (links) und Ortsvorsteher Michael Bost gratulierten gestern Juliane Kirsch. Foto: Martin
Bürgermeister Lutz Maurer (links) und Ortsvorsteher Michael Bost gratulierten gestern Juliane Kirsch. Foto: Martin FOTO: Martin
Quierschied. Eigentlich mag „es Julsche“ den Trubel nicht mehr so. Aber gestern konnte sie den Gratulanten, auch den offiziellen, nicht aus dem Weg gehen. Letztlich genoss sie die Feier zu ihrem 101. Geburtstag dann aber doch. Jörg Martin

"Isch hann geheert, es Julsche wär' im Ergotherapieraum ganz elähn", meinte am Sonntagvormittag eine Heimbewohnerin in der Seniorenresidenz GeSa, als sie den Raum betrat. In der Einrichtung im Quierschieder Taubenfeld war es zu Beginn des kleinen Empfangs noch etwas ruhig. Das änderte sich dann recht zügig. Immerhin galt es, Juliane Kirsch, der ältesten Bürgerin der Gemeinde, zum 101. Geburtstag zu gratulieren. Doch mit "Frau Kirsch" spricht die Altersjubilarin kaum jemand an. Man sagt nämlich eher "es Julsche".


Bürgermeister Lutz Maurer und die Regionalverbandsbeigeordnete Dagmar Trenz gratulierten ihr genauso wie Ortsvorsteher Michael Bost und so mancher Mitbewohner. Bost überreichte dem Geburtstagskind im Namen von Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer und des Ortsrates Geschenk und Urkunde. Juliane Kirsch hat noch eine Nichte, die 86 Jahre alt ist. Der Ehemann, der Bruder und die Schwester leben nicht mehr.

Die für ihr Alter noch recht vitale Frau kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Früher betrieb sie im Grubenweg mehrere Jahrzehnte lang einen Gemischtwarenladen. Bekannt wurde Kirsch aber vor allem durch ihre Sportlerinnen-Karriere. In ihrer frühen Jugend war sie im Turnverein sehr aktiv. Gerätturnen, Leichtathletik und vor allem der Siebenkampf hatten es Juliane Kirsch angetan. Doch damit sei bereits Mitte 20 wieder Schluss gewesen. Der Schießsport wurde dann die neue Leidenschaft der immer schon agilen Frau. Sie sei damals schon zwölf Jahre älter als ihre Mannschaftskollegen gewesen. Und nicht nur das: Sie war die einzige Schützin. Andere Zeiten seien das gewesen, die man sich heute gar nicht mehr vorstellen könne, meinte sie am gestrigen Sonntag.

Mit dem Kleinkaliber-Luftgewehr kannte sie sich gut aus. Fünf Jahre hintereinander war sie Schützenkönigin. Genauso lange durfte sich die Quierschiederin auch Landesmeisterin nennen. Der Bewegung und dem Sport blieb sie auch noch im Seniorenalter treu. Erst mit 73 Jahren trat sie dem Kneipp-Verein bei. Von den vielfältigen Angeboten machte sie regen Gebrauch. Noch mit 77 Jahren wanderte sie 113 Kilometer in den Schweizer Bergen. Das schaffen heute so manche 50-jährige oft schon nicht mehr.

Nicht selten sei sie mit den anderen Kneippianern nach Bad Wörishofen gefahren. Freundschaften mit Gleichgesinnten im Unterallgäu haben sich dort entwickelt. Die Vorsitzende der Quierschieder Kneippianer, Roswitha Riechert, brachte am Sonntag nicht nur die Glückwünsche des Vereins, sondern auch Grüße von Juliane Kirschs Freunden aus Bad Wörishofen mit, die sie erst kurz zuvor getroffen hatte. Kirsch habe Riechert vor Jahren im Urlaub angerufen und sie gebeten, ihr bei der Suche nach einem Heimplatz behilflich zu sein.



"Besser kann es einem nicht gehen", lobte Kirsch die Einrichtung. Hier sei ihr auch niemand böse, wenn sie mal etwas umwerfe.

Das Seh- und das Hörvermögen machen ihr zu schaffen. Ansonsten gehe es ihr gut. Licht, Luft und Sonne sowie viel Bewegung scheinen das Erfolgsrezept für ein hohes Alter zu sein. Den großen Trubel mag "es Julsche" mittlerweile gar nicht mehr so sehr. Nächstes Jahr wolle sie lieber wegfahren.

Es gebe ja auch Urlaubsmöglichkeiten mit guter medizinischer Versorgung. Der Rollstuhl bringe sie auch so überall hin, scherzte sie. Denn die ganze Aufregung mag sie nicht. Vielleicht bleibe sie aber auch doch hier und feiere den 102. Geburtstag in Quierschd. So ganz genau könne man das heute noch nicht sagen. Wie Ortsvorsteher Michael Bost der SZ berichtete, ist die zweitälteste Quierschiederin gerade mal zwei Jahre jünger. "In den letzten drei Jahren sind drei Personen verstorben, die ähnlich alt waren"; sagte er gestern.