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So sieht der Spielplan des Saarländischen Staatstheaters kommende Saison aus

Der Spielplan des Saarländischen Staatstheaters : Was für ein Theater-Abenteuer! (aktualisiert)

Welche Stücke spielt das Saarländische Staatstheater ab dem 5. September? Die Spielzeit-Planung reicht erst mal nur bis Dezember.

So also klingt Geisterapplaus im Theater. Journalisten bekamen bei der Spielplan-Vorstellung schon mal eine Vorahnung davon, wie zukünftig Applaus im Großen Haus klingt, wenn nicht mehr 960 Menschen klatschen, sondern womöglich nur noch 50. Nicht nur schütter, sondern reserviert. Wie wird sich in Corona-Zeiten den Künstlern  Begeisterung vermitteln, wie kann in einem kaum besetzten Zuschauerraum eine mitreißende Welle von Gemeinschaftsgefühl entstehen? All das wird das Publikum früher erleben als erwartet. Schon im Juni wird es fünf erste SST-Abende geben, noch bevor die eigentliche Saison 2020/21 am 5. September beginnt. Das kündigte Intendant Bodo Busse überraschend an. Er ist sicher, dass sich das Theater trotz körperlicher Distanz als ein „Ort für  soziale und emotionale Nähe“ behaupten wird, ja muss.  Denn Kunst ist das eine, der gesellschaftspolitische Auftrag und Wert von  Kulturinstitutionen als soziale Laboratorien das gleichermaßen Wichtige, das hob die SST-Aufsichtsratsvorsitzende, Kultusministerin Christine Streichert-Clivot im Rahmen der Spielplan-Präsentation hervor.

Vorgelegt wurde dabei nicht etwa die übliche Gesamtvorschau bis Sommer 2021, sondern eine vorläufige „Spielplanübersicht“ nur für die erste Spielzeithälfte bis Ende des Jahres.   Aufgeführt werden lediglich Premieren zwischen September und Dezember, denn ab 1. Januar 2021 will das SST wieder „in den Normalbetrieb“ wechseln, mit einem erweiterten Spielplan. Die Produktionen der ersten Spilezeithälfte wurden so konzipiert, dass sie, etwa durch den dann wieder möglichen Einsatz des Chores in der Oper, künstlerisch erweitert werden und weiterlaufen können. Ein „atmender“ Corona-Spielplan 2020/21 ist das also. Er bietet vorrangig kleinere Formate. Zwischen September und Dezember geht  aber freilich 15 Mal der Vorhang für Premieren hoch, darunter nur für zwei Wiederaufnahmen („Amadeus“, „Weh dem“), deren Spielkonzepte regelkonform angepasst wurden. Was wohl heißt: bye bye Opulenz.

Sieht man das Glas nun halbvoll oder halbleer? Womöglich lässt sich die Antwort nur Sparten-abhängig geben.  Musiktheaterfans, die sich  vorrangig auf saftige Opern und machtvollen Orchester-Sound freuen, dürften bei der Lektüre der Übersicht  frustriert sein. Eine einzige große Oper, Verdis „Il Trovatore“, steht auf dem Programm, in einer Kammerorchesterfassung. Außerdem eine experimentelle Uraufführung (“Bouches les Rouges“) und zwei Stücke der leichteren Muse: das Musical „Hair“ und eine trashige Version der Operette „Das weiße Rössl“, die 1994 in der Berliner „Bar jeder Vernunft“ Kult wurde.

Auch Ballett-Liebhaber müssen sich wegen der Corona-Einschränkungen auf „kleine Formationen“ einstellen, wie Ballett-Manager Klaus Kieser ausführte. „Die Freiheit ist, in Fesseln zu tanzen“, sagte er. Immerhin choreografiert Ballettchef Stijn Celis die beiden Uraufführungen selbst, eine davon, „Sound & Vision“, reflektiert zu Musik von David Bowie oder Edith Piaf Empfindungen der Balletttänzer während der Phase, in der harte Corona-Ausgangsbeschränkungen galten.

 Womöglich haben es Schauspielfans am leichtesten, sich zu arrangieren, denn mit neun Produktionen fällt das Angebot weniger reduziert aus als befürchtet. Vor allem aber bewegt es sich jenseits ausgetrampelter Klassiker-Pfade. Davon zeugt beispielsweise das Projekt „Glück. Ein Abend mit sieben Gewinnern und den besten Momenten in Zeitlupe“, das Bürgerbefragungen integrieren soll.  Nur Ibsens Selbstbestimmungs-Drama „Nora“  und das Boulevard-Schmankerl „Trüffel Trüffel Trüffel“ von Labiche fallen ins Fach Bewährtes. Beides sind übrigens Stücke, die  in der  wegen Corona abgebrochenen Spielzeit nicht mehr gezeigt werden konnten und deshalb nun in der nächsten Saison landen. In welcher theatralischen Form?

Voraussichtlich werden die Zuschauer diese Frage in jede Aufführung mitnehmen. Das Künstlerische dürfte immenses Gewicht gewinnen.

Angekündigt wurde zudem, das sich das Theater auf die Suche nach größeren Ausweich-Spielstätten begibt, um zu besseren Einspielergebnissen zu kommen. Mit dem Weltkulturerbe Völklinger Hütte ist man für August schon in Verhandlungen. Der kaufmännische Direktor Matthias Almstedt erläuterte, dass das SST die Einnahmeausfälle „aus eigener Kraft“ durch Senkung der Personaleinnahmen kompensieren könne. 350 SST-Mitarbeiter seien in Kurzarbeit.

Fazit? Das inhaltliche Angebot wirkt frisch und munter, und wann je in den vergangenen Jahren hätte man einem Saisonstart dank eines neuen Verhaltenskodexes mit einer derart „prickelnden“ Laune entgegen gewartet, ganz nach dem Motto, das über dem Schauspiel-Abschnitt im Spielplanheft steht: „Was für ein Abenteuer“.

Hier die Premieren und Uraufführungen in der Gesamtübersicht:

  • Saisonstart am 5. September: „NORA_SPIELEN!“, Schauspiel von Henrik Ibsen
  • 6. September: „Il Trovatore der Troubadour“, Oper von Giuseppe Verdi
  • 12.September: „Glück. Ein Abend mit sieben Gewinnern und den besten Momenten in Zeitlupe“, eine revueartige Glücksjagd
  • 18. September: „Die Politiker“, Sprechtext von Wolfram Lotz
  • 19. September: „Trüffel, Trüffel, Trüffel“, Lustspiel von Eugène Labiche
  • 24. September: „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“, Schauspiel nach dem Roman von Ludwig Harig | Saarland-Saga zweiter Teil (Wiederaufnahme)
  • 2. Oktober: „Gespräch mit einer Stripperin“, Schauspiel von Jakob Nolte
  • 3. Oktober: „Sound & Vision“, Ballett von Stijn Celis
  • 17. Oktober: „Bouches les Rouges“, eine Nationaloper, Musiktheater von Marius Schötz
  • 24. Oktober: „Hair“, The American Tribal Love-Rock Musical
  • 6. November: „Eine kurze Chronik des künftigen China“, Schauspiel von Pat To Yan
  • 8. November: „Donkey, der Schotte und das Pferd, das sich Rosi nannte“, Familienstück von Ariane von Graffenried und Martin Bieri frei nach Cervantes
  • 13. November: „Amadeus“, Schauspiel von Peter Shaffer (Wiederaufnahme)
  • 18. November bis 23. November: Festival Primeurs, Festival für frankophone Gegenwartsdramatik
  • 5. Dezember: „Im weißen Rössl“, Singspiel von Ralph Benatzky
  • 13. Dezember: „Winterreise“, Ballett von Stijn Celis