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Bombe
Tausende Bomben sind noch unentdeckt

Dirk Otterbein mit der 50-Kilo-Fliegerbombe nach dem Entschärfen und vor dem Verladen zum Abtransport ins Waffenlager, von wo sie dann zur Entsorgung in die Lüneburger Heide kommt.
Dirk Otterbein mit der 50-Kilo-Fliegerbombe nach dem Entschärfen und vor dem Verladen zum Abtransport ins Waffenlager, von wo sie dann zur Entsorgung in die Lüneburger Heide kommt. FOTO: Jörg Jacobi
Neunkirchen. Trotz gesetzlich vorgeschriebener Untersuchung vor Baubeginn finden oft erst Bagger die Sprengkörper. Von Elke Jacobi

Noch vor einer Woche war die Stadt in heller Aufregung: Gut behütet von einer Schicht Erde und bewacht von der Baggerschaufel lag die bei Bauarbeiten an den Bliesterrassen entdeckte Bombe da und wartete auf ihre Entschärfung. Nach Evakuierung von rund 2500 Personen war die eigentliche Entschärfung dann schnell vorbei: Bis 7 Uhr war die Zone zu verlassen, dann begann die Evakuierungskontrolle und der Abtransport aus den beiden Pflegeheimen. Um 10.42 kam das Okay für Entschärfer Dirk Otterbein und sein Team, um 11.15 Uhr war alles vorbei. Die Menschen durften zurück in ihre Häuser. Viel Lob gab es im Nachhinein für die Organisation unter Einsatzleiter Bürgermeister Jörg Aumann und die über 500 Ehrenamtlichen. Eine Frage aber stellte sich für viele der mehr oder weniger Betroffenen: Wieso kann man jetzt noch eine solche Bombe finden und wo kommt die überhaupt her?


Bei der Bombe, so hatte der Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes des Landespolizeipräsidiums, Dirk Otterbein, erläutert, handelte es sich um eine amerikanische 50-Kilo-Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Bombe wurde vermutlich bei den acht Angriffen der US Air Force zwischen dem 23. Mai 1944 und dem 5. Januar 1945 abgeworfen. Ab 1944 waren Neunkirchen und insbesondere das Eisenwerksgelände und die Bahnlinien Ziel schlimmer Bombenangriffe. Generell geht man laut Otterbein von zwölf bis 15 Prozent Blindgängern aus. Kein Wunder also, dass bei Erdarbeiten solche Blindgänger gefunden werden. Zwar ist es mittlerweile vorgeschrieben, dass vor Bauarbeiten mit Hilfe von Detektoren nach Bomben gesucht wird. „Da hier in Neunkirchen noch so viel Eisen im Boden liegt, ist es nicht immer leicht, diese auch zu entdecken.“ Für Neunkirchen kommt erschwerend hinzu, dass es für die ehemalige Hüttenstadt keine sogenannten Bombeneinsatzlisten gibt. Ganz im Gegensatz zu Saarbrücken. Deshalb weiß man auch, dass dort noch ein paar Tausend Bomben fehlen. Großeinsatz für Otterbein war beim Bau des Bauhaus-Gebäudes in der Dudweiler Landstraße: acht Bomben. Die letzte Sprengung fand am Güterbahnhof in Saarbrücken statt. Das „Gute“ an der Neunkircher Bombe war, dass es sich nicht um eine chemische Bombe handelte. „Es war mit keiner chemischen Reaktion zu rechnen“, sagt Otterbein und erinnert sich an den Tod eines Kollegen in Göttingen, als ein chemischer Langzeitzünder kurz vor der Entschärfung zündete. Die chemischen Bomben seien die britischen Bomben. Die amerikanischen, wie die in Neunkirchen jetzt und 2014 beim Bau der Kita gefundenen, haben Zünder, die nicht auf Luft oder Erschütterungen reagieren. Deshalb konnte sie auch gefahrlos liegen bleiben. Die aktuelle Bombe hatte nur einen statt zwei Zündern. Da für Neunkirchen jegliche Unterlagen fehlen, was direkt nach dem Krieg bis in die 50er-Jahre an Bomben gefunden wurde, die Liste erst seit 1976 geführt wird, kann Otterbein keine echte Entwarnung geben. „Das wird noch ein paar Hundert Jahre dauern, bis die alle weg sind.“