Dr. Benedikt Brixius gibt Tipps zur Grippeimpfung von Kindern

Interview Dr. Benedikt Brixius : Jetzt gute Zeit für Grippe-Impfung von Kindern

Denn wenn sie erst mal dauerverschnupft sind, wird es schwer mit der Grippe-Vorsorge. Die Hauptwelle kommt meist um Fastnacht.

Die kalte Jahreszeit rückt unaufhörlich näher und damit die Zeit der Schniefnasen, des Hustens und im schlimmsten Falle einer waschechten Grippe. Gerade Eltern von Kindergartenkindern können hier ein Lied singen. Wann sollten man sein Kind gegen die Grippe impfen lassen, worauf muss man achten? Wir haben dazu mit dem Homburger Kinderarzt Dr. Benedikt Brixius gesprochen, der auch dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte im Saarland vorsteht.

Dr. Brixius, wie lief denn die letzte Grippesaison aus Ihrer Sicht und in ihrer Praxis?

Die Hauptsaison der Grippe beziehungsweise Influenzawelle ist oft zwischen Fastnacht und Ostern. Das schwankt jedes Jahr ein bisschen. Bei der letzte Saison sprechen wir vom Zeitraum Frühjahr 2019. Das war eher eine schwache Grippewelle mit nicht sehr vielen grippekranken Kindern. Das stand im Gegensatz zum letzten Jahr, wo die Zahl sehr hoch war. Es ist durchaus immer wieder zu beobachten, dass nach einer starken Welle eine schwächere folgt. Das eine bedingt das andere auch. Wenn die Welle mal sehr stark war, dann sind Eltern das Jahr drauf sehr bemüht, ihre Kinder vor der Grippe zu schützen, habe viele Fälle erlebt, auch ungünstige. Die Impfbereitschaft ist dann sehr hoch. Genauso kann es  passieren, dass nach einer schwachen Welle die Impffreudigkeit nachlässt, nach dem Motto: „Es war ja nicht so schlimm“.

Ist es schon zu spät, die Kinder für die Grippe zu impfen?

Es ist gerade ein guter Zeitpunkt. Der Hauptpunkt hier ist, dass die Kinder zu dieser Jahreszeit noch sehr gesund sind, die Impfung gut durchführbar ist. Je später das Jahr wird, vor allem die ersten Monate im neuen Jahr kennen wir das, ziehen die Infekte an. Gerade in Kindergärten, wo Kinder auf engstem Raum nicht mehr so rausgehen können, stecken sich schnell an. Ist einer krank, kann das schon der Funke sein, der zum Feuer führt. Daher ist es später nicht mehr gut möglich, zu impfen.

Worauf sollte man achten, gerade wenn das Kind nicht ganz gesund zu sein scheint?

Man sagt generell, Kinder sollten drei bis vier Tage fieberfrei sein. Eltern sollten den Eindruck haben, dass das Kind fit ist und sich wohlfühlt. Vor der Impfung steht immer eine körperliche Untersuchung, ich höre die Kinder auf Herz und Lunge ab, schaue Ohren und Rachen an und impfe erst dann. Ein leichter Schnupfen oder Husten sind keine Gründe, nicht zu impfen. Das ist ein wichtiger Punkt, denn viele denken: Das Kind hat leichten Schnupfen, ich impfe jetzt lieber noch nicht. Dann stecken sich die Kinder in der Kita gegen Ende des Jahres vermehrt gegenseitig an und sie sind nie ganz schnupfenfrei.

Bei einer Grippeschutzimpfung  gibt es Kinder, bei denen eine Impfung  ganz explizit empfohlen wird. Dazu gehören Kinder mit chronischen Erkrankungen, mit schwerem Herzfehler, mit Frühgeburtlichkeit, die sehr infektanfällig sind, mit Asthma, sehr überempfindlichen Bronchialsystemen oder schweren neurologischen Erkrankungen. Der Hintergrund: Todesfälle bei Kindern aufgrund der Influenza sind sehr selten, aber bei der vorletzten Grippewelle sind  zwei eigentlich gesunde Kinder an der Grippe gestorben. Es war wohl ein statistischer Zufall. Er zeigt aber, wie tragisch die Influenza ablaufen kann. Ein anderer Punkt: Wenn man die Grippe durchmacht, kann das mein Immunsystem heftig schwächen. Wir erleben das immer wieder, dass ein Kind nach durchlittener Grippe auch infektanfälliger ist. Geimpfte machen die Grippe nicht mit und sind dadurch fitter in Bezug auf andere Infekte.

Wie Sie sagten, stecken gerade Kindergartenkinder sich ja mit allem möglichen an und verbreiten das dann in der Familie. Das kann ja auch für den Opa oder Oma gefährlich werden…

 Das stimmt. Wenn man Familienangehörige hat, die schwer erkrankt sind, grad eine Chemo erhalten oder eine chronische Krankheit haben, dann können solche mitbrachten Krankheiten lebensgefährlich werden. Bei der vorletzter Grippewelle sind knapp 30 000 Menschen verstorben, in erster Linie die Älteren. Das zeigt aber, was es für Auswirkungen hat. Die Kindergärten sind die Grippezentren, von da ausgehend werden alle anderen Altersgruppen involviert. In Deutschland gibt es keine generelle Impfempfehlung für Kinder. In den USA ist aus dem genannten Grund eine Empfehlung für alle Kinder ausgesprochen.

Ab welchem Alter sollte man die Kleinen impfen?

 Es gibt bestimmte Grippeimpfstoffe, die ab sechs Monaten zugelassen sind. Dem Kinder- und Jugendarzt ist bekannt, welche möglich sind. Ansonsten gibt es da keine Altersbegrenzung.

Wann beginnt bei Ihnen in der Praxis die „Hauptsaison“ für die Impfungen?

Bei mir ganz aktuell. Ich biete spezielle Impftage, oder halbe Tage an, etwa an diesem Freitagnachmittag. Da werden bei uns nur Grippeimpfungen durchgeführt. Die Eltern kommen dann manchmal mit und werden von mir mitgeimpft. Das wird auch gerne in Anspruch genommen. Umgekehrt dürfen Allgemeinmediziner im Saarland auch die Kinder mitimpfen.

Begegnen Ihnen in Ihrer Praxis viele Eltern, die Impfen skeptisch sehen oder sich verweigern?

 Das würde ich nicht speziell auf Grippe beziehen. Es gibt Eltern, die sind absolut gegen Impfungen. Man kann niemanden dazu zwingen, es gibt hierzu bisher kein Gesetz. Ich versuche, die Eltern zu überzeugen, warum das wichtig ist. Manchmal suchen sie mich auch auf, weil ich auch Homöopath bin und denken, dass ich daher auch ein Impfgegner sein muss. Das ist aber kein Widerspruch! Ich bin überzeugter Impfarzt.  Ich stelle oft fest, dass Eltern sich im Internet falsch informiert haben. Dann nehme ich mir die Zeit, zu erklären, warum Impfen so wichtig ist, warum Halbwahrheiten im Netz genannt werden, die das Ganze verzerren. Ich kann zum Glück immer wieder Eltern überzeugen.

Was sind mögliche Nebenwirkungen oder Komplikationen bei Impfungen?

 Typische Nebenwirkungen bei Impfungen sind Fieber, eine Rötung, Schwellung oder Schmerzen an der Impfstelle.  In Zusammenhang mit der klassischen Grippeimpfung sind keine weiteren typischen Nebenwirkungen bekannt. Mir persönlich ist noch nie ein Impfschaden widerfahren. Das heißt aber nicht, dass es solche nicht gibt. Sie sind aber eine absolute Rarität. Eine Besonderheit gab es bei der Schweinegrippe-Impfung, die aber so isoliert nicht mehr geimpft wird. Da gab es neurologische Komplikationen. Der Grippeimpfstoff jetzt ist ein Vierfachimpfstoff gegen je zwei Influenza-Viren Typen A und B. Der ist so zusammengestellt, wie es die Weltgesundheitsorganisation WHO  empfiehlt. Da ist ein Anteil der Schweinegrippe integriert, der abr diese Nebenwirkungen nicht mehr hat.

Stichwort Impfstoffmangel: Wie viele Impfdosen haben Sie geordert?

 Wir haben 160 Impfdosen für 160 Leute geordert, werden aber bei Bedarf nachordern. Oft kommen wir über 200. Nach der schlimmen Grippewelle letztes Jahr war die Nachfrage sehr hoch, irgendwann gab es keine Grippeimpfstoff mehr, ich konnte nicht mehr alle Kinder impfen, die ich impfen wollte. Zum Glück wusste ich zufällig von einem Kollegen, der noch welchen hatte, und habe die Kinder zu ihm weitergeschickt. Die Wirtschaftsunternehmen der Pharmaindustrie produzieren nicht endlos viele Grippeschutzmittel, sondern nur so viel wie erwartet. Und für die Herstellung des Impfstoffs sind mehrere Monate Vorlauf nötig, wegen strenger Sicherheitskriterien. Man kann nicht so flexibel reagieren. Wenn die Produktion neu angeworfen werden würde, wäre die Grippewelle schon abgeklungen. Auch daher ist es sinnvoll, jetzt zu impfen, wo noch ausreichend Impfstoff zur Verfügung steht.  Ich persönlich muss den Impfstoff spätestens im Sommer bestellen.

Beißt sich die Grippeschutzimpfung mit anderen Impfungen?

 Nein, es ist ein abgetöteter Impfstoff. Der ist auch in Kombination mit einer Pneumokokken-Impfung oder einer Auffrischung von Keuchhusten/Diphterie/Tetanus unproblematisch, also mit anderen abgetöteten Impfstoffen.

Haben Sie besondere Hinweise oder Empfehlungen für Kinder, die zum ersten Mal gegen die Grippe geimpft werden?

Da gibt es eigentlich keine. Es ist nicht so, als ob die erste besonders schwierig ist in Sachen Verträglichkeit. Allerdings sollten Kinder mit einer ausgeprägten Hühnereiweißallergie nur mit Rücksprache mit ihrem Kinderarzt mit dem Influenzaimpfstoff geimpft werden. Da könnte es eine allergische Reaktion geben.

In dem zwischenzeitlich verfügbaren Impf-Nasenspray sind aber lebende Viren enthalten: Inwiefern ist das gefährlich bzw. können die so geimpften Kindern andere anstecken?

Den Impfstoff würde ich nicht mit anderen Impfungen kombinieren. Den nasalen Impfstoff haben wir gerne geimpft, das war für Kinder angenehmer. Man hatte sich von ihm generell mehr erhofft, da er bereits in der Nasenschleimhaut einen Schutz aufbaut. Es gibt Statistiken, die zeigen, wieviele trotz Impfungen die Grippe bekommen haben. Der nasale Impfstoff scheidet da deutlich schlechter ab. Die Ständige Impfkommission (STIKO) hat ihn nicht als gleichwertig mit der Spritze eingestuft, diese ist zu favorisieren, weil sie besser schützt. Wir impfen Kinder mit dem nasalen nur noch, wenn sie eine Spritzenphobie haben. Da gilt: besser etwas geschützt als gar nicht.

Hält eine Impfung jetzt die Grippesaison über oder sind Nachimpfungen nötig?

 Der gebildete Antikörperspiegel sinkt mit der Zeit etwas ab. Es würde daher keinen Sinn ergeben, zu sagen: Ich impfe im Juni für die Grippewelle, die erst im März zuschlägt. Aber: Je später ich im Jahr impfe, desto mehr sind die Kinder bereits in einer Infektsituation. Wenn ich sage, ich lasse mir mehr Zeit, um für die Grippesaison einen optimalen Schutz zu haben, kann das scheitern, weil ich nicht impfen konnte. Das ist auch bei Erwachsenen so. Eine zweite Impfung nach 6 Wochen wird nur empfohlen, wenn die Grippeimpfung zum allerersten Mal durchgeführt wurde. Allerdings konnten wir letztes Jahr nicht zweimal impfen, weil es nicht genügend Impfstoff gab.

Haben Sie sich schon bei ihren jungen Patienten selbst angesteckt?

Dr. Benedikt Brixius. Foto: Benedikt Brixius/Privat
Manchmal sind Kinder vom Herbst an durchgängig verschnupft, die Nase läuft, eine Impfung gegen die Grippe ist dann schwierig. Daher sollten Eltern diese Vorsorgemaßnahme zeitnah angehen, rät der Homburger Kinderarzt Dr. Benedikt Brixius. Foto: picture alliance / dpa/Nicolas Armer

Seit ich Student bin, habe ich mich jedes Jahr gegen die Grippe impfen lassen – und profitiere davon. Ich bin nicht immun gegen alles. Aber gerade bei der Grippe ist es mir schon mehrfach passiert, dass es mir mal einen halben Tag nicht so gut geht,  dann aber plötzlich wieder besser. Erst bilden sich Grippesymptome aus, dann reagiert mein Immunsystem aufgrund der Impfung und verhindert die Erkrankung. Das ist ein Phänomen. Es hat mich noch nie so erwischt, dass ich zehn Tage oder länger ausgefallen wäre.

Mehr von Saarbrücker Zeitung