Liebling des Publikums

Liebling des Publikums

Saarbrücken. Um ein Haar wäre Birgit Beckherrn Physikerin geworden. In der Schule belegte sie Leistungskurse in Physik und Mathematik - doch nach der Schule auch Naturwissenschaften studieren? Formeln und Gleichungen statt Atemübungen und Stimmbildung? Der Gesangslehrerin Charlotte Lehmann ist es zu verdanken, dass Birgit Beckherrn heute auf der Bühne steht

Saarbrücken. Um ein Haar wäre Birgit Beckherrn Physikerin geworden. In der Schule belegte sie Leistungskurse in Physik und Mathematik - doch nach der Schule auch Naturwissenschaften studieren? Formeln und Gleichungen statt Atemübungen und Stimmbildung? Der Gesangslehrerin Charlotte Lehmann ist es zu verdanken, dass Birgit Beckherrn heute auf der Bühne steht. Die Gesangspädagogin gab ihr den Mut zurück, den ihr ein ehemaliger Geigenlehrer fast genommen hätte. "Aus keinem von uns beiden wird jemals ein Musiker werden", sagte der damals. Beckherrn hat ihn eines Besseren belehrt: Ihr Gesangsstudium schloss sie in Hamburg mit Auszeichnung ab, ihre Engagements führten sie an diverse deutsche Opernhäuser sowie nach Lyon und Toronto; Konzerte gab sie schon in Turku, St. Petersburg und in der Londoner Barbican Hall. Seit dem 16. Januar singt die gebürtige Berlinerin am Saarbrücker Staatstheater. Eine Station in ihrem Leben, an die sie sich immer gerne erinnern wird. "Viele Mitarbeiter und Kollegen sind mir regelrecht ans Herz gewachsen", sagt Birgit Beckherrn mit sanfter Stimme.Das Saarbrücker Publikum scheint sie zu lieben - die Kritiker sind voll des Lobes für ihre Rolle der Kundry im "Parsifal", die Zuschauer quittierten ihre Darbietung der Montezuma in "Die Eroberung von Mexiko" mit stehenden Ovationen. Für Beckherrn war diese Rolle eine besondere Herausforderung: "Ich lerne eigentlich ziemlich schnell", sagt sie. Weil jedoch in der SST-Inszenierung der Oper von Wolfgang Rihm der Kontakt zum Dirigenten szenisch bedingt ausschließlich über Monitore stattfindet, musste sie anfangs Takt für Takt mitzählen. "Es war wohl die ungewöhnlichste Oper, die ich bis jetzt aufgeführt habe."

Als Kind kam Birgit Beckherrn als Erstes mit klassischer Musik in Berührung. Beethovens Violinkonzert hörte sie rauf und runter. Heute singt Birgit Beckherrn am liebsten Werke aus der Zeit um die Jahrhundertwende, denn die Musik habe "etwas Klares; da kann man selbst noch etwas hinzufügen." Werke etwa von Dmitri Schostakowitsch, Arnold Schönberg und Richard Strauss, "aber auch Wagner oder Verdi zu singen macht riesigen Spaß", ergänzt sie. Sie versucht mit ihrer Stimme das umzusetzen, was der Komponist auszudrücken versuchte, als er das Stück schrieb. Weg von Aufführungstraditionen - durch die werde man festgelegt, da bleibe als Interpretin wenig Spielraum. "1000 Mal musst du über die Melodie nachgedacht haben", hat ihr Galina Wischnewskaja geraten, bei der Beckherrn studiert hat. Bis heute beherzigt Birgit Beckherrn diesen Rat. Ihre damalige Mentorin ist schließlich so etwas wie ein musikalisches Vorbild. Genau wie Klaus Kinski. Dessen Version von Brechts "Kinderkreuzzug" treibe ihr bei jedem Hören die Tränen der Rührung in die Augen, sagt Beckherrn. Die "unglaubliche Intensität", dieser "pure Ausdruck" - das käme ihrem musikalischen Ideal sehr nahe. Was Kinski schafft, sei "worum es in der Musik geht." Das Temperament teilt sie nicht mit dem Schauspieler - wohl aber das innere Bedürfnis, auf der Bühne zu stehen. "Wenn ich singe, fühle ich mich lebendig", sagt sie. Wenn man das erkannt habe, solle man es auch machen. dma

Letzte Aufführung des Parsifal an diesem Mittwoch, 17 Uhr. Karten: Tel. (06 81) 3 09 24 86.