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Was Brandenburg zum 200. Geburtstag von Fontane bietet

Fontane-Jubiläum : Wanderungen durch die Mark mit Umwegen

Auf den Spuren eines Ausnahmedichters: Brandenburg feiert ausgiebig den 200. Geburtstag von Theodor Fontane. Und das selbst in Städten, wo der Journalist, Apotheker und Schriftsteller nie hinkam.

„Ein vom Frühlicht umspielter Kirchturm wird sichtbar und spielt eine Weile Versteckens mit uns; aber nun haben wir ihn wirklich und fahren durch einen hochgewölbten Torweg in Lübbenau ‚die Spreewald-Hauptstadt‘ ein“: So poetisch-präzise Worte fand Theodor Fontane, als er im Jahr 1859 durch Brandenburg reiste. Ende des Jahres jährt sich sein Geburtstag zum 200. Mal – und das wird gefeiert. Nicht nur in seiner Geburtsstadt Neuruppin, sondern in zahlreichen brandenburgischen Orten, in denen der Dichter einst seine Spuren hinterließ.

In seine Fußstapfen tritt heute Michael Apel. Mit grauem Schnäuzer, Frack und Zylinder ist der Theaterschauspieler schon von weitem als Fontane zu erkennen, wenn er Wanderer durch den Spreewald führt. Und dabei nur auf gezielte Nachfrage aus der Rolle fällt: „Zwei Tage war ich damals hier“, erklärt der Alias-Fontane, „dafür ist eine Gedenktafel vielleicht etwas übertrieben? Aber man ist auch eitel.“ Der Wanderweg durch Burg, das flächenmäßig größte deutsche Dorf, ist zehn Kilometer lang. Er führt vorbei an Streuobstwiesen, über malerische Brücken an den spreewald-typischen Kanälen, auch Fließen genannt.

Spazierend erzählt Apel von sorbisch-wendischen Sagen, auch von aktuellen Schwierigkeiten der Region, etwa durch Landflucht. Vor allem aber geht es – natürlich – um Fontane, eine „sehr interessante Figur“, wie Apel sagt. Mit Passanten, die seiner Wandergruppe entgegenkommen, macht der Fontane von heute selbstverständlich gern ein Selfie. Nur die Gegenfrage, was sie denn vom berühmten Sohn der Region gelesen haben, müssen sie sich stellen lassen: „Effi Briest“, lautet die häufigste Antwort. Motorisierte Transportmittel („Benzinkutschen“) sind indes nur an wenigen Stellen des Wanderwegs zugelassen.

Apel stammt aus Cottbus – einem Ort, den Fontane nie besucht hat. Dennoch beteiligt sich das örtliche Apothekenmuseum an „Fontane/200 Spuren“, einer Aktion von Kulturland Brandenburg im Rahmen des Gedenkjahrs. Schließlich war der Schriftsteller gelernter Apotheker und arbeitete einige Jahre in diesem Beruf, bevor er sich – zunächst als Journalist – dem Schreiben widmete. Manche Besucher seien überrascht, wenn sie davon erfahren, berichtet Museumsleiterin Annette Schiffner. Aber auch „richtige Kenner“ finden den Weg in das Museum am Cottbuser Altmarkt. Das Wissen, das Fontane sich als junger Mensch aneignete, taucht in seinen Romanen immer wieder auf. Die titelgebende Familie aus „Frau Jenny Treibel“ besitzt zum Beispiel Fabriken, in denen Berliner Blau produziert wird. Umgekehrt habe sich sein literarisches Talent früh gezeigt, meint Schiffner: „Selbst Zeugnisse, die er geschrieben hat, sind einfach schön zu lesen.“ Eine Apotheke konnte sich Fontane indes nicht leisten. „Wer weiß, ob er sonst überhaupt geschrieben hätte“, so die Museumschefin.

Auch wenn Fontane nie dort war, gibt es eine Verbindung zwischen ihm und Cottbus: seine Verehrung für den spätromantischen Landschaftsmaler Carl Blechen. Der Schriftsteller arbeitete zuletzt an einer nicht mehr vollendeten Biografie und plante eine Blechen-Galerie im heimischen Wohnzimmer. Auf Schloss Branitz ist noch bis Ende Oktober zu sehen, wie dieser Raum hätte aussehen können. Besonders gefallen habe Fontane, dass Blechen die Vorgeschichte des Märkischen Landes in seinen Bildern aufgriff, erklärt Kuratorin Beate Gohrenz. „Fontane bedauerte, dass die heimische Kultur und Geschichte wenig Beachtung fanden“, erklärt sie.

Die Schönheit der Region bekannt zu machen, war durchaus ein Ziel von Fontanes Reiseberichten. Heute, nach zwei Weltkriegen und wiederkehrenden Debatten um den Heimat-Begriff, dürfe er daher jedoch nicht als zwielichtig gelten, betont Rainer Falk, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Theodor-Fontane-Archiv in Potsdam. „Fontane hat sich selbst als Weltbürger betrachtet“, sagt er.

Und heute wäre der Dichter mit einer ähnlichen Botschaft unterwegs wie zu seiner Zeit, meint Schauspieler Apel. „Er würde es bedauern, dass wir mit einer Erwartungshaltung reisen – und nur noch uns selbst begegnen. Fontane hat dafür geworben, sich für andere Menschen zu interessieren.“ Besonders habe ihm die Landbevölkerung am Herzen gelegen, fügt der 56-Jährige hinzu.

In der Tat würdigt der Dichter viele Orte, auch wenn er sie nur kurz bereist hat. Das gilt etwa für die Stadt Lübben, in der Fontane 1859 die Pferde an seiner Kutsche wechseln ließ – und die auffälligen Uniformen der Soldaten ebenso beschrieb wie den blühenden Oleander. Die Schau „Durch die wendische Walachei“ zeigt ab 5. Juli, wie die Stadt zur Zeit Fontanes aussah.

Der Appell der Ausstellung ist dabei eindeutig: „Lies mehr Fontane“, steht auf einem Plakat, das der Grafiker Sebastian Franzka in Anlehnung an die berühmte Werbung der US-Army gestaltet hat. Das Gedenkjahr biete zahllose Verweise auf Fontane, erklärt der Künstler. „Dabei sollte man ab und zu wirklich an die Quelle zurückgehen.“ Das lohne sich im Sinne der häufig ersehnten Entschleunigung, betont Franzka: „Wenn man in Fontanes Büchern erstmal drin ist, dann sucht man nicht mehr die kurze literarische Anekdote, sondern man versinkt, taucht richtig ein.“

Im Spreewald fällt es leichter als anderswo, zur Ruhe zu kommen. Allein durch die Fortbewegung: Früher waren hölzerne Kähne das wichtigste Transportmittel der Region. Wer wie Fontane auf einer gepolsterten Bank im Kahn sitzt und durch die Fließe gestakt wird, kann schwerlich in Hektik verfallen. Das würde auch nichts helfen, weiß Schauspieler Apel. „Für einen Kahn braucht man Gelassenheit.“ Er zitiert gern, wie sein Alter Ego Fontane einst die Kahnfahrer beschrieb: „Aufrecht stehend, mit einer stoischen Ruhe durch den Fließ“.

www.fontane-200.de