Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge kommt zum Vortrag nach Limbach

Erziehung : Von Rabeneltern und Busch-Müttern

Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge plädiert für mehr Gelassenheit, Zutrauen und Humor im Erziehungsalltag.

Jan-Uwe Rogge ist einer der bekanntesten Erziehungsberater Deutschlands. Seit Jahrzehnten gibt er Antworten auf Fragen, die Eltern umtreiben: Wie setze ich Grenzen? Wie kommuniziere ich mit meinem Kind? Was mache ich, wenn mein Kind in die Pubertät kommt? Hilfe, mein Kind ist in der Trotzphase! Am Mittwoch, 4. September, kommt Jan-Uwe Rogge auf Einladung des Grundschul-Fördervereins zu einem Vortrag nach Limbach. Wir haben im Vorfeld der Veranstaltung mit ihm gesprochen.

Herr Rogge, wenn man so den Zulauf zu Ihren Veranstaltungen sieht und den Erfolg Ihrer Publikationen, und das über Jahrzehnte hinweg, da scheint es doch eine große Unsicherheit unter den Eltern zu geben, was Kindererziehung angeht …

Jan-Uwe Rogge: Nun, ich bin mittlerweile seit 40 Jahren in dem Geschäft, das geht immer so in Wellen. Anfang der 80er Jahre hat man mir diese Frage auch gestellt. Ich denke, eine gewisse Verunsicherung gab es schon immer, Pestalozzi war 1780 schon einer der ersten „Ratgeber“, wenn man so will – ein Bestseller. Fragen zur Erziehung gab es wohl schon immer. In den letzten Jahren stelle ich fest, dass Eltern von sich, aber auch von den Kindern immer stärker verlangen, alles richtig zu machen, perfekt zu machen.

Haben Sie eine Erklärung, wo das herrühren könnte?

Rogge: Vor 40 Jahren sollten Kinder aufräumen, heute müssen sie richtig aufräumen. Vor 40 Jahren durften sie spielen, heute müssen sie schön spielen. Das ist so Perfektionierungs- und Optimierungswahn, der auch in anderen Bereichen zum Tragen kommt. Dieser Aspekt der Machbarkeit, die Grundhaltung „alles ist machbar“, man will alles im Griff haben, alles soll so laufen, wie wir es wollen. Aber Kinder sind eigenständige Persönlichkeiten. Erziehung ist eine gegenseitige Sache, ich begleite mein Kind, und es begleitet mich. Kinder stellen uns vor Herausforderungen, sie fordern uns heraus, kreativ zu sein, nach Lösungen zu suchen.

Wie haben Sie selbst als Kind Familie erlebt, in Ihrem Elternhaus?

Rogge: Ich bin in Stade in Norddeutschland aufgewachsen, in einer Großfamilie, mit Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, unter einem Dach. Ich will das jetzt nicht idealisieren, da war auch nicht immer alles so einfach. Wenn mir halt bei meiner Mutter das Essen nicht passte, bin ich zur Großmutter, oder wenn es dort nicht passte, zur Urgroßmutter. Was dann auch hin und wieder für Unfrieden unter denen gesorgt hat … Aber wenn ich so höre „Man muss in der Erziehung an einem Strang ziehen“ – furchtbar, bei Strang denke ich an Hinrichtung! Nein, Kinder mögen die Vielfalt, die Unterschiedlichkeit in der Erziehung. Ich konnte da viele verschiedene Arten der Erziehung erleben, und das war gut so. Auch die Erziehung durch Verwandte, andere Kinder, Nachbarskinder, Freunde, Geschwister. Und das hat auch Freiräume geboten, in denen Entwicklung möglich war.

Viele Eltern heute sagen ja: „Ich will das auf jeden Fall anders machen als meine Eltern!“

Rogge: Ja, das ist eine sehr unreflektierte Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Ein typischer Generationenkonflikt, wenn die eigenen Eltern dann sagen: „Ich wünsche dir das Kind, das du selber mal warst!“ Kinder durchleben auch heuet das Trotzalter, die Pubertät, aber der Umgang damit hat sich geändert. Eltern heute wissen sehr viel über Kinder und über Erziehung, aber dieses Wissen führt nicht unbedingt zu mehr Sicherheit im pädagogischen Handeln. Es macht unsicher, und es führt oft dazu, dass Kindern zu schnell ein Stempel aufgedrückt wird, der ihm nicht gerecht wird. Wenn ein Kind sich gerne und viel bewegt und herumtobt, wird es schnell als „hyperaktiv“ abgestempelt. Erwachsene haben da oft zu viele Formeln im Kopf, mit denen sie versuchen, Kinder in Schubladen zu pressen, damit man die Dinge wieder im Griff hat.

Was sind die häufigsten Themen, mit denen Eltern Ihren Rat suchen?

Rogge: Die Klassiker – Trotzalter, Pubertät, aber auch Alltagssituationen wie Aufräumen, Essen, Taschengeld, Schlafengehen, Probleme mit Freunden.

Welche Rolle spielen Fernsehen oder neue Medien wie Internet und Smartphone?

Rogge: Es kommen schon Fragen, aber auch da geht es eher darum, wie lange, wie oft, ab wann ein Handy. Und eigentlich nutzen Verbote da nichts, das macht es nur interessanter, sondern es bringt eher etwas, eine vernünftige Lösung auszuhandeln. Und nur am Rande erwähnt: Es gab vor rund 200 Jahren eine ganz ähnliche Debatte über Lesesucht, und man befürchtete, zuviel Lesen schade den heranwachsenden jungen Menschen. Also Sie sehen, es ändern sich die Zeiten und die Mittel, aber der Kern bleibt gleich.

Ihr Vortrag, den Sie in Limbach halten, heißt „Warum Raben die besseren Eltern sind“. In aller Kürze, wir wollen ja nicht alles vorwegnehmen: Was haben die Raben uns voraus?

Rogge: Raben sind die besseren Eltern, weil sie das Gespür dafür haben, wenn die Kinder flügge sind. Die Kinder aus dem Nest schubsen, aber begleitet von guten Wünschen und dem Zutrauen: „Du schaffst das!“. Dieses Loslassen, das können wir lernen. Die Begleitung ins Leben hat keine Grenzen, das sehe ich bei meinem Sohn, der inzwischen über 40 ist, dann funktioniert die Beziehung auf einer anderen Ebene – aber das ist ein anderes Thema.

Man hört aus Ihren Antworten eine große Gelassenheit heraus, Sie betrachten vieles mit einem Augenzwinkern – ist das auch das Geheimnis Ihres Erfolges als Erziehungsberater?

Rogge: Dass ich so lange in dem Job bin, hat sicher etwas damit zu tun, dass man aus den Vorträgen den einen oder anderen Tipp mitnimmt und es einem so gelingt, wieder mehr Gelassenheit und Leichtigkeit in den Erziehungsalltag einfließen zu lassen. Dazu benutze ich viele konkrete Beispiele und ich rede in Bildern, Bilder bleiben viel mehr hängen. Eines meiner liebsten ist das vom Busch. „Früher spielten Kinder hinter Büschen, heute sitzt in jedem Busch eine Mutter“ – also ein Plädoyer für mehr Freiraum, mehr Zutrauen, mehr Vertrauen in die Kinder. Wenn dann eine Frau kommt und sagt „Herr Rogge, Ihr Bild von dem Busch, das hat mich über so viele Jahre begleitet, ich habe mich so oft daran erinnert, wenn ich mal wieder auf dem Weg zur Gluckenmutter war“, das ist schon ein schönes Erlebnis. Und ich versuche immer Klartext zu reden; ich bin Norddeutscher, da macht man ohnehin nicht so viele Worte, und kommt schnell auf den Punkt. Außerdem ist mir wichtig, gerade in den Vorträgen, dass man gemeinsam lachen kann, wenn man den Spiegel vorgehalten bekommt. Humor hilft in vielen Situationen, auch im Erziehungsalltag.

Nach dem Abitur, bevor Sie ein geisteswissenschaftliches Studium aufgenommen haben, waren Sie als junger Mann Zeitsoldat bei der Marine – was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?

Rogge: Ich bin in der Nähe zur Küste groß geworden, von daher hatte ich schon immer eine Nähe zum Maritimen, und habe dann in der Zeit bei der Handeslmarine Nord- und Ostsee befahren … mitgenommen habe ich wohl das: „Wenn der Sturm kommt, ist es wichtig, den Sturm anzunehmen, nicht dagegen anzukämpfen, sondern mit dem Sturm zu segeln.“

Mehr von Saarbrücker Zeitung