1. Pfälzischer Merkur
  2. Zweibrücken

Herbstgespräch der ökumenischen Kirchengemeinde Ixheim mit Hans-Jürgen Steffens

Herbstgespräch mit Professor Hans-Jürgen Steffens : Corona-Krise: Werte in der Diskussion

Beim ökumenischen Herbstgespräch ging es in diesem Jahr um eine Auseindersetzung mit ethischen Fragen im Rahmen der Coronakrise. In dem Vortrag von Hans-Jürgen Steffens, Professor am Hochschulstandort Zweibrücken, wurde deutlich, dass es keine einfachen Antworten gibt.

„Wie kann ein guter Ausgleich gefunden werden zwischen dem Schutz des Lebens und dem Schutz der Freiheit?“ Wer sich bei dem „Ökumenischen Herbstgespräch“, zu dem die ökumenische Kirchengemeinde Ixheim diesmal online eingeladen hatte, eine konkrete Antwort auf diese seit Beginn der Coronakrise wohl meist diskutierte Frage gewünscht hatte, wurde enttäuscht.

Gut 90 Minuten lang beleuchtete der Mathematiker und Philosoph, Professor Hans-Jürgen Steffens (Hochschule Kaiserslautern, Standort Zweibrücken), in seinem Vortrag unter der Überschrift „Coronamaßnahmen – Bewahrung des Lebens oder Zersetzung der Demokratie?“ vordergründig das Thema der Ethik. Der Referent forderte seine mehr als 20 Zuhörer gleich zu Beginn dazu auf, Widerspruch zuzulassen. Sein Ziel: Die „eigenen Handwerksmittel“ bewusst zu machen, um seinen eigenen Standpunkt zu finden. Er betonte: „Dieser kann widersprüchlich sein und abweichen, aber wichtig ist, dass es ihr persönlicher Standpunkt ist!“

Am Beispiel der Schlaglöcher auf der Straße erklärte der Wissenschaftler sich selbstverstärkende Prozesse, die mit einem „kleinen Riss beginnen und dann zu einem tiefen Loch werden“, wird dem kein Einhalt geboten.

Ein exponentielles Anfangswachstum zu begrenzen, bevor es den höchsten Grenzwert erreiche und sich dann abschwäche, sei eine zeitkritische Maßnahme, wie etwa der erste Lockdown im März. Im Vergleich politischer und ethischer Maßnahmen stellte sich die unbeantwortete Frage: Wer hat die Interpretationshoheit in der Ehtik? In einer „Schweigespirale“ könne sich eine Meinung etablieren, weil sie immer mehr vertreten werde und sich dann als „allgemeine Meinung“ durchsetze.

Am Beispiel der drei Robotergesetze (siehe unten) erklärte der Mathematiker, dass diese unlösbare Konflikte hervorrufen könnten – ähnlich wie eine griechische Tragödie, die sich ja zwischen „gut“ und „gut“ austrage. Menschliche Bedürfnisse seien so unterschiedlich, wie die Menschen und oft widersprüchlich. „Freiheit oder Tod“ ist eine Frage, die bereits die Römer kontrovers beantworteten.

Das große Spannungsverhältnis sieht Hans-Jürgen Steffens in den Fragen von Freiheit gegenüber der Konformität etwa bei Quarantänemaßnahmen oder Gesundheit gegenüber wirtschaftlicher Existenz. In der Demokratie würde dies durch Aushandeln gelöst, erinnerte er an Notstandsgesetze der 1968er Jahre. Die Folgen seien nicht zu berechnen und zudem stelle sich die Frage der Ermessensspielräume, wie er an einer Filmsequenz aus der „Brücke von Arnheim“ belegte.

„Demokratie braucht eine Streitkultur“, warb er für das Zulassen kontroverser Diskussionen. „Ist das Parlament hier seiner Aufgabe nachgekommen?“, stellte er zur Selbstbeantwortung in den Raum. Aus Steffens Sicht sind Einschränkungen wie Quarantäne politische Maßnahmen, die ethische Richtlinien jedes Einzelnen berücksichtigen sollten und daher nicht an Ethikkommissionen zu delegieren seien.

In der anschließenden Diskussion war sich Diana Lipps nicht sicher, ob „Freiheit versus Konformität die aktuelle Frage ist“. Die evangelische Pfarrerin sieht stärkere Kontroversen zwischen Werten der Freiheit der Verfassung im Verhältnis zu anderen Werten wie Schutz des Lebens, Gesundheit oder menschlichem Funktionieren. Ihr Ehemann, Martin Bach, schlug vor, sich für die eigene Entscheidung der Mühe zu unterziehen, verschiedene Werte ins Verhältnis zu setzen und gegeneinander abzuwägen. Allerdings befürchtet er, eine persönliche Ethik unabhängig von einer Ethikkommission könne „beliebig“ sein. Steffen stellte den Teilnehmenden daraufhin die Frage: „Was würden Sie sich als Stellungnahme von den Kirchen zur Coronakrise wünschen?“ Diese blieb ebenso unbeantwortet, wie manch andere.

Martin Bach dankte dem Referenten abschließend für eine „Reise mit ganz vielen Anregungen zu verschiedenen Themen und Denkansätzen“.

Sein Fazit: „Ich fand das sehr bereichernd, um sich selbst ein Urteil zu bilden.“ Auch die Form der Zoom-Konferenz habe sich als sehr gut und sehr hilfreich erwiesen.

Die Robotergesetze:
1. Ein Roboter darf kein menschliches Wesen verletzen oder durch Untätigkeit zulassen, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.
2. Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen – es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren.
3. Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.