Ein Theaterstück gegen die Angst

Sie schreiben das Stück selbst, sie fertigen Kostüme und Bühnenbild und sie treffen sich zum proben, bevor sie am 30. Oktober ihren großen Auftritt haben: Im Rahmen eines integrativen Projektes entwicklen Flüchtlinge und Deutsche gemeinsam ein Theaterstück. Die erste Probe fand jetzt statt.

Zuerst waren es nur knapp zehn, dann 20, später mehr als 40 Interessierte, die zur ersten Theaterprobe eines integrativen Projekts mit Flüchtlingen in die Altenbegegnungsstätte in der St. Ingberter Stadthalle gekommen waren. Das sei "die arabische Zeit" scherzte Initiatorin Christina Wieth. Zusammen mit einer Gruppe Studenten und Studentinnen, darunter die Ideengeberinnen Hannah und Anne Jungfleisch, stellt sie ein integratives Theaterprojekt auf die Beine. Die künstlerische Leitung übernehmen Johannes Becher vom Kinder- und Jugendtheater "Die Musenbolde" sowie Mwoloud Daoud, ein Theaterregisseur, der vor seiner Flucht in Syrien offenbar recht bekannt war. Nur deswegen kam er aus dem Gefängnis frei, wo er einen Monat eingesperrt war wegen seiner künstlerischen Tätigkeit.

Schließlich waren viele gekommen, Familien mit Kindern sowie junge Männer und Frauen, manche mit Gitarren. Niemand wusste so recht, was an diesem Tag auf ihn zukommen würde. Daoud hielt die Ansprache auf Arabisch - hauptsächlich waren Syrer gekommen -, Bechers Ansprache dolmetschte er für alle, deren Deutsch noch nicht ausreichend war. Becher: "Ich hoffe, viel Arabisch zu lernen in diesem Kreis und mein Herz schlägt vor Aufregung, mit Euch Theater zu spielen." Ein Vorstellungsspiel folgte, in dem sich die Teilnehmer Bälle zuwarfen, um die Namen der anderen zu erfahren. Als Becher dann vormachte, in welcher Form dies nun geschehen soll - Blickkontakt zum Gegenüber suchen, den Namen laut und melodisch rufen und mit einer großen Geste ausholen und den Ball werfen - da war allen klar, dass es an diesem Tag nicht nur bei einer Vorstellungsrunde bleiben würde, sondern, dass dies schon das Warmmachen fürs Schauspielern war. Immer mehr Teilnehmer trudelten ein, immer mehr Stühle wurden herbeigeschafft, der Stuhlkreis wuchs bis an die Grenzen des Raums. Und wenn die geworfenen Bälle Faden gesponnen hätten, wäre in dem noch Unsicherheit ausstrahlenden Freiraum in der Mitte des Kreises bereits ein Netz gespannt und viele Kontakte geknüpft worden. Im nächsten Schritt trat einer nach dem anderen in die Mitte, um etwas über sich zu erzählen. Die meisten erzählten, sowohl auf arabisch, als auch auf Deutsch, dass sie noch nie Theater gespielt haben. Eine erste unfreiwillige Darbietung gab es von Yamen, der einen alten Mann mimte, nachdem er versehentlich erzählte, er sei 70 statt 17 Jahre alt. So lockerte sich die Runde. Spätestens als anschließend Gitarrenmusik erklang und alle tanzen sollten, war zumindest die erste Eisschicht gebrochen.

Um eine erste Idee vom Theaterspielen zu bekommen, führte Daouds Sohn zum Abschluss ein eingeübtes kurzes Stück über Angst vor. In wenigen Minuten zeigte er eindrucksvoll, wie es ist, unter einer Diktatur zu leben. Mit einer Improvisation sprang Becher dann ein und zeigte, dass die Flüchtlinge keine Angst mehr haben müssen. Hausaufgaben gab es auch: Bis zum nächsten Treffen sollten sich die Teilnehmer überlegen, welches Thema das Stück bekommen soll und vielleicht sogar schon einen Titel finden. Die Gruppe will anschließend zusammen mit den künstlerischen Leitern das Theaterstück schreiben, proben und aufführen. Hannah Jungfleisch berichtet, es sollen unterschiedliche Gruppen entstehen. Neben Schauspielern braucht es für ein Theaterstück natürlich auch ein Bühnenbild und Kostüme, die gefertigt werden müssen. In jedem Team sollen sowohl Deutsche, als auch Syrer sein, "so dass jeder mal der Fremde ist" und irgendwann ein großes gemeinsames. Es gibt bereits ein Zieldatum, auf das die Teilnehmerin hinarbeiten: Am 30. Oktober 2016 treten sie gemeinsam in der Stadthalle auf.

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