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Max Prommer wird 85 Jahre alt

85.Geburtstag : Ein weltberühmter Dirigent feiert seinen 85. Geburtstag

„Warten Sie mal. Wo hab ich das denn.“ Und schon wuselt Max Pommer umher, um aus dem deckenhohen Bücherregal seines Arbeitszimmers oder von der Ablage seines Schreibtischs das Gesuchte zielstrebig zutage zu fördern - ob es sich nun um den privaten Audiokassetten-Mitschnitt eines Nachmittags mit seinem Freund Wolf Biermann handelt, Fotos von Konzerten aus Japan oder Erinnerungen an seine Jahre in der DDR.

An die er übrigens gerne zurück denkt: „Das traditionsbewusste Leipzig war eine Insel der Seligen. Man musste nur ein bisschen Rückgrat und Glück haben.

Politische Veranstaltungen habe ich immer abgelehnt und hatte nie Probleme damit.“ Pommer lacht: „Tatsächlich hatte ich von den Parteibonzen weniger auszustehen als von den Pfarrern.“ Als er 1978, als Leiter des Leipziger Universitätschores, in der Thomaskirche Schnittkes Requiem erstaufführte, war buchstäblich der Teufel los. Jedenfalls beschuldigte ihn hinterher der Oberkirchenrat, selbigem mit dieser gottlosen Musik Eintritt in die Kirche verschafft zu haben. Pommer vermutet, dass man angesichts der vielen begeisterten Studenten, deretwegen das Gotteshaus ungewöhnlich gut besucht war, eine kommunistische Unterwanderung fürchtete.

Pommer: „Danach war ich mit der Kirche erst mal fertig.“ Unweigerlich gerät man ins Plaudern, wenn man sich mit dem berühmten Chor- und Orchesterdirigenten und Musikwissenschaftler Max Pommer unterhält. Heute feiert der gebürtige Leipziger und Wahlsaarbrücker seinen 85. Geburtstag, aber er erinnert sich, als ob‘s gestern gewesen wäre. Und wenn er mit erstaunlich jung tönender Stimme und unverhohlenem Leipziger Dialekt verkündet, dass er spätestens 2022 wieder zu seinem geliebten Sapporo Symphony Orchestra nach Japan fliegen wird, um dort zum Auftakt Bach, Beethoven und Brahms zu dirigieren, dann hat man daran nicht den geringsten Zweifel – so unternehmungslustig, wie seine Augen hinter den Brillengläsern funkeln. Wer außer Corona sollte ihn auch hindern?

Von körperlichen Zipperlein ist er weitgehend verschont, wozu gewiss auch die Kochkünste und die ärztliche Fürsorge seiner nicht minder charmanten Gattin beitragen. Pommer entstammt einer Familie von Leipziger Bauunternehmern: Sein Urgroßvater war der berühmte Architekt Max Pommer. Der Vorname wurde von Generation zu Generation vererbt; der Urgroßenkel, der sich heute seinerseits einer Schar Enkel erfreut, hat mit dieser Tradition gebrochen: Er ist Max IV und der Letzte. „Es gibt genug Max Pommer in Leipzig!“, grummelt er schmunzelnd. Nach dem Willen seiner Eltern hätte klein Max die Firma der – bis auf den obligatorischen Klavierunterricht für die Sprösslinge – musikalisch bis dato unverdächtigen Familie übernehmen sollen, wäre das nicht von österreichischer Seite dekadent boykottiert worden: Sein Großvater ehelichte eine Wienerin, in deren großbürgerlicher Sippe unter anderem der Komponist Anton Bruckner verkehrte.

Pommer entsinnt sich, dass er sich jeden Morgen unter den Flügel hockte und nicht eher in den Kindergarten zu gehen bereit war, bis besagte Großmama ihm was vorgespielt hatte. Unwillkürlich denkt man an den ebenfalls aus der Art geschlagenen kleinen Hanno aus Thomas Manns Kaufmanns-Familien-Epos „Die Buddenbrooks“ und schielt zu Pommers Bücherwand, die tatsächlich klafterweise mit Werken des Schriftstellers bestückt ist. Nur dass der reale Max sich als deutlich robuster und willensstärker entpuppte als der fiktive Hanno: ein Macher, der bereits an der Thomasschule sein erstes Orchester gründete.

Dass dieses Kammerensemble zu Stalins Todestag Mozarts „Kleine Nachtmusik“ aufführte, weil es gerade nichts anderes im Repertoire hatte, gehört ebenfalls in die reich gefüllte Anekdotenkiste. „Ich wusste schon als Kind, dass ich Dirigent werden wollte!“, sagt Pommer, der seinen von den Eltern als „brotlose Kunst“ geschmähten Traum denn auch konsequent verwirklichte: In Leipzig studierte er Dirigieren und Klavier und promovierte hernach noch in Musikwissenschaft. Letzteres unter dem Einfluss seines Ziehvaters, des Komponisten und Dirigenten Paul Dessau, der mit der Frage „Spielst Du denn auch, was hinter den Noten ist?“ Pommers Interesse am wissenschaftlichen Denken und am gesellschaftlich-historischen Kontext beförderte. Herbert von Karajan verordnete Pommer dann erst mal „fünf Jahre Operetten“, die er brav im Theater in Frankfurt an der Oder ableistete. „Operetten sind eine gute Schule für Dirigenten“, sagt Pommer, „es gibt nix Besseres!“ Pommer leitete die Leipziger Kammermusikvereinigung, die Gruppe Neue Musik Hanns Eisler und den Leipziger Universitätschor. Und 1979 gründete er zusammen mit Mitgliedern des Gewandhausorchesters das Neue Bachische Collegium Musicum, dessen Erfolge Pommers Weltruf als Bach-Spezialist festigten und ihm internationale Engagements bei renommierten Orchestern einbrachten. Parallel wandte er sich der Neuen Musik zu - „Ich bin ja kein Museumswächter, der alte Hüte bewacht!“ - und reüssierte auch als mitunter unbequemer Avantgardist. All die Jahre blieb Pommer Leipzig treu. Nach der Wende, nach seinen letzten Stationen als Uni-Professor und als Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters, hätte ihm die Welt offen gestanden – warum ging er 1990 ausgerechnet nach Saarbrücken, wo er als Professor für Orchestererziehung und Dirigieren an der Hochschule für Musik Saar (HfM) unter anderem das Hochschulorchester aufbaute, das er nebst seiner Dirigierklasse leitete? Pommer verweist auf den „offenen Menschenschlag“, der sein Herz erobert habe. Und auf Rektoren wie Werner Müller-Bech und Thomas Krämer, die seinen weltweiten Gastdirigaten wohlwollend gegenüber standen. Derlei Aktivitäten kommt Pommer seit seiner Emeritierung 2003 sogar verstärkt nach. So war er bis 2011 künstlerischer Leiter der Hamurger Camerata und wagte sich 2009 erstmals an Wagner: Am Tiroler Landestheater in Innsbruck dirigierte er Brigitte Fassbaenders gefeierte „Rheingold“-Inszenierung. Pommer: „Man darf nie aufhören, Lehrjahre zu haben. Ich musste mich davon befreien, der Mann zu sein, der in Leipzig Bach anders gespielt hatte als zu Mendelssohns Zeiten.“ Dass damals die Presse kolportierte, mit 75 wolle er den Taktstab endgültig zur Seite legen, kommentiert Pommer amüsiert als „Fake news!“. Eine Gesamtaufführung des Rings scheiterte leider an den begrenzten Möglichkeiten des Hauses. Aber wer weiß, ob sich das nicht noch woanders realisieren lässt: Seit gut 15 Jahren zieht es Pommer nämlich verstärkt ins Lande Nippons, wo er 1986 erstmals zu Gast war, als er in Tokio Bachs Weihnachtsoratorium dirigierte. Längst hat er nun in Japan eine regelrechte Alterskarriere gestartet, ist zeitweilig sogar zum Chefdirigenten des Sapporo Symphony Orchestra avanciert. Ohne dauerhafte Anwesenheitspflicht, aber sehr wohl mit gesellschaftlichen Verpflichtungen. Als Beispiel nennt Pommer das obligatorische Neujahrskonzert mit Walzer und Co. „Und jedes Jahr zu Weihnachten Beethovens Neunte!“ Zeitgenössische Tonsprache habe er den Japanern zu seinem Leidwesen jedoch noch nicht schmackhaft machen können, dafür seien die zu sehr in der europäischen Klassik und Romantik verhaftet. „Ein alter deutscher Dirigent ist dort ‚ne richtige Nummer!“ sagt Pommer mit breitem Grinsen.

„Sein“ Orchester hat er mittlerweile nach seinem Klangideal geformt; vom guten Ton zeugt ein CD-Live-Mitschnitt, den er mit geradezu andächtigem Stolz in der heimischen neuen Stereoanlage präsentiert. 2020 hat ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht; auch dieses Jahr werde er aus viralen Gründen wohl noch nicht nach Japan fliegen dürfen, vermutet Pommer. „Aber 2022, sobald irgend möglich!“ Und bis dahin? „Ich lebe hier mit meinen Büchern und meiner Musik, kann über manches reflektieren, kann alte Fehler entdecken und mir neue überlegen. Ich kann meinen Horizont immer noch erweitern“, sagt Pommer dankbar. „Ich habe ein ausgefülltes Leben!“ kek

 Am Mittwoch um 20.04 Uhr ehrt SR 2 KulturRadio Max Pommer im Rahmen der Sendung „Musik aus der Region“ mit Einspielungen von Johann Sebastian Bach, Joseph Rheinberger, Richard Strauss und Johann Strauß und einem Gesprächsporträt