Virologie : Eine echte Grippe muss man nicht haben

Der Virologe Dr. Jürgen Rissland ist am Uniklinikum den sich immer wieder wandelnden Grippe-Erregern auf der Spur.

Es gibt die Grippe – und es gibt einen grippalen Infekt. Wer einmal eine echte Grippe hatte, dem dürfte der Unterschied sehr schnell aufgefallen sein. Und noch dazu dürfte man nach überstandener Grippe die Erkenntnis dazugewonnen haben, nicht noch einmal von einer solche Krankheit heimgesucht werden zu wollen. Mit einer Grippeschutzimpfung kann schnell und einfach vorgebeugt werden. Und das sollte man jährlich tun, denn die Influenza-Viren verändern sich ständig.

Die winzigen Krankheitserreger haben es in sich, die echte Grippe oder Influenza-Virusgrippe verläuft häufig mit hohem Fieber, Schüttelfrost, starken Kopf- und Gliederschmerzen und großer Abgeschlagenheit. Die Symptome setzen meist vom einen auf den anderen Moment ein, die Genesung dauert oft zwei bis drei Wochen. Verläuft die Erkrankung schwer, können Organe wie Lunge, Herz oder Gehirn geschädigt werden. Rund 20 000 Todesfälle, etwa 35 000 Krankenhausaufenthalte und um die acht Millionen Arztbesuche, für diese enormen Zahlen sorgt die Influenza – in einer einzigen durchschnittlichen Grippesaison in Deutschland.

Ein Experte für dieses Thema ist Dr. Jürgen Rissland vom Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg. Der Mediziner ist leitender Oberarzt am dortigen Institut für Virologie.

„Schon bei dem Begriff der Grippe gibt es ein großes Missverständnis“, weiß der Virologe zu berichten. Landläufig spricht man fälschlicherweise oft von einer Grippe, wenn es nur eine einfache Erkältung, also ein grippaler Infekt ist. Das ist nicht richtig, denn solch ein grippaler Infekt wird von vielen anderen Viren ausgelöst und verläuft vor allem meist deutlich leichter. So wirkt der Begriff für viele Menschen immer noch sehr harmlos und sie verkennen, wie schwer eine echte Grippe verlaufen kann. Daher ist es sehr wichtig, dass wir über die Krankheit aufklären“ so Rissland.

Im Winter und Frühjahr 2018 steigerte die sehr schwere Grippewelle die Sensibilität der Bevölkerung und damit die Durchimpfungsrate in der nachfolgenden Saison 2018/2019. Eine erneute schwere Grippewelle blieb aber aus. „Das führt bei vielen zu dem Trugschluss, dass alles nicht so schlimm und man durch die eine Impfung geschützt sei“, gibt der Experte zu bedenken. Doch man muss eine Besonderheit der Influenza-Viren verstehen: Die Krankheitserreger wandeln sich ständig und ändern ihre Hülle.

Damit tricksen sie unser Immunsystem immer wieder ganz geschickt aus. „Das ist der Grund, warum die Impfstoffe jedes Jahr neu angepasst werden müssen und warum man sich jährlich impfen lassen sollte. Denn nur so ergibt sich ein aktueller und somit bestmöglicher Schutz“.

Die Impfung selbst geht schnell und unkompliziert bei Hausärztin oder Hausarzt, auch viele Arbeitgeber wie das Universitätsklinikum bieten für die eigenen Mitarbeiter eine kostenlose Grippeschutzimpfung an. Ein kurzer Pieks in den Oberarm und innerhalb von zwei Wochen ist man gut geschützt. Es gibt kaum Risiken, es kann – wenn überhaupt – kurzzeitig zu kleineren Hautrötungen, Verhärtungen oder leichten Schmerzen um die Einstichstelle herum kommen.

Die Impfung verhindert zwar nicht unbedingt eine Infektion mit den Influenza-Viren, aber bei Geimpften verläuft die Erkrankung meist sehr abgeschwächt und weniger gefährlich. Vor allem für ältere Menschen ab 60 Jahren, für Menschen mit bestimmten chronischen Erkrankungen, für Bewohner von Alters- oder Pflegeheimen, für Schwangere ab der 13. Schwangerschaftswoche und für Mitarbeiter von Krankenhäusern und anderen Gesundheitseinrichtungen empfiehlt sich eine vorbeugende Grippeimpfung.

Das rät die Ständige Impfkommission (Stiko) des Robert-Koch-Institutes. Aber auch gesunde Kinder, Jugendliche und Erwachsene profitieren vom Impfschutz, selbst wenn die Erkrankung bei gesunden Menschen oft nicht so schwer verläuft wie bei den Risiko-Gruppen. „Wenn Sie unsicher sind, fragen Sie einfach Ihre Hausärztin oder Ihren Hausarzt“, empfiehlt Rissland.

Der Homburger Experte hat die vielen positiven Entwicklungen hinsichtlich der Grippeschutzimpfung immer im Blick. So ist beispielsweise seit einigen Jahren ein spezielles Nasenspray mit Impfstoff für Kinder etabliert, das eine Grippeschutzimpfung bei der jungen Zielgruppe noch weiter vereinfacht (wir berichteten).

Aber auch die Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) im letzten Jahr war ein wichtiger Meilenstein, denn 2018 wurde der erweiterte Vierfach-Impfstoff in Deutschland zum Standard. Er deckt mehr Virenstämme ab als der Dreifach-Impfstoff, der zuvor überwiegend eingesetzt wurde.

Dr. Jürgen Rissland weiß genau, wie sich die stacheligen Grippe-Erreger verhalten. Foto: Rüdiger Koop/UKS

Für die Zukunft erwartet Rissland eine noch grundlegendere Änderung: „Es sind neue Impfstoffe in Entwicklung, bei denen die Wandelbarkeit der Influenza-Viren in den Hintergrund rückt. Mit diesen Präparaten wird es eventuell möglich sein, mit einer einmaligen Impfung einen längerfristigen, mehrjährigen Impfschutz aufzubauen, der dann sämtliche Virenstämme abdeckt“.

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