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Jürgen Rissland, Virologe aus dem Saarland, beantwortet Fragen zu Covid-19

Serie Telefondoktor : Virologe: „Wir sehen noch relativ viele Neuinfektionen“ (mit Video)

Der Virologe Dr. Jürgen Rissland vom Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg beantwortet Leserfragen zu Covid-19.

Ist Covid-19 gefährlicher als eine gewöhnliche Grippe?

RISSLAND Wir sollten aufpassen, nicht Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Ja, eine echte Grippe und das neuartige Coronavirus haben Ähnlichkeiten, beide sind Tröpfcheninfektionen, die den Lungentrakt befallen. Beide haben auch ähnliche Grundtendenzen. Es gibt bei beiden Krankheiten Verläufe ohne Symptome. Es gibt milde Verläufe und es gibt schwere Verläufe. Aber es gibt auch deutliche Unterschiede. Während bei einer Influenza die Krankheitsformen besser bekannt sind wie bei einer normalen Coronavirus-Infektion, sehen wir bei der neuartigen Coronavirus-Infektion ganz neuartige Krankheitsbilder. Ein Organversagen der Lunge zum Beispiel, das wir nicht erklären können. Das ist etwas, was uns sehr beunruhigt. Daher warnen wir davor, diese Krankheit auf die leichte Schulter zu nehmen. Noch ein wichtiger Unterschied: Bei der Grippe haben wir eine Impfmöglichkeit und ursächliche Medikamente. Das ist bei der neuartigen Coronavirusinfektion bislang nicht der Fall. Das macht auch einen großen Teil des Problems aus.

Virologe Dr. Jürgen Rissland beantwortet Fragen zum Coronavirus

Die Grippe hat bisher mehr Opfer gefordert als Corona.

RISSLAND Das stimmt. Aber wir sind ja auch noch nicht am Ende der Infektionswelle in Deutschland angekommen. Wir haben es in den ersten Wochen durch die harten Maßnahmen geschafft, diese Infektionswelle sehr stark abzudämpfen. Das haben wir ansatzweise bei einer Grippe nur Ende der 60er gehabt.  Das ist ein Zwischenerfolg. Jetzt müssen wir sehr sorgsam sein, ob diese Welle tatsächlich weiterläuft und in welcher Form sie weiterläuft. Das können wir nicht mit letzter Gewissheit vorhersagen. Wir sind noch nicht am Ende des Weges. Deswegen kann man auch die Todeszahlen zwischen Grippe und Corona nur sehr begrenzt miteinander vergleichen. Abgerechnet wird in der Regel eh erst am Schluss.

Wird das neuartige Coronavirus wie das Grippevirus im Sommer komplett verschwinden?

RISSLAND Das ist ein Gegenstand von Diskussionen in der Forschung derzeit. Es gab in der Vergangenheit die Erfahrung mit anderen Coronaviren, dass sie sich im Sommer nicht zurückziehen. Im Gegensatz zur Grippe, die sich von Dezember bis April ausbreitet. Im Sommer bleibt es da in der Regel ruhig. Aber es kann uns durchaus blühen, dass das Coronavirus uns auch über den Sommer begleitet. Möglicherweise werden die Sonne und das trockene Wetter einen positiven Einfluss darauf haben, dass nicht viele Menschen sich infizieren. Aber das ist nicht wirklich verlässlich und sicher vorhersagbar. Auch hier heißt es, weiterhin wachsam zu sein.

Können die teils drastischen Maßnahmen aufgehoben werden, da es kaum noch Neuinfektionen gibt?

RISSLAND Ich glaube, das ist eine gravierende Fehleinschätzung der Situation. Da bin ich ganz bei Bundeskanzlerin Angela Merkel, die als Naturwissenschaftlerin nur eine sehr vorsichtige Lockerung in Kauf nehmen will. Damit hat sie Recht. Wir sehen sogar noch relativ viele Neuinfektionen, diese zeigen jedoch meist milde Verläufe. Schwere Fälle in den Kliniken sind bei uns im Saarland derzeit überschaubar. Das ist aber auch eine Konsequenz der harten Maßnahmen. Ich bin vorsichtig, zumal wir erst in zwei Wochen sehen, welche Konsequenzen die nun beschlossenen Lockerungen haben. Es hängt auch davon ab, wie die Menschen sich verhalten. Wie sie die Maskenpflicht am Montag annehmen. Es gibt noch viele Unwägbarkeiten, vor diesem Hintergrund bin ich noch weit davon entfernt, Entwarnung zu geben.

Schützt Hochprozentiges vor einer Infektion?

RISSLAND (lacht) Dass es vor einer Infektion schützt, glaube ich nicht. Alkohol kann grundsätzlich Coronaviren abtöten, je höherwertiger der Alkohol ist, umso eher. Nur kann man ja nicht permanent trinken, um den Eintritt dieses Virus tatsächlich zu verhindern. Wenn man maßvoll trinkt, kann das eher für das körperliche Empfinden gut sein.

Das Robert Koch-Institiut hat empfohlen, nun auch Menschen zu testen, die nur leichte Symptome zeigen. In Ihrem Sinne?

RISSLAND Das ist eine Diskussion, die läuft schon seit längerer Zeit. Und sie ist noch nicht zu Ende geführt. Bei leichten Symptomen zu testen, ist ok. Entscheidender wird es aber sein, Menschen zu testen, die gar keine Symptome zeigen. Damit wir bessere Daten haben. Wir wissen, dass ein gewisser Prozentsatz einen Verlauf ohne Symptome hat, doch wie testet man die. Man kennt sie ja nicht. Wir könnten einfach in Arztpraxen jeden testen, unabhängig vom Virus, doch das übernimmt derzeit die Krankenkasse nicht. Da gibt es eine Diskussion zwischen der gesetzlichen Krankenversicherung und der kassenärztlichen Bundesvereinigung, ob man diese Tests nicht einführt und bezahlt. Es geht darum, dass man als Kassenarzt die Chance hat, einfach mal einen Abstrich zu machen. Die Massentests in Seniorenheimen, die bezahlen wir derzeit ja mit Steuergeld.

Können die Coronaviren via Wasserdampf übertragen werden? Zum Beispiel in den Duschräumen eines Schwimmbades oder auf dem Campingplatz?

RISSLAND Nach dem, was wir bislang wissen, passiert das nicht. Die Tröpfchen sind schwerer und sinken zu Boden. Dazu fndet das Duschen in Einzelkabinen statt. Aus meiner Sicht ist das unkritisch. Mehr Sorgen hätte ich da, wenn sie im Waschraum vor den Kabinen mit anderen Besuchern dicht beieinander an Waschbecken stehen.

Kann eine 65-jährige Physiotherapeutin, die viel massiert, arbeiten, obwohl sie zuvor eine leichte Lungenentzündung hatte?

RISSLAND Jein. Wenn sie arbeiten will, würde ich das grundsätzlich nicht untersagen. Doch sie muss natürlich im Besonderen darüber nachdenken, wie sie sich schützt. Sie sollte einen Mund-Nasenschutz tragen, aber auch die Klienten sollten diese tragen. Sie kann also nur so viele Patienten annehmen, wie sie Schutzmaterial hat. Patienten mit Symptomen sollte sie bitten, zu Hause zu bleiben. Da sie keine Handschuhe beim Massieren tragen kann, sollte sie sich die Hände regelmäßig desinfizieren.

Eine Frau ist positiv getestet und hat seit zwei Wochen ein Halskratzen. Wie lange hält das Symptom an?

RISSLAND Solche Verläufe gibt es, dass die Leute lange herum laborieren. Das ist natürlich lästig, entscheidend ist aber, dass es nicht schlimmer wird. Sie wird sich noch schonen müssen, solange die Symptome da sind. Ich gehe davon aus, dass die Symptome innerhalb der kommenden Woche verschwinden.

Eine 93-jährige Dame fragt: Soll ihre Putzhilfe eine Maske tragen?

RISSLAND Das kann nicht schaden. Wenn man natürlich nicht zu Hause ist, wenn die Putzfrau kommt, braucht sie keine Maske zu tragen. Wenn man sich in der Wohnung über den Weg läuft, kann man schon eine Maske anlegen. Wenn die Putzfrau Symptome zeigt, sollte sie zu Hause bleiben.

Kann meine Katze das Virus ins Haus einschleppen?

RISSLAND Corona-Viren treten auch bei Katzen auf. Das ist nichts Ungewöhnliches. Es gibt sogar den Katzenschnupfen. Das ist eine klassische Coronavirus-Infektion. Das Katzenimmunsystem kennt diese Viren also. Ob sich Katzen nun auch mit dem neuartigen Corona-Virus infizieren, das ist nicht letztendlich klar. Ich glaube aber, dass die Infektionsgefahr für die Katze wenn überhaupt sehr gering ist und damit das Virus auch nicht ins Haus kommt.

Eine Leserin hat kommende Woche einen Zahnarzttermin und hat Angst, sich dort zu infizieren.

Rissland: Diese Angst braucht sie nicht zu haben. Die Zahnärzte sind sehr gut vorbereitet. Sie schauen Menschen in den Mund und sind grundsätzlich schon sehr vorsichtig und gut geschützt. Es gibt ja auch noch andere Keime und Krankheitserreger. Zahnärzte tragen in der Regel eh schon Masken. Schon vor Corona. Wichtig ist, dass sie vorher beim Zahnarzt mal anruft und fragt, was sie beachten soll, und ob es irgendwelche Besonderheiten im Ablauf der Behandlung gibt.

Wo kann ich einen Antikörpertest machen und bringt der was?

Rissland: Es gibt Antikörpertests auf dem Markt. Aus meiner Sicht sind die aber noch nicht so zuverlässig, dass ich sagen würde, die kann man ohne Bedenken einsetzen, da kommt ein verlässliches Ergebnis raus. Zumindest in Homburg machen wir noch keinen Gebrauch davon. Selbst wenn wir Antikörper nachweisen, wissen wir noch nicht, ob sie auch tatsächlich und wie lange sie vor einer Neuinfektion schützen. Selbst, wenn man immun ist, kann man dennoch Träger des Virus sein. Das ist alles noch nicht sicher. Ich bin noch vorsichtig mit diesen Tests, vielleicht noch ein paar Wochen warten, bis verlässlichere Tests da sind. Wenn, dann einfach den Hausarzt ansprechen. Er kann diese Tests dann in die Wege leiten.

Wie gefährlich ist die Beatmung für die Coronapatienten?

Rissland: Wir entscheiden nicht nach Gutdünken, wer an die Beatmungsmaschine kommt. Da gibt es harte Kriterien, klare Leitlinien. Das sind objektive Kriterien, anhand derer wir eine Beatmung ansetzen. Wir beatmen ungern, weil das Beatmen ein Problem mit sich bringt: Man muss die Leute von der Beatmungsmaschine wieder losbekommen. Zudem müssen wir die Menschen an Maschinen in künstlichen Schlaf versetzen, damit die Maschine gut arbeiten kann. Dann sind sie aber nicht mehr bei Bewusstsein.

Verbreiten Eisdielen das Virus?

Rissland: Bislang haben wir noch keinen Hinweis darauf, dass Eisdielen so eine Art Ausgangspunkt für eine Infektionshäufung waren. Natürlich muss man da vorsichtig formulieren, zumal wir gerade die Einschränkung des öffentlichen Lebens hatten und viele Eisdielen geschlossen waren. Das Problem wären da aber wohl weniger die Eisdielen, als die Leute, die eng gedrängt davor anstehen. Wenn die Händler Plexiglasscheiben mit schmalen Öffnungen an der Theke haben, wenn sie Masken tragen, ist das schon relativ sicher. Wenn nicht, könnten sie natürlich auch aufs Eis niesen. Wir haben bislang aber keine Hinweise, dass irgendwelche Lebensmittel zum Überträger geworden sind.

Ist die Maskenpflicht in Ordnung?

Rissland: In der ersten Woche der Lockerung kam es meiner Meinung nach schon zu unglücklichen Entwicklungen mit großen Menschen­ansammlungen. Daher finde ich die Maskenpflicht jetzt nicht verkehrt. Mir wäre es lieber gewesen, wir hätten sie nicht gebraucht. Aber sie bringt schon einen zusätzlichen Schutz mit. Man schützt die anderen damit.

Gehören Raucher zur Risikogruppe?

Jürgen Rissland vom Universitätsklinikum des Saarlandes schlägt vor, dass Menschen getestet werden, die keine Symptome zeigen. Foto: dpa/Hendrik Schmidt

Rissland: Wenn die Lunge ein wenig vorgeschädigt ist, kann man das nicht ausschließen. Dass dadurch ein schwerer Verlauf zu erwarten ist, ist derzeit nicht deutlich erkennbar. Für den schweren Verlauf spielen da noch ganz andere Faktoren mit hinein als eine leicht vorgeschädigte Lunge. Wir haben Gott sei dank noch nicht so viele Coronavirus-Tote in der Homburger Uniklinik gehabt, aber da waren welche darunter, die haben geraucht. Andere waren Nichtraucher. Das Rauchen der Lunge nicht guttut, sollte aber allen klar sein.