1. Saarland
  2. Blick zum Nachbarn
  3. Blick nach Frankreich

Umwelt: Wurden Lothringens Gewässer verunreinigt?

Umwelt : Wurden Lothringens Gewässer verunreinigt?

Ex-Mitarbeiter wirft Stahlriesen ArcelorMittal Umweltverschmutzung im großen Stil vor. Der Konzern streitet das ab. Nun wird ermittelt.

Sind Tausende von Litern giftiger Säure in Lothringen illegal entsorgt worden? Das behauptet zumindest der Fahrer eines Subunternehmens des Stahlriesen ArcelorMittal gegenüber der Zeitung „Le Républicain Lorrain“ und dem Radiosender „France Bleu“. Letzterem ließ der Mann ein Video zukommen, in dem zu sehen ist, wie gelbe Flüssigkeit durch Schläuche von einem Tanklaster auf der Schlackenhalde von Marspich bei Hayange abgelassen wird. Dabei handelt es sich nach Angaben des Fahrers um giftige Säure, die in den Werken von ArcelorMittal im Nachbarort Florange genutzt wird, um Stahlprodukte zu beizen. Vorschriftsmäßig müssen solche Chemikalien gesondert in einem Recyclingzentrum behandelt werden. Wie oft und wie viele Liter dieser Flüssigkeit auf der Halde vergossen wurden, ist schwer zu ermitteln. Der Fahrer behauptet, dass er drei Monate lang die gelbe, rauchende Brühe in der Natur entsorgen musste. Dieser Umgang sei der Firma ArcelorMittal bekannt gewesen, so der Vorwurf.

Die Nachbargemeinden von Hayange und Florange befürchten nun, dass die Säure in die Wasserläufe eingeflossen ist, die sich in unmittelbarer Nähe der Schlackenhalde befinden. Beide Kommunen haben Anzeige bei der Staatsanwaltschaft von Thionville erstattet. Doch sie sind nicht die Einzigen. ArcelorMittal streitet die Vorwürfe ab und hat ebenso Anzeige gegen Unbekannt erstattet. „Wir als Konzern haben nie Einleitungen von Säure-Rückständen beauftragt oder unterstützt, deshalb erstatten wir Anzeige“, teilte Eric Niedziela, Generaldirektor von ArcelorMittal Atlantique et Lorraine, mit. „Wir wollen diese Angelegenheit vollständig aufklären, für unseren Konzern, der öffentlich beschuldigt wird, und für unsere Mitarbeiter“, so Niedziela weiter. Sollten sich die Vorwürfe doch bewahrheiten, würde es sich um eine absolut anormale Einzeltat eines Mitarbeiters handeln, sagt Niedziela. Eine interne Ermittlung weise aber darauf hin, dass es sich bei den Flüssigkeiten auf dem Video um Schlacken und nicht um reine Säure handele.

Nun ermittelt die Kriminalpolizei aus Metz. Zurzeit laufen Wasserproben, die nachweisen sollen, um welches Produkt es sich genau handelt und inwiefern das Wassernetz der umliegenden Kommunen betroffen ist.

In Frankreich hat der Fall bereits landesweit für Aufregung gesorgt. Der Fahrer wird von vielen Menschen als Whistleblower betrachtet. Gegenüber verschiedenen Medien berichtete er, dass sein Zeitarbeitsvertrag nicht verlängert wurde, nachdem er seinen Arbeitgeber auf die Entsorgung auf der Schlackenhalde hingewiesen hatte. Seitdem finde er keine neue Anstellung. Nun will er vor das Arbeitsgericht ziehen, um zu beweisen, dass er nur deshalb nicht weiter beschäftigt wurde, weil er mit seinem Video an die Öffentlichkeit ging. Im Internet haben bereits Hunderte Menschen für den Mann, der bisher anonym bleiben möchte, gespendet. Es wurden schon über 10 000 Euro gesammelt. In Frankreich werden Hinweisgeber seit vergangenem Dezember durch ein Gesetz geschützt. Um unter dieses neue Gesetz zu fallen, muss der Mitarbeiter jedoch beweisen, dass er tatsächlich seinen Arbeitgeber über die Tatsache informiert hatte, bevor er sich an die Öffentlichkeit wandte.