Generalprobe Musical: So kommt Farbe ins Schwarz und Weiß

Generalprobe Musical : So kommt Farbe ins Schwarz und Weiß

Besuch bei der Generalprobe von „Meine Herren und Damen: Marie!“, dem neuen Stück des Neunkircher Musical-Projektes.

Vieles ist wie jedes Jahr. Zwei Tage vor der Premiere des Neunkircher Musical-Projektes ist öffentliche Generalprobe. Familienangehörige, Freunde und Ehemalige sind auch in diesem Jahr die Testpersonen dafür, wie das neue Stück ankommt. „Meine Herren und Damen: Marie!“ – und das allerdings ist anders – ist eine Auftragsarbeit der Arbeiterwohlfahrt anlässlich deren 100-jährigen Bestehens, es beleuchtet eine Lebensphase von deren Gründerin Marie Juchacz. Deshalb sitzt an diesem Abend auch Marcel Dubois unter den Gästen. Landesvorsitzender der Awo und damit Auftraggeber. „Ich habe das Script gelesen, gesehen habe ich noch nichts. Nun bin ich ganz gespannt, wie das, was ich mir im Kopf vorgestellt habe, auf der Bühne umgesetzt wird“, verrät er der SZ vor Beginn. Es sei schon mal verraten: In der Pause wird er aufstehen und sagen: „Ich hatte bei jeder Szene Gänsehaut.“

Dass sie das schaffen werden, das wissen anderthalb Stunden früher die Betroffenen noch nicht. Die Stühle in der Halle sind um 18.30 Uhr noch leer. Im Foyer empfangen die Produzenten Cornelia Feld und Nicolas Schneider die Gäste. In einer Ecke stehen die künstlerische Leiterin Ellen Kärcher und die beiden Komponisten Francesco Cottone und Amby Schillo, sprechen offenbar noch dies und das durch. Alles wirkt ruhig. Oben, im Künstlerbereich allerdings, da hat schon die Hektik das Zepter ergriffen. Das Essen dampft vor sich hin, erst, wer fertig ist, wird sich hier über Geschnetzeltes und Gemüse hermachen. In den Umkleidekabinen wird gezippelt und gezuppelt, bis die Kostüme richtig sitzen. Für die zeichnen sich Simone Georg und Martina Schneider gemeinsam mit Kärcher verantwortlich. Die Puderfeen von Katja Molter-Basler haben Großeinsatz. Wer fertig ist, greift sich beim Rausgehen ein großes Gummibärchen und „geht aus de Füß“. Gegenüber werden die Haare schön. Da hat sich an diesem Abend auch das SR-Fernsehen breitgemacht, führt Interviews mit Hauptdarstellerin Nina Sepeur und einem der Kinder, Myla Kist. Für alle Fälle und weil es in jedem Jahr unter den rund 100 Mitwirkenden auf und hinter der Bühne immer nochmal neue gibt, hängt ein 21 Punkte umfassender Verhaltenskodex an einer Kabinen-Tür. Hier geht es vor allem um Ordnung und Sauberkeit.

Treppe runter, quasi neben der Bühne, probiert Tobias Sascha Schmitt Hüte an. Das Nähstübchen ist leer, offenbar passt alles. Und auch vor der Tür der Kostüm-Container ist verwaist, nur ein paar Raucher entspannen hier im Innenhof. Aus dem Saal hört man das Ansingen, will sagen: Die Mikros werden getestet. 26 sind das in diesem Jahr, wie der technische Leiter Thomas Hoheisel später verrät. Wer mit dem Einsingen noch Zeit hat, der wartet. Wie Aline Schmeer, Andreas Klasen, Sandra Martini und Clemens Brill. Von ihren Stühlen aus können sie auf einem Bildschirm das Bühnengeschehen mitverfolgen. Direkt neben dem Bildschirm, hinter verschlossener Tür, sitzt die Band.

Es ist noch eine gute Stunde, bis der Vorhang aufgeht. Thomas Hoheisel ist gelassen – wie meist. „Wir sind im Zeitplan, alles bestens“, sagt er der SZ. Etwas mehr Sendestrecken als im vergangenen Jahr (26 wie erwähnt), ansonsten Licht und Ton unverändert. Allerdings: Es gab auch in diesem Jahr eine Herausforderung. Zwei mal zwei Meter große LED-Schirme bilden einen wichtigen Bestandteil des Bühnenbildes. Dort zu sehen sind Fotos („für Nicolas Schneider eine Herausforderung, alle Rechte zu klären“), alte Schwarz-Weiß-Aufnahmen, Filme und eine Live-Bild-Übertragung. Was in der Theorie noch schwer vorstellbar wirkt, wird nachher während der Aufführung für so manchen Wow-Effekt sorgen.

Für die Gestaltung der Bühne ist maßgeblich wieder Jochen Maas verantwortlich. Der stürmt im Moment vorbei mit einer Packung Spiegelkacheln unterm Arm. Und während Ellen Kärcher das Finale des ersten Aktes mit den Darstellern nochmal durchgeht, gemeinsam mit Regisseur Matthias Stockinger, der bei den Männern am Technikpult sitzt, den ein oder anderen im Off ermahnen muss, weil er nicht dran denkt, dass die Mikros an sind und lustig über den jüngsten Friseurbesuch plappert, währenddessen also legt Maas letzte Hand ans Bühnenbild.

Herr Schubert (Andreas Klasen) hat etwas andere Vorstellungen von den Frauenrechten. Foto: Jörg Jacobi
Auch bei ernsten Themen: Zum Musical gehören Tanzszenen. Dieses Mal wurde unter anderem ein Charleston einstudiert. Foto: Jörg Jacobi
Das Bühnenbild bestehend aus einer Art Setzkasten mit verschiedenen Boxen lässt viel Spielraum für Licht und Farbe. Die Boxen sind während der kompletten Aufführung besetzt, wer gerade agiert, steht im Hellen, der Rest bleibt im Dunkel. Hier in den unteren Boxen von links Lottchen (Myla Kist), ihr Vater Arthur (Jannick Rosinus), Mutter Eva (Ida Jacobi), Marie (Nina Sepeur) und Henriette, Mutter von Marie (Simone Georg). Foto: Jörg Jacobi
Mirko Trappmann (links) macht den Ton, Jan Meier ist für Licht und die Videoeinspielungen verantwortlich. Foto: Jörg Jacobi
Vor Beginn der öffentlichen Generalprobe stellt Nicolas Schneider (rechts) den Stab vor (von links): Regisseur Matthias Stockinger, künstlerische Leiterin und Choreografin Ellen Kärcher, Franceso Cottone und Amby Schillo, beide Komponisten. Foto: Jörg Jacobi
Herr Edelmann (Nils Hollendieck, links) und Herr Lehmberger (Marc Schweig). Foto: Jörg Jacobi
Auch Kinder spielen wieder mit, hier Myla Kist als Lottchen, der Marie Juchacz (Nina Sepeur) vorliest. Foto: Jörg Jacobi
Maries Schwester Elisabeth (Sibille Sandmayer) findet die verletzte Paula (Michelle Ebert). Foto: Jörg Jacobi
Tobias Sascha Schmitt spielt Karl, Elisabeths Ehemann, und testet Hüte aus dem Fundus. Foto: Jörg Jacobi

Das, so erzählt er der SZ, hat man bewusst neutral und clean gehalten. „Dadurch haben wir die Möglichkeit, mit Farbigkeit tolle Stimmung zu erzeugen. Durch die riesigen LED-Projektionen können wir Original-Kontext einspielen.“ Original-Bilder von Marie Juchacz werden das beispielsweise sein – immer unterstützend zu dem, was gerade auf der Bühne passiert. Das Besondere an der Bühne ist aber auch noch ganz etwas anderes. Es gibt eine Art Setzkasten-Prinzip. Die Idee hat Maas in Absprache mit Stockinger umgesetzt. Dadurch sind alle Hauptdarsteller immer auf der Bühne. Und zwar in vier mal zwei Meter großen Boxen. Auf zwei Ebenen. Gebaut hat die Boxen aus mit Stoff bespannten Stahlkonstruktionen der Baubetriebshof, Hoheisel und Manfred Basler vom Technik-Team haben das nötige Knowhow beigesteuert. 100 Quadratmeter weißer Tanzboden, 60 Quadratmeter weißer Gaze und 40 Quadratmeter Stahlkonstruktion, das sind die Zahlen. Mittlerweile ist es 19.40 Uhr geworden. Jemand fragt: „Können die Leute rein?“ Hoheisels Stellvertreter Daniel Gräsel sprintet auf die Bühne, zieht den Vorhang zu. Einlass. Punkt 20 Uhr geht das Licht aus. Bevor sich der Vorhang öffnet: Die neue Produktionsleitung in persona Nicolas Schneider kommt auf die Bühne, zusammen mit Teilen des Stabes – Ellen Kärcher, Matthias Stockinger, Francesco Cottone und Amby Schillo. Autor Holger Hauer drückt von Berlin aus die Daumen für die Welturaufführung. Dann Same procedure as every year – die künstlerische Leiterin klopft drei Mal auf die Bühne „toitoitoi“. Das Spiel beginnt: „Meine Herren und Damen: Marie!“

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