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Er ist ein bisschen stolz auf seinen „Weißen Riesen“

Göttelborn. Der in Altenwald geborene Ingenieur Hans-Jürgen Becker ist einer der Konstrukteure des Fördergerüstes von Schacht IV in Göttelborn. Er selbst war aber noch nicht auf der Aussichtsplattform. Patric Cordier

Eine "Landmarke" ist laut Definition ein Begriff aus der Navigation, der auffällige, meist weithin sichtbare topografische Objekte wie Kirchen, Windräder, Burgen, Berge oder Türme bezeichnet. So gesehen ist der "Weiße Riese", der Förderturm des früheren Bergwerks Göttelborn , eine der herausragenden Landmarken im Fischbachtal.


"Genau genommen ist es kein Förderturm, sondern ein Fördergerüst. Bei einem Turm liegen die Antriebsmaschinen innerhalb der Konstruktion, beim Gerüst außerhalb", sagt der Quierschieder Hans-Jürgen Becker.

Und er muss es wissen. Der heute 61-jährige Ingenieur hat das Fördergerüst von Schacht IV mitkonstruiert. "Das war zwischen 1988 und 1990", erinnert sich der gebürtige Altenwalder, "wir waren ein Team von etwa einem Dutzend Mitarbeitern."

Als man 1990 mit dem Bau des 90 Meter hohen Fördergerüstes begann, sprengten die Zahlen alles bislang bergbautechnisch Dagewesene. Die neue Förderanlage konnte bis 34 Tonnen Nutzlast oder bis zu 93 Kumpel befördern. Die Leistung der Motoren betrug 7,5 Megawatt, umgerechnet also rund 10 000 PS. Allein die Seilscheiben hatten einen Durchmesser von 7,5 Metern, waren in 74 Metern Höhe gelagert und mit 6,8 Zentimeter dicken Stahlseilen versehen. Die moderne Skip-Technik zur Kohleförderung war damals weltweit innovativ.

Die Investitionen zum Bau des Fördergerüstes betrugen über 200 Millionen Euro. "Ich glaube kaum, dass das ausgereicht hat", so Becker, "schließlich muss man auch die Anlagen unter Tage einrechnen. Es gab auch etliche Sonderwünsche des Auftraggebers. Aus architektonischen und ästhetischen Gründen sind beispielsweise die 2,4 mal 2,4 Meter mächtigen Stützfeiler nicht rechtwinklig. Da bedurfte es eines erhöhten Aufwands beim Schweißen."



Doch das Ende des Bergbaus in Göttelborn kam fast schneller als die Fertigstellung. 1994 waren die Arbeiten abgeschlossen, 2000 wurde in Göttelborn die letzte Schicht gefahren. Wirklich viel Kohle gefördert wurde mit dem "Weißen Riesen" nicht. "Ich halte zwar aus Sicht eines Ingenieurs den Doppelkopfturm in Camphausen für wesentlich interessanter", sagt Becker und kommt ins Erzählen, "doch heute bin ich zweimal in der Woche in Göttelborn im Fitnessstudio und sehe das Fördergerüst mit Stolz. Zumal es noch in gutem Zustand ist. Damals war es ja nur unsere Arbeit, jetzt ist es ein gutes Gefühl, unser gemeinsames Werk zu sehen." In ein Bergwerk eingefahren ist Becker nie - und auch auf seinem "Weißen Riesen" war er noch nicht. "Es hat sich einfach nicht ergeben, außerdem habe ich auch etwas Höhenangst", räumt der Leiter der Stahlbau-Konstruktionsabteilung bei Thyssen-Krupp ein, "aber vielleicht hole ich es ja einmal nach."

Die nächste Gelegenheit bietet die Gemeinde Quierschied am Samstag, 20. August. Dann gibt es um 19 Uhr eine Sonderauffahrt zum Sonnenuntergang auf Quierschieds höchste Landmarke.