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Die Sparte4 hat ihre erste Oper „Bouches les Rouges“ als Gemeinschaftsprojekt entwickelt.

Erste Oper von Sparte4 : Fabelhaft komische Pandemie-Parabel

Kein Libretto, keine Partitur: Die Sparte4 hat ihre erste Oper „Bouches les rouges“ als grandioses Gemeinschaftsprojekt entwickelt.

Das Wandern ist des Städters Lust! Mit erwartungsfrohen Rotbäckchen und in gediegenem hellen Tweed geht er auf Tour in die Natur: die Männer im Anzug, glitzernde Pfauen-Broschen wie Orden ans Jackett geheftet (ein Schelm, wer daraus auf den Charakter schließen mag); die Damen im sittsamen Midikleid, beide Geschlechter mit neckisch gepufften Ärmeln – ein biedermeierlich anmutendes Idyll. Ihr Reiseleiter (Gaetano Franzese) dagegen schaut mit samtener Schlaghose und Steppjacke aus wie aus einer 70-er Jahre-Disco getorkelt: Dass der Typ nicht ganz koscher sein kann, merkt man schon daran, dass er die obligatorische Wandergitarre verkehrt herum hält. Und mit diesem dubiosen Kerl will das kleine Trüppchen im „Saarbrückener Wald“ – liebes Staats­theater,­ diese Formulierung ist ein Sakrileg! – „sechs Wochen Spaß“ miteinander haben?!

Damit zumindest lockte die Zeitungsanzeige, auf die sich Erna (Bettina Maria Bauer), Gertrud (Judith Braun), Hektor (Stefan Röttig) und Bernhard (Markus Jaursch) gemeldet haben. Erwartungsgemäß läuft die Sache gleich zu Beginn aus dem Ruder, und die Wandersleut’ müssen sich auf eigene Faust durchschlagen – so die Ausgangssituation von „Bouches les Rouges“, der ersten Oper von Sparte4. Das Terrain dafür wurde allerdings in die Alte Feuerwache verlegt, wo das Musiktheater, dessen Titel so gar nicht zum Inhalt passen will, am Samstag uraufgeführt wurde. Sechs Wochen Spaß an der Freud fürs Ensemble, das versprachen auch die Proben: kein vorgegebenes Libretto, keine Partitur – „Bouches les rouges“ (Komposition und Inszenierung: Marius Schötz; Text und Dramaturgie: Marthe Meinhold) ist ein Gemeinschaftsprojekt, das aus Gesprächen mit allen Beteiligten entwickelt wurde. Selbst die Musik zu dieser ungewöhnlichen Produktion kommt ohne übliches Orchester aus: Yu-Hsuan Lin begleitet (abwechselnd mit Nathan Blair) live am Flügel, dazu erklingen atmosphärische Einspielungen.

Das Ergebnis ist grandios – und fabelhaft komisch. Herrlich, wie die Texte (ohne Reim, mal im banalen Plauderton scheinbar improvisiert, mal poetisch aufgebläht) mit der Tonsprache kollidieren und diese abwechselnd ironisch unterlaufen oder dramatisch überhöhen: Schötz spielt, mit kräftigem Augenzwinkern, aber durchaus respektvoll, mit diversen Opern-Klischees und der Tradition des Romantischen Lieds. Auch inhaltlich finden sich Parallelen, etwa im Motiv des geheimnisvollen, Speer-bewaffneten Wanderers: Wotan aus Wagners Ring lässt grüßen. Und die Sänger und Sängerinnen geben dem Affen mit viel Spielwitz und Sinn für Situationskomik darstellerisch wie vokal virtuosen Zucker – in einem schwarzweiß gezeichneten Bühnenbild (Robin Metzer; Kostüme: Florian Kiehl), das mit rauschendem Gebirgsbach und Doppelrahmen mit Waldmotiven so aussieht, als ob Caspar David Friedrich persönlich es mit der Feder hin getuscht hätte.

Ein Sinnenrausch – doch von wegen märchenhafte Waldeslust und Lagerfeuerromantik! Das Abenteuer beginnt als harmonischer Selbsterfahrungstrip, irgendwo zwischen hippem Jochen Schweizer-Urlaub und Maria Trebens betulicher Heilkräuterkunde, bis die Stimmung eher in Richtung „Hänsel und Gretel“ und „Blair Witch Project“ kippt: als nämlich ein Bär mit scharfer Pranke Bernhard ein Auge ausschlägt und damit auch eine Scharte in die Gruppendynamik wetzt.

Was nun folgt, ist das eigentliche Kunststück dieser Produktion: dass sie, scheinbar albern und trashig, eine kluge Parabel auf unsere aktuelle pandemische Lage skizziert. Wie durch ein Brennglas beobachten wir eine Gesellschaft, die in einer unbekannten Situation angesichts einer nicht zu kontrollierenden Gefahr die Orientierung verliert und nicht weiß, wie sie sich im Konflikt zwischen individuellem Freiheitsdrang und gemeinschaftlicher Verantwortung verhalten soll. Einige drehen durch (wie Erna, die, von einer Qualle betört, im Bach ertrinken möchte), andere rebellieren bewusst gegen die Gebote der Vernunft. Man sucht verzweifelt nach einem Schuldigen und/oder sehnt sich nach einem starken Anführer („Bärnhard“ soll’s richten), während Skrupellose die Lage für ihre eigenen Zwecke ausnutzen.

Trotz dieser ernsten Parallelen: selten so gelacht. Bitte mehr solcher beglückenden musiktheatralischen Experimente!

Eine der witzigsten Szenen: Erna (Bettina Maria Bauer) wird von einer Qualle betört und dreht durch. Foto: Astrid Karger

Weitere Vorstellungen in der Alten Feuerwache am 23. und 30. Oktober sowie am 13. November, je um 19.30 Uhr; am 15. und 29. November je um 18 Uhr und am 15. November um 19.30 Uhr. Weitere Termine sollen folgen. Karten unter Tel. (06 81) 3 09 24 86.