1. Saarland
  2. Saarbrücken
  3. Püttlingen

Blutbahnen putzen mit Skalpell und Pinzette in Püttlingen

Operation an der Halsschlagader : Blutbahnen putzen mit Skalpell und Pinzette

Hier muss vieles Hand in Hand greifen: Die SZ war bei einer Halsschlagader-Operation in Püttlingen dabei.

Die Hauptperson an diesem Morgen bekommt gar nichts mit von der konzentrierten Geschäftigkeit, die um sie herum herrscht. Wenn die  Patientin gegen 10.25 Uhr wieder aus der Narkose erwachen wird, dann hat das Team um Dr. Uwe Gabsch, seit vorigem Jahr Chefarzt der Gefäßchirurgie im Knappschaftsklinikum in Püttlingen, die Operation an der Halsschlagader bereits abgeschlossen.

Die Bandbreite der jährlichen Eingriffe an den Standorten Püttlingen und Sulzbach des Knappschaftsklinikums ist groß. Kein Wunder: Püttlingen hat jährlich etwa 14 000 stationäre und 70 000 ambulante Patienten, in Sulzbach sind es rund 13 000 stationäre sowie 66 000 ambulante Patienten. Die Halsschlagader-OP gehört zu den Standard-Operationen, erklärt in Püttlingen der Chefarzt.

Die Patientin bleibt etwa 80 Minuten im OP. Dank einer Vielzahl gesammelter Daten sind   die  „Schnitt-Naht-Zeiten“ – vom ersten Schnitt bis zum Setzen der Naht – schon im Voraus gut einzuschätzen. Wie viele Operationen es pro Tag für den Chefarzt sind, hängt ganz von den Eingriffen ab: Mal können es fünf, sechs kleinere OPs sein, an einem anderen Tag nur eine einzige, die dann acht, vielleicht auch zehn Stunden dauert.

Im Falle der Halsschlagader-OP spielt die Zeit aber noch eine ganz andere, tatsächlich lebenswichtige Rolle: Die Halsschlagader, die sich im Bereich des Kehlkopfs nach oben in zwei Stränge gabelt, transportiert den Sauerstoff zum Gehirn. Für die Operation muss sie jedoch abgeklemmt werden. Über Nebenleitungen kann der Körper das maximal 20 Minuten lang ausgleichen. Dann müsste die OP unbedingt beendet sein – wenn nicht eine bestimmte Operationsmethode dem Zeitproblem ein Schnippchen schlagen würde.

Die Patientin ist inzwischen aus einer Lage von fünf, sechs sterilen Tüchern bedeckt, nur ein kleines Stück des Halses, mit rötlich-braunem Desinfektionsmittel bestrichen, ist noch frei. Die beiden Operateure an diesem Morgen sind Chefarzt Gabsch und die Viszeralchirurgin Dr. Mariangela Patania. Die beiden sind, als Eheleute, auch privat ein Team. Am OP-Tisch unterstützt werden sie von OP-Schwester Sabine Finkler. Die Gas-Narkose überwacht und steuert Anästhesie-Fachärztin Dr. Jennifer Jung, die zudem den Blutdruck im Auge behält und  auf Zuruf über einen dünnen Schlauch, der in einer Kanüle im Arm der Patientin endet, Medikamente wie den Blutverdünner Heparin zusteuern kann. Operationstechnik-Schülerin Theresa Speicher unterstützt mit dem Zureichen der Instrumente. Schwester Sina Hadid hat für diese OP als „Springerin“ das lückenlose Dokumentieren des Eingriffs übernommen.

Man hat den Eindruck: Die Stimmung im Team ist gut, professionell und unaufgeregt, als der Chefarzt mit einem freundlichen  „Auf Los geht’s los“ den eigentlichen Eingriff startet. Beginnend mit einem etwa sieben Zentimeter langen Schnitt werden die beiden Arterien und die sie verbindende Gabelung vorsichtig freigelegt. Die notwendigen Instrumente liegen da schon längst bereit: Im nahen „Sieb-Raum“ stehen ganze Regale voller unterschiedlich großer Aluminiumkästen, in denen die sterilen Instrumente für die verschiedensten OPs vorsortiert sind. In den Kisten warten die Instrumente in Drahtkörben („Sieben“) auf ihren Einsatz.

An diesem Morgen steht ein „Sieb“ mit etwa 100 Einzelteilen im OP, rund 50 davon liegen auf zwei Beistelltischen  bereit – spezielle Scheren, Zangen, Spreizer und besonders sanfte Klemmen, um die Arterien nicht zu schädigen. Nicht nur die Arbeitsgeräte sind keimfrei: Über dem OP-Tisch strömt gereinigte Luft aus der Decke, die knapp über dem Boden wieder abgesaugt wird. Im Raum herrscht leichter Überdruck, um unerwünschte Kleinstteile draußen zu halten. Blut fließt fast gar nicht, denn zertrenntes Gewebe wird mit den heißen Spitzen der Bipolar-Pinzette geschlossen.

Dann, als die Arterien freigelegt und etwas hervorgezogen sind, die entscheidenden Momente und der „Trick“ bei der OP: Der bedrohlich verstopfte Arterien-Abschnitt wird abgeklemmt, aber mittels kleiner Kunststoff-Schläuche („Shunts“) werden Umleitungen gelegt. Das dauert nur vier Minuten, und das sauerstoffreiche Blut fließt wieder zum Gehirn; „Da bin ich immer zufrieden, wenn die Zeit unter fünf Minuten bleibt“, kommentiert Dr. Gabsch. Die abgeklemmten Arterien können jetzt ohne Zeitdruck gereinigt werden: Sie werden durchtrennt, die Schnittbereiche „auf Links gekrempelt wie ‘ne Socke“. Mit Skalpell und Pinzette werden kleine Kalk-Klümpchen und zwei knapp drei Zentimeter lange Ablagerungen entfernt – „das ist wie beim Hausputz: Auch das letzte Krümelchen muss raus“. Das Vernähen der gereinigten Arterien mit dem blauen Spezialfaden ist eine diffizile Arbeit.

Aus dieser Perspektive sind die Operateure hinter einem grünen Tuch verborgen, im Vordergrund die Anästhesie-Fachärztin  Dr. Jennifer Jung. Foto: Marco Reuther
Dr. Uwe Gabsch im „Siebraum". In den Aluminium-Kästen werden für die verschiedensten Operatonen vorsortierte OP-Bestecke aufbewahrt. Foto: Marco Reuther
Gehört zum „Nachbereiten“ einer OP: Im Spülraum werden in großen Spezialspülmaschinen die benutzten OP-Bestecke gereinigt. Foto: Marco Reuther

Dann werden die „Umleitungen“ – wiederum in vier Minuten – entfernt. Die Wunde wird noch ein letztes Mal abgesaugt und mit einer Kochsalzlösung gespült, zuletzt wird der Schnitt noch vernäht, während draußen schon die nächste Patientin in den Vorraum gerollt wird.  Und für die Halsschlagader-Patientin geht’s voraussichtlich, nach einem vorsorglichen Tag auf der Intensivstation und zwei bis vier Tagen auf der Station, wieder nach Hause.