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Analyse: Verwirrungen um den Mord an Haitis Präsident Moïse

Analyse : Verwirrungen um den Mord an Haitis Präsident

Drei Wochen nach dem brutalen Mord an Haitis Präsidenten Jovenel Moïse gibt es noch immer keine stichhaltige Theorie, wer den ungeliebten Staatschef tötete. Die Ermittler verfolgen in dem Karibikstaat unzählige Spuren, aber auch in Kolumbien und den USA wird nach Tätern und Drahtziehern gesucht.

Fast jeden Tag gibt es neue Festnahmen. Aber niemand bestreitet, dass diese Tat nur jemand mit viel Geld und noch mehr Macht in Auftrag gegeben haben kann. Und die Experten sind sich sicher, dass die Mörder in Haiti und nicht im Ausland zu suchen sind.

Inzwischen konzentrieren sich die Ermittlungen auf das direkte Umfeld von Moïse. Am Montag wurde der frühere Sicherheitschef des Präsidenten, Jean Laguel Civil, festgenommen. Er war flüchtig und steht im Verdacht, an der Verschwörung zum Mord beteiligt gewesen zu sein. Das Sicherheitsteam des Staatschefs steht bereits seit Längerem im Fokus der Fahnder. Vor kurzem nahm die Polizei Dimitri Hérard fest, Chef der Leibgarde, der in den Monaten vor der Tat durch mehrere Reisen nach Kolumbien aufgefallen war. Gegen mehr als zwei Dutzend weitere Beamte wird ermittelt.Drahtzieher soll der in Florida ansässige Arzt und Pfarrer Christian Emmanuel Sanon (63) sein, ein Mann, der in Haiti annähernd unbekannt ist. Er wollte angeblich Moïse ersetzen. Moïse war in der Nacht zum 7. Juli in seinem Haus oberhalb der Hauptstadt Port-au-Prince nach der offiziellen Version von einem Killerkommando, bestehend vor allem aus kolumbianischen Söldnern, mit zwölf Schüssen hingerichtet worden.

Es werde von Tag zu Tag konfuser, sagt Richard Widmaier, Eigentümer des Nachrichtensenders Radio Métropole. „Die Theorie der Kolumbianer als Täter glaubt hier im Land aber niemand“, unterstreicht Widmaier im Gespräch. Die Mörder des Präsidenten seien in seinem direkten Umfeld zu suchen, in der alten Machtelite aus Politik und Wirtschaft, die in Haiti die „Oligarchen“ genannt werden oder in der Regierung. „Moïse hatte zum Ende seines Lebens viel mehr Feinde als Freunde.“ In den Fokus geraten sind auch der Venezolaner Antonio Intriago, Eigentümer der Sicherheitsfirma „CTU Security“ in Florida, der kolumbianische Söldner zum Mord am Präsidenten angeheuert haben soll. Beteiligt sein soll auch der Ecuadorianer Walter Veintemilla, der mit seinem Finanzdienstleister „Worldwide Capital Lending Group“  die Flugtickets für die Killer bezahlt haben soll.

Unbestritten ist, dass Jovenel Moïse mit Haitis Wirtschaftselite und Großunternehmern über Kreuz lag. Dabei ging es auch ums Ringen um lukrative Verträge für die Stromversorgung und andere große Geschäfte. Sein Intimfeind war am Ende Reginald Boulos, einer der größten Entrepreneurs Haitis mit politischen Ambitionen. Der Eigentümer von Hotels, Supermärkten und Auto-Importlizenzen verließ kurz vor der Tat überraschend den Inselstaat. Zuvor waren in einigen seiner Autohäuser mehr als ein Dutzend Fahrzeuge angezündet worden.

Die politischen Verhältnisse in dem karibischen Chaosstaat sind dermaßen verworren, dass man auch nicht die immer mächtiger werdenden Banden außer Acht lassen kann. Vor allem der Clanchef Jimmy Cherizier hat sich herausfordernd geäußert. „Alle müssen auf meine Befehle warten, bevor wir auf den Mord an Moïse reagieren“, sagte Cherizier. Der Ex-Polizist mit dem Spitznamen „Barbecue“ ist der größte Chef der rund einhundert Clans, die Teile Haitis in ihrer Gewalt haben.

Immerhin hat das Land seit einer Woche eine neue Regierung. Der 71 Jahre alte Arzt Ariel Henry wurde zum neuen Premierminister ernannt. Henry ist am 5. Juli in einer Art letzten Amtshandlung von Moïse vor seiner Ermordung zum neuen Regierungschef bestimmt worden, konnte aber nicht mehr vereidigt werden.