Zeitreise in die Familiengeschichte

In der nachgeschneiderten Uniform der königlich bayerischen Pioniere spürt René Schwarz aus Bechhofen dem Soldatenleben seines ihm nur von Fotos bekannten Urgroßvaters und dessen Brüdern im Ersten Weltkrieg nach.

Seit Jahren beschäftigt sich René Schwarz aus Bechhofen mit Geschichte im Allgemeinen und der seiner Familie im Besonderen. Das Jubiläum "100 Jahre Erster Weltkrieg" veranlasste den 41-Jährigen nun zu der Frage "Wie war das bei uns in der Pfalz?" - und schließlich zu einer ungewöhnlichen Annäherung an die Biografie seines Urgroßvaters.

"Reenactment" - so bezeichnet man im Englischen das möglichst authentische Nachstellen historischer Ereignisse und auch in Deutschland widmen sich einige Tausend Geschichtsinteressierte der gleichermaßen auf Überlieferungen wie persönlicher Erfahrung basierenden Darstellung ganz unterschiedlicher Epochen. Einer von ihnen ist René Schwarz aus Bechhofen , für den Reenactment ein faszinierender Schlüssel zum Verständnis vergangener Lebenswelten ist. "Man versteht Geschichte besser", so René Schwarz im Gespräch mit dem Merkur, "wenn man sich aus eigenem Erleben heraus in die Lebensumstände der vorangegangenen Generationen hineinversetzen kann".

Den Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 hat René Schwarz daher zum Anlass genommen, sich eingehend mit der Biografie seines Urgroßvaters und dessen Brüdern zu beschäftigen. Auch hier stand nach seinen Worten die Frage "Wie war das damals bei uns, wie fühlt sich das Alltagsleben eines einfachen Soldaten an?" im Vordergrund - und einen wichtigen Aspekt des Sich-Hineinversetzens spielt dabei die Montur, die er sich eigens hierfür zulegte. So erscheint der Bechhofer zum Fototermin mit dem Merkur in einer nachgeschneiderten Uniform des seinerzeit in Speyer stationierten königlich bayerischen Pionierbataillons, in dem sein Urgroßvater Peter Schwarz während des Ersten Weltkriegs diente. "Die Uniform", weiß er zu berichten, "ist aus Wolle gefertigt und im Sommer zu heiß, aber im Winter nicht ausreichend warm".

Austausch mit Gleichgesinnten

Solche Details sind es, die ihm einen differenzierteren Blick auf die "große Geschichte" ermöglichen. Bei der Anfertigung dieser Montur waren für ihn wie immer Fachliteratur, Fotografien - auch seines Urgroßvaters - und das Internet sowie der Austausch mit der für ihre Detailtreue bekannten "Darstellungsgruppe Süddeutsches Militär" hilfreich. So entspricht seine über mehrere Monate hinweg zusammengetragene Montur, die er ausdrücklich als Gebrauchskleidung und nicht als Kostüm verstanden wissen möchte, einschließlich der vernickelten Pionierrockköpfe mit dem bayerischen Löwen, dem Uniformrock seines Urgroßvaters. Der Umgang mit dem ebenfalls dazu gehörenden Rasiermesser war für ihn jedoch etwas absolut Ungewohntes.

"Wer sich aus eigener Anschauung mit den oft mühsamen Lebenswelten vergangener Generationen beschäftigt, weiß umso mehr den Komfort unserer heutigen Zeit zu schätzen", sagt René Schwarz, der überzeugt davon ist, dass sich Geschichte zwar nicht wiederholt, dass man aus der Beschäftigung mit ihr aber oftmals wertvolle Lehren für die Gegenwart ziehen kann.