1. Saarland

Ehrenbürger, die man verdrängt hat

Ehrenbürger, die man verdrängt hat

Dass sich die Städte und Gemeinden in Deutschland nach 1933 nicht gerade mit dem Ruhm des Widerstandes gegen Hitler bekleckert haben, ist bekannt. Oft genug wird diese unterwürfige Haltung damit erklärt, dass man keine andere Wahl hatte. Tatsache ist aber, dass oft auch in vorauseilendem Gehorsam gehandelt wurde. Dies belegt Heimatforscher Gerd Imbsweiler mit den Ehrenbürgerschaften, die Hitler und Hindenburg in vielen Gemeinden angetragen wurden. Auch Straßen wurden nach den beiden benannt.

Nur einer, nämlich der Lehrer Peter Wagner, hatte 1917 anlässlich seines 60-jähriges Dienstjubiläums die Ehrenbürgerschaft von Limbach erhalten - mit Recht: In der Kirche betätigte er sich als Presbyter, Rechner, Kantor und Dirigent des Kirchenchores; auch den MGV 1875, dessen Mitgründer er war, leitete er; er saß im Aufsichtsrat der Spar- und Darlehenskasse, der späteren Raiffeisenkasse, war als Gemeindeschreiber für die Führung der Gemeinderatsprotokolle und der Standesamtsbücher zuständig. Am 26. Mai 1933 erhielten auch Hitler und Hindenburg diese Auszeichnung.

An diesem Tag heißt es unter Punkt 7 der Gemeinderatssitzung: Ernennung zu Ehrenbürgern. Auf Antrag der nationalsozialistischen Fraktion beschließt der Gemeinderat mit neun gegen sieben Stimmen "Ernennung des Reichspräsidenten von Hindenburg und des Reichskanzlers Adolf Hitler zu Ehrenbürgern der Gemeinde Limbach.

Umbenennung der Friedrich-Ebertstraße (zum Verständnis: Reichspräsident Friedrich Ebert war Mitglied der SPD) in Adolf-Hitler-Straße. Die neun Prostimmen (sechs von der NSDAP, drei von der Bürgerpartei) kamen aus der Reihe der nationalen Einheitsliste, die sieben Gegenstimmen aus den Reihe der Sozialdemokraten und Kommunisten.

Leider ist die Diskussion nicht protokolliert worden, aber die Gegner der Ehrenbürgerschaft dürften sicherlich gefragt haben, worin die Verdienste Hitlers und Hindenburgs um den Ort lagen.

Außerdem dürfte sie das, was in der Presse über beide berichtet wurde, vorgebracht haben. So konnte jedermann nachlesen, dass Hitler den Reichstagsbrand am 27.Februar 1933 mit seiner "Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat" zum Anlass nahm, die Grundrechte bis auf Weiteres (faktisch bis zum Ende des 2. Weltkrieges) auszusetzen.

In der Folge kam es zu Massenverhaftungen und Folterungen von Anhängern der KPD und SPD. Dass Hitler die Weimarer Republik ablehnte, hat er mit brutaler Offenheit hinausposaunt. Dennoch hat ihn Hindenburg am 30. Januar1933 zum Reichskanzler ernannt - vielleicht gerade deswegen, schließlich hatte auch er mit der Dolchstoßlegende, die er vor dem Untersuchungsausschuss der Weimarer Nationalversammlung verbreitete, zu deren Untergang beigetragen.

Das Renommee des Siegers von Tannenberg hatte obendrein wegen Korruptionsvorwürfen stark gelitten. All das war in der Öffentlichkeit bekannt, manches ist sicherlich im Gemeinderat zur Sprache gekommen, aber die Fronten waren mittlerweile so verhärtet, dass man für die Gegenseite kein Ohr mehr hatte.

Die Limbacher NSDAP-Gemeinderatsfraktion befand sich im Übrigen in "guter Gesellschaft": Am 8. April 1933 hatte die "Ortsgruppe Niederbexbach der NSDAP" unter Punkt 12 den gleichen Antrag gestellt, "dem Antrag wurde einstimmig entsprochen".

In Kleinottweiler wurde am 17. Juli1933 dem Antrag der Ortsgruppe der NSDAP ebenfalls einstimmig entsprochen, in Altstadt war am 5. Dezember 1933 die deutsche Front der Antragsteller. Mit acht gegen vier Stimmen erhielten auch hier Hindenburg und Hitler das Ehrenbürgerrecht. Auch in Kirkel-Neuhäusel wurden Hitler und Hindenburg Ehrenbürger, belegt ist hier kein Gemeinderatsprotokoll, sondern die Danksagung beider (nachzulesen in S. D. Eckers Buch aus dem Jahr 1938 "Kirkel-Neuhäusel und seine Burg"). Hindenburg schreibt am 11. August 1933: "Sehr geehrter Herr Bürgermeister! Für die Ehrung, die mir der Gemeinderat Kirkel-Neuhäusel durch die Verleihung der Ehrenbürgerrechte erwiesen hat und für die Übersendung des kunstvollen Ehrenbürgerbriefes spreche ich meinen aufrichtigen Dank aus. Hitler schreibt am 30. August 1933: "Die Verleihung des Ehrenbürgerrechts von Kirkel-Neuhäusel erfüllt mich mit aufrichtiger Freude."

Am 27. August 1935 wurde der Weg zur "Machtergreifung" abgeschlossen: In dieser Sitzung des Gemeinderates des Amtes Limbach bestimmte der Beauftragte der NSDAP, Kreisleiter Eichner, als Bürgermeister der Gemeinden Altstadt, Kleinottweiler, Limbach und Niederbexbach den Schlosser Karl Regitz. In der neuen Gemeindeordnung vom 30. Januar 1935 hört der Bürgermeister den Gemeinderat zwar an, "verfügt" dann aber. Gleichschaltung, Hierarchie und Führerprinzip waren die Merkmale des NS-Systems. Voraussetzung für sein Funktionieren war der unbedingte Gehorsam aller Volksgenossen. Dazu gehörte auch die bei vielen begeisterte Hinnahme der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Hitler und Hindenburg.

Nach dem Ende der Diktatur kehrten so genannte Unbelastete in die Kommunalpolitik zurück: Ab 7. Juni 1945 fungierte Fritz Grub wieder als Bürgermeister, sein Adjunkt ist wieder Wilhelm Weiler.

Eine der ersten Amtshandlungen des neuen Rates war die Umbenennung verschiedener Ortsstraßen, nämlich der Hindenburg- in Haupt-, der Adolf-Hitler- in Garten, der Josef-Bürckel- in Siedlung-, der Straße des 13. Januar in Talstraße.

Dass die Ehrenbürgerwürde zurückgenommen wurde - davon ist im Gemeinderatsprotokoll nichts vermerkt, vielleicht, weil Hitler und Hindenburg tot waren.