London: Jeremy Hunt will Tory-Chef und Premierminister werden

Jeremy Hunt : Der höfliche „Underdog“ will in die Downing Street

Da stand also dieser höfliche, mitunter langweilig wirkende Jeremy Hunt hinter seinem Pult und verglich tatsächlich die Zustände in der EU mit jenen der früheren Sowjetunion. Hinter ihm die Leinwand im konservativen Blau, vor ihm hunderte Parteimitglieder im Publikum.

Sie taten, was sie meistens tun, wenn Minister auf dem Parteitag öffentlichkeitswirksam in Richtung Brüssel schießen: Sie klatschten eifrig Beifall. „Die Lektion aus der Geschichte ist klar“, dozierte da der amtierende Außenminister: „Wenn Sie den EU-Club in ein Gefängnis verwandeln, wird das Verlangen, herauszukommen, nicht nachlassen, sondern wachsen, und wir werden nicht der einzige Gefangene sein, der es verlassen will.“

Es war im Herbst vergangenen Jahres und das große Schaulaufen für mögliche Nachfolger der damals schon angezählten Premierministerin Theresa May hatte längst begonnen. Hunt wollte herausstechen aus der Masse. Aufmerksamkeit erhalten. Spuren hinterlassen. Das scheint im britischen Polittheater dieser Tage nur noch mit besonders skandalösen Aussagen zu gehen. Also lieferte er. Sein diplomatischer Fehlgriff hat ihm nicht geschadet. Diese Woche schaffte es Jeremy Hunt in die Stichwahl um den Parteivorsitz. In den kommenden vier Wochen entscheidet die Basis darüber, wer ihr nächster Chef und damit auch Premierminister des Vereinigten Königreichs wird.

Mit seinem Kontrahenten, dem extrovertierten Haudegen Boris Johnson, kann Hunt sich in Sachen Entertainment zwar keineswegs messen. Das will er aber auch nicht. Vielmehr dürfte es sein Ziel sein, sich als der vernünftige, seriöse und zuverlässige Kandidat zu stilisieren. Zudem setzt der 52-Jährige auf seine Außenseiter-Rolle. „Ich bin der Underdog – aber in der Politik passieren Überraschungen wie heute“, erklärte Hunt am Donnerstagabend via Twitter, nachdem er ins Tories-Finale eingezogen war.

Stichwort Überraschung. Als diese dürfte für manche auch Hunts Sinneswandel beim Thema EU gekommen sein. Immerhin, vor drei Jahren noch warb er im europafreundlichen Lager für den Verbleib in der Staatengemeinschaft. Mittlerweile hat er sich zum Brexit-Befürworter gewandelt, echauffierte sich etwa über die „Arroganz der EU“ während der Gespräche. Einen Ausstieg ohne Abkommen bezeichnete Hunt zwar als „politischen Selbstmord“, ganz ausschließen will er einen No-Deal-Brexit aus Kalkül dennoch nicht. Vielmehr verspricht er, den Vertrag neu zu verhandeln, auch wenn es aus Brüssel gebetsmühlenhaft über den Kanal hallt, dass das nicht zur Debatte steht.

Der mit einer Chinesin verheiratete Vater eines Sohnes und zweier Töchter steht wie als Paradebeispiel für das britische Establishment – Typ perfekter Schwiegersohn. Er stammt aus wohlhabendem Hause, studierte Philosophie, Politikwissenschaft und Wirtschaft an der Elite-Universität Oxford. Er arbeitete als Unternehmer und Englischlehrer in Japan, bevor er 2005 als Abgeordneter ins Parlament einzog. Dort machte er schnell Karriere – auch aufgrund seiner Verbindungen zum damaligen Parteivorsitzenden David Cameron, den er aus Unizeiten kennt. Nachdem die Konservativen 2010 an die Macht kamen, wurde Hunt zunächst Kultur,- Sport- und Medienminister, dann Gesundheitsminister. Er sollte es so lange auf diesem als Schleudersitz geltenden Posten aushalten wie keiner seiner Vorgänger in der Nachkriegszeit. Im Sommer 2018 machte May ihren loyalen Minister wie zur Belohnung zum Außenminister, nachdem Johnson aus Protest über den Brexit-Kurs zurückgetreten war. Nun muss Hunt die europaskeptische Parteibasis überzeugen, mit ganzem Herzen Brexiteer zu sein. Das dürfte eine Herkulesaufgabe werden.

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