LAG Pro Ehrenamt fordert mehr Geld: Eine Service-„Offensive 2020“ für Ehrenamtler

LAG Pro Ehrenamt fordert mehr Geld : Eine Service-„Offensive 2020“ für Ehrenamtler

461 000 freiwillig Engagierte gibt es im Saarland, die Tendenz ist steigend. Trotzdem ruft der Dachverband um Hilfe.

Sie passen nicht recht zusammen, die allgegenwärtigen Alarmrufe über das Vereinssterben einerseits und die Hurra-Botschaften über die jährlich um zwei Prozent wachsende Zahl der freiwillig Aktiven in Deutschland andererseits. Ein Positivtrend, den Hans Joachim Müller, der Präsident der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Pro Ehrenamt, auch für das Saarland bestätigt. Hier liegt der Anteil der Engagierten sogar um rund drei Prozentpunkte höher als im Bundesdurchschnitt, bei 46,6 Prozent. 461 000 Saarländer sind Ehrenamtler, eine Bertelsmann-Studie belegte kürzlich, dass das Saarland Nummer eins ist in Deutschland, wenn es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt geht.

Alles vortrefflich also? Nein, sagt der Pro-Ehrenamt-Präsident. Es krache und ächze im Gebälk der Ehrenamts-Stütze für die deutsche Solidar-Gesellschaft. Müller sieht akuten Handlungsbedarf: „Die Organisationen müssen überlebensfähig gemacht werden. Pflänzchen muss man pflegen“, sagt er der SZ. Müller geht jetzt mit einer „Resolution zum Ehrenamt“ in die Öffentlichkeit, will eine „Offensive 2020“ starten. Er hat bereits den Ministerpräsidenten Tobias Hans (CDU), dessen Stellvertreterin Anke Rehlinger (SPD) und die Fraktionschefs von CDU und SPD informiert.

Müller ist nicht unbescheiden. Er will 100 000 Euro mehr – jährlich. Das würde das LAG-Budget mehr als verdoppeln, derzeit fließen 80 000 Euro aus der Landeskasse: 45 600 Euro als institutionelle Förderung (Büro, Personal), 34 000 Euro für Projekte. Das ist nicht alles, was die Landesregierung für die Ehrenamtler ausgibt. Unabhängig von x Förderprojekten und Vereinen, die einzelne Ministerien unterstützen, hat allein die Staatskanzlei über eine halbe Million im Budget. Dieses Jahr wurden die Fördergelder für das Projekt „Saarland zum Selbermachen“ um 25 000 Euro auf 100 000 Euro erhöht.

Viel Fördergeld, sicher. Aber nicht genug, will man das 21. Jahrhundert überstehen und das stemmen, was Müller den Kern seiner „Offensive 2020“ nennt. Es ist eine saarlandweite Internetplattform, die hauptamtlich betreut werden muss, damit sie in ihrer Komplexität funktioniert. Das Ziel ist ein einheitlicher Auftritt für alle Initiativen, es geht zudem um große Synergieeffekte, um eine zentralisierte Organisation der gesamten ehrenamtlichen Tätigkeit im Land. Rund 40 000 Euro will Müller für eine(n) Festangestellte(n) bei Pro Ehrenamt ausgeben, der die Seite pflegt, 60 000 Euro kostet der Provider. Müller sagt, die Berliner Software-Entwicklungsfirma bringe ebenfalls 100 000 Euro ein, weil sie das Ganze als Pilotprojekt sehe.

Die Idee einer saarlandweiten Internet-Vernetzung ehrenamtlicher Projekte ist nicht neu. „Das Saarland hilft“ hieß die Plattform für die Flüchtlingshilfe, und auch der Landessportverband (LSVS) rief 2016 ein „Kompetenzzentrum Ehrenamt“ ins Leben mit ähnlichen Aufgaben. Beide Internetseiten sind nahezu tot. Für Müller ist das der Ansporn, es endlich nachhaltig zu machen. Erfolgsfaktor Nummer eins sei eine professionelle Pflege der Internetplattform: „Ehrenamt ohne Hauptamt funktioniert im 21. Jahrhundert nicht mehr“, sagt er.

Die neue Plattform soll vorrangig eins bieten: Service für die Ehrenamtler, Entlastung von Bürokratie. Müller: „Wir möchten Ehrenamtlern das Leben erleichtern.“ Derzeit könne sich kein Merziger Trachtenvereins-Vorstand über Fortbildungen und Veranstaltungen von Kollegen in Homburg informieren, denn die „Ehrenamtsbörsen“ enden derzeit noch an den Landkreisgrenzen. Auf der neuen Plattform kann man sich online überall anmelden, erhält automatisch eine Bestätigung mit Parkplatz-Infos und im Anschluss auch das Zertifikat online. Formulare und Broschüren werden zukünftig abrufbar, auch Rechts- und Steuer-Informationen.

„Das wird kein Datenfriedhof, es geht um Kommunikation“, verspricht Müller und verweist darauf, wie oft sich Vereinsvorstände im Dschungel der Datenschutz-Gesetze, Dorffest-Verordnungen (Hygiene) oder Brandschutz-Auflagen allein gelassen fühlen und resignieren. „Wir hören dann oft: Das tue ich mir nicht an.“ Einen Flächenbrand der Frustration und Resignation beobachtet Pro Ehrenamt noch nicht. Doch Beschwerden der Altgedienten über zu hohe bürokratische Hürden nehmen zu. Außerdem gibt es einen „Mentalitätswandel“ bei den Jungen. Man engagiert sich gern spontan und projektbezogen, weniger in klassischen Vereinsstrukturen. „Wichtig ist heutzutage, dass die Menschen spüren, sie tun etwas Sinnhaftes, sie wollen Verantwortung tragen und nicht nur Befehlsempfänger sein“, so Müller. Vielen sei auch die zeitliche Belastung zu hoch.

Der Länderreport des Freiwilligen-Surveys (Umfrage) des Stifterverbandes zeigt auf, dass jeder vierte Ehrenamtler im Saarland mehr als fünf Stunden pro Woche investieren muss. Trotzdem hat die Umfrage ebenfalls ergeben, dass sich zusätzlich zu den bereits Engagierten im Saarland noch 147 000 Menschen (14,8 Prozent) durchaus motivieren lassen würden. Wenn denn nur die Rahmenbedingungen bessere wären: die Bereitstellung von Räumen und Ausstattungsmaterialien, die Weiterbildungsmöglichkeiten, die zeitlichen Freiräume, die Anerkennungskultur.

Der Präsident der LAG Pro Ehrenamt, Hans Joachim Müller. Foto: Sarah Konrad. Foto: Sarah Konrad

An all diesen Stellschrauben dreht die LAG pro Ehrenamt bereits seit 20 Jahren. Durchaus zusammen mit der Landes- und Kommunalpolitik, die den „Grundpfeiler des öffentlichen Lebens“ mit Lobreden streichelt. Doch jetzt geht es um das Ehrenamt 4.0, eine neuerliche Kraftanstrengung. Müller: „Unser Internet-Projekt ist gut durchdacht und vorbereitet. Wir stehen Gewehr bei Fuß, wir warten nur aufs grüne Licht. Wenn wir die 100 000 Euro nicht kriegen, ist alles passé.“ Kaputt wäre wohl mehr als nur eine Internet-Plattform – die Zukunftsfähigkeit des Ehrenamtes.

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