Mit 80 noch immer im Dienst der Patienten

Serie „Arbeitsplatz Krankenhaus“ : Mit 80 noch immer im Dienst der Patienten

Wer denkt schon gern ans Krankenhaus – so lange er gesund ist? Hauptsache, das Krankenhaus ist da, und wir fühlen uns sicher, weil für den Notfall alles bereitsteht: Geräte und vor allem hilfsbereite Menschen. Genau um diese Menschen geht es in unserer Serie „Arbeitsplatz Krankenhaus“. Wir stellen die vor, die uns helfen, falls uns das Glück verlässt – oder uns auf dem Weg ins Leben beistehen. Heute: Schwester Ehrentraud.

80-jährige Patientinnen sind in der Dudweiler Caritasklinik St. Josef keine Seltenheit. Mitarbeiter in diesem hohen Alter schon. Schwester Ehrentraud ist Jahrgang 1935 und schon lange in Rente. An Ruhestand ist allerdings nicht zu denken. Ehrenamtlich betreut die Ordensschwester inzwischen die Klinikbücherei und hilft den Patienten so, die Langeweile zu vertreiben.

"Viele Leute haben heute Tablets und beschäftigen sich anderweitig", erzählt die Ordensschwester. Für andere aber gehöre das Lesen noch immer zu den wichtigsten Ablenkungen vom Klinikalltag. Fast 1000 Medien umfasst der Bestand der Bücherei. Den kennt die frühere Laborantin des Krankenhauses genau: "512 belletristische Werke, 226 Sachbücher, außerdem Hörbücher, CDs und Zeitschriften?", zählt sie auf und klappt den Laptop auf, auf dem sie die Ausleihdaten erfasst.

Dass sie trotz ihres Alters mit Computer und Barcodescanner umgehen kann, erklärt die 80-Jährige mit ihren früheren Aufgaben: "Im Labor gab es ständig technische Fortschritte." Die Bestimmung des Blutzuckerwerts zum Beispiel, die heutzutage mit einem kleinen Piks erledigt ist, sei früher deutlich komplizierter gewesen: Das abgenommene Blut sei zuerst enteiweißt und dann mit einer Lösung gekocht worden. Mit bloßem Auge wurde anschließend durch einen Farbabgleich der Wert festgestellt. "Das Ganze hat bestimmt 20 Minuten gedauert", sagt Schwester Ehrentraud.

Gearbeitet hat sie in St. Josef bis heute mit zwei Unterbrechungen rund 55 Jahre, zuerst im Labor, dann im Lager. Ausgebildet wurde sie im Koblenzer Mutterhaus. Heute kümmert sie sich um die Bücherei im sechsten Stock des 1899 gegründeten Hauses und genießt von dort den Ausblick über den Stadtteil. "Als ich kam, wurde gerade der Anbau fertiggestellt. Das war 1961", erzählt sie und zeigt aus dem Fenster auf das heutige Haupthaus der Klinik, die noch immer unter kirchlicher Trägerschaft steht. Sechzig Jahre ist es her, dass Ehrentraud in den Orden der "Schwestern zum Heiligen Geist" eingetreten ist. "Mein Entschluss stand schon als Kind fest, als ich hier ins Krankenhaus gekommen bin und vom Leben der Schwestern fasziniert war", erzählt sie. Den Entschluss, der einer fürs ganze Leben sein sollte, bereut sie nicht, auch wenn sich heute immer weniger Menschen für Armut, Keuschheit und Gehorsam, die Gelübde des Ordens, entscheiden. "Wir sind mittlerweile nur noch neun Schwestern , die im Haus oberhalb der Kapelle wohnen. Das waren mal bis zu 60", sagt sie.

Und wie reagieren Patienten auf die Frau in der weißen Ordenstracht? "Viele sind erstaunt", erzählt sie. "Da ist ja noch eine Nonne", heißt es dann, obwohl das nicht ganz richtig ist, wie die 80-Jährige klarstellt: "Nonnen sind streng genommen nur die Ordensschwestern, die in Klausur, also in Abgeschiedenheit, leben."

Und abgeschieden ist Schwester Ehrentraud nicht, wenn sie unter der Woche mit dem Bücherwagen auf den Stationen unterwegs ist. In wenigen Wochen wird sie 81 Jahre alt. Zusammen mit den zwei ehrenamtlichen Helfern will sie ihre Arbeit fortsetzen. "Ich will damit etwas Gutes tun. Solange ich das noch schaffe, bleibt es dabei", sagt die Ordensschwester, die es gar nicht mag, im Mittelpunkt zu stehen.

saarbruecker-zeitung.de/

arbeitsplatz-krankenhaus