Bergbau-Wunden werden geheilt

Der Landesbetrieb für Straßenbau hat den Anfang gemacht, er bringt derzeit die Landstraße 164 nach Naßweiler in Ordnung. Danach wird die Gemeinde Großrosseln im Ort reparieren. Zugleich saniert der Entsorgungsverband Saar (EVS) Kanäle – genauer: Er baut sie neu.

Ende August beginnt der Entsorgungsverband Saar mit der Erneuerung des Hauptsammlers in Naßweiler : Das hat EVS-Sprecherin Marianne Lehmann jetzt mitgeteilt. Die beauftragte Baufirma, derzeit noch in Betriebsferien, starte am 31. August, sagte sie auf SZ-Nachfrage. Die Arbeiten nehmen fast ein Jahr in Anspruch, wohl erst im Juni 2016 wird alles fertig sein. Im Auftrag der Gemeinde Großrosseln erneuert der EVS dabei auch gleich Teile der Ortskanalisation, so dass die Anschlüsse an den Hauptsammler dann auch in Ordnung sind.

Besonderheit bei den Naßweiler Kanälen ist, dass sie grenzüberschreitend verlaufen: Sie gehören zur Abwasseranlage Großrosseln-Marienau. Mischwasser aus Naßweiler - also Schmutzwasser und Regenwasser - wird über den Hauptsammler zur Grenze geleitet. Zunächst fließt es in ein Regenüberlaufbecken, das auf französischem Gebiet liegt. Von dort transportiert eine Pumpstation es weiter zur Kläranlage im lothringischen Marienau, wo es gereinigt wird.

Nach Jahrzehnten des Bergbaus sind die Kanäle in miserablem Zustand; "dringend sanierungsbedürftig", sagt EVS-Sprecherin Lehmann - "Sanieren" bedeutet: neu bauen. Den alten Hauptsammler und die maroden Ortskanäle reißt der EVS ab. Und auch beim Neubau muss man Rücksicht nehmen auf die Kohle-Vergangenheit: Weil "künftig weitere bergbaubedingte Setzungen nicht auszuschließen sind" und zudem der Kanal teilweise recht nah an der Oberfläche verläuft, wählt der EVS für den Neubau besonders hochwertige Rohre. Deren spezielles Guss-Material, so der EVS, könne sich unter Belastung verformen, ohne dabei Schaden zu nehmen. Auch wenn sich durch den Anstieg des Grubenwassers - der längst begonnen hat und sich noch mindestens 10, 15 Jahre fortsetzen wird - der Boden wieder um ein paar Zentimeter heben sollte, dürfte der neue Kanal technisch standhalten.

Das Ganze ist nicht billig: Nach EVS-Angaben kostet die Gesamt-Baumaßnahme rund 800 000 Euro. Davon entfallen rund 200 000 Euro auf die Gemeinde, die diese Kosten aus der 2013 vereinbarten französischen Bergschadens-Zahlung bestreiten wird (siehe "Hintergrund"). 600 000 Euro teuer ist der Anteil des EVS für den Hauptsammler. Auch hier fließt Geld aus Frankreich: Im Rahmen der Bergschadensregulierung zahlen die Charbonnages de France rund 260 000 Euro dazu.

Etwa zeitgleich mit der Kanal-Baustelle wird eine Gemeinde-Baustelle beginnen. Am so genannten Kohlersprung, einer durch Bergbau verursachten extremen - und für den Verkehr gefährlichen - Straßen-Bodenwelle in der St. Nikolauser Straße soll das Gefälle abgemildert werden.

Wenn das erledigt und der Kanal erneuert ist, dann sind die Wunden , die der Bergbau Naßweiler geschlagen hat, weitgehend geheilt. Es gibt im Ort inzwischen neue Zuzüge - die Einwohnerzahl ist wieder im Steigen begriffen.

Naßweilers Ortsvorsteher Hans-Werner Franzen auf dem so genannten Kohlersprung: Durch französischen Bergbau hat die St. Nikolauser Straße hier ein Gefälle von 21 Prozent. Foto: Jenal. Foto: Jenal

Zum Thema:

HintergrundDer Saarvertrag vom 27. Oktober 1956 war die Grundlage dafür, dass das - damals französisch verwaltete - Saarland wieder deutsches Staatsgebiet werden konnte. Zugleich räumte er Frankreich das Recht ein, unter dem deutschen Warndt Kohle abzubauen. Davon machte das Bergbauunternehmen HBL bis 2003 Gebrauch. In Naßweiler kam es dadurch zu massiven Bergschäden. Zahlreiche Häuser mussten abgerissen werden, die Einwohnerzahl ging allein von 1983 bis 2013 von 1120 auf 645 zurück. Der Ortskern sank um bis zu 16 Meter ab - mit entsprechenden Folgen für Straßen und Kanäle. Der Streit um Entschädigung zwischen der Gemeinde Großrosseln und der HBL-Nachfolgegesellschaft Charbonnages de France zog sich über Jahre hin. 2013 endete er mit der Zahlung von 1,5 Millionen Euro. dd