Boris Johnson gilt als kaum besiegbar im Kampf um das Amt des Premiers

Wahlkampf um Parteivorsitz und Amt des Premiers : Boris Johnson auf dem Weg zum Triumph

„Boris Johnsons größter Feind heißt Boris Johnson.“ Mit dieser Weisheit versuchten sich lange diejenigen zu beruhigen, die den Einzug des umstrittenen Politikers mit dem blonden Haarschopf in den Regierungssitz Downing Street für eine Katastrophe halten.

Die Hoffnung war, der Ex-Außenminister werde schon über seine eigenen Füße stolpern mit einer unbedachten Äußerung. Doch nun scheint das Amt des Premierministers für ihn zum Greifen nahe. Gefährlich kann ihm eigentlich nur noch der als moderat geltende Außenminister Jeremy Hunt werden. Er erhielt bei der fünften und letzten Abstimmungsrunde in der konservativen Fraktion am Donnerstag 77 Stimmen und setzte sich damit gegen Umweltminister Michael Gove durch, der 75 Stimmen bekam. Allerdings ließ Johnson mit 160 Stimmen seine Kontrahenten erneut weit hinter sich. Johnson und Hunt müssen sich nun dem Votum der 160 000 Parteimitglieder stellen.

In der konservativen Fraktion war Johnson lange wenig populär. Doch dank einer generalstabsmäßig geplanten Kampagne, bei der er so gut wie möglich von den Kameras und Mikrofonen fern gehalten wurde, ist der 55-Jährige nun haushoher Favorit. Ein Grund dafür könnte sein, dass ihm viele zutrauen, enttäuschte Bre­xit-Wähler wieder einzufangen, die sich von den Konservativen abgewendet haben. Er gilt als Gewinner, der sich sowohl gegen den Chef der Brexit-Partei, Nigel Farage, als auch gegen Labour-Chef Jeremy Corbyn bei einer Parlamentswahl durchsetzen könnte. Zwei Mal gewann er die Wahl zum Bürgermeister in der Labour-Hochburg London.

Der einst auch unter liberalen Wählern populäre Politiker ist für Wortwitz, aber auch Tolpatschigkeit bekannt. Seine Zeit als Außenminister ist in keiner guten Erinnerung, die Liste seiner Fehltritte lang. Dabei ist nicht immer klar, ob er absichtlich Porzellan zerschlägt oder aus Ignoranz.

Unrühmliche Schlagzeilen machte Johnson etwa, als er bei einem Parteitag der britischen Konservativen über die ehemalige libysche IS-Hochburg Sirte als potenzielles Touristenparadies sprach. „Sie müssen nur die Leichen wegräumen“, scherzte Johnson. Ähnlich groß war die Empörung, als er in einem buddhistischen Tempel in Myanmar während eines offiziellen Besuchs ein kolonialzeitliches Gedicht rezitierte, in dem eine Buddha-Statue als „Götze aus Matsch“ bezeichnet wird. Großen Schaden fügte ihm eine Äußerung über die Sorgen der Wirtschaft vor einem Bre­xit ohne Abkommen (No-Deal) zu. Johnsons Kommentar dazu, so berichteten Medien unter Berufung auf Diplomatenkreise: „Fuck business“ („Scheiß auf die Wirtschaft“).

Johnson war der Frontmann der konservativen Brexit-Befürworter im Wahlkampf vor dem Referendum im Juni 2016. Trotzdem gilt er als pragmatisch, wenn es für ihn von Vorteil ist. Johnson will das Brexit-Abkommen mit der EU nachverhandeln, was Brüssel aber ablehnt. Um die EU zum Einlenken zu bewegen, droht er mit einem No-Deal-Brexit am 31. Oktober. Seine Devise lautet, man müsse nur an die Großartigkeit des eigenen Landes glauben. Wie ernst Johnson es damit meint, ist umstritten. Er selbst schürte Zweifel an seiner Entschlossenheit, als er in einer TV-Debatte diese Woche keine Garantie für einen Austritt am 31. Oktober geben wollte. Der sei „höchst machbar“, so die Formulierung.

Doch es ist fraglich, ob Johnson seine vollmundigen Versprechungen einfach wieder zurücknehmen kann. Die Taktik erinnert stark an Theresa May, die sich mit ihren roten Linien selbst in eine Sackgasse manövrierte. Ob Johnson das mit seinem Charisma wettmachen kann, ist ungewiss. Viele rechnen daher bereits mit einer baldigen Parlamentswahl.

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