Nach dem Ende des Bergbaus im Saarland: Im Streit um Grubenflutung sollten Argumente zählen

Nach dem Ende des Bergbaus im Saarland : Im Streit um Grubenflutung sollten Argumente zählen

Die schweren Gesteinsbrocken, die am 23. Februar 2008 um 16:31 Uhr vom Kirchturm in Saarwellingen fielen, sind längst weggeräumt. Sie waren Sinnbild für Schock und Zerstörung.

Die emotionale Erschütterung aber, die das schwerste bergbaubedingte Erdbeben im Saarland seinerzeit ausgelöst hat, lässt sich nicht so einfach beiseite räumen. Sie wirkt bis heute. Zu spüren war das auch in der am Mittwoch zu Ende gegangenen Erörterung zur Grubenflutung in Ensdorf. Das Misstrauen gegenüber dem Bergbaukonzern RAG, das Beben und Kampf um Entschädigungen stetig genährt haben, ist tief verwurzelt. Das ist nur zu verständlich, wie selbst RAG-Delegationsleiter Michael Drobniewski bei der Erörterung einräumte.

Misstrauen birgt aber eine Gefahr. Dass Argumente nicht mehr durchdringen. Dass nur noch geglaubt wird, was man glauben will. In den zahlreichen wissenschaftlichen Gutachten zu der von der RAG beantragten Teilflutung auf minus 320 Meter finden sich Erkenntnisse, die imstande sind, vorgefertigten Meinungen gehörig Wind aus den Segeln zu nehmen. Etwa, dass eine Grundwassergefährdung offenbar praktisch auszuschließen ist. Der Hydrogeologe Jürgen Wagner sieht sie selbst für den Fall, dass bei der Flutung im sensiblen Gebiet des Scheidter Tals etwas gehörig schief läuft, als hochgradig unwahrscheinlich an. Natürlich kann man solche Aussagen nur glauben, wenn man wenigstens der Wissenschaft vertraut. Bezieht sich nun die RAG auf solche Aussagen in unabhängigen Gutachten, betritt sie quasi das Scheidter Tal – sensibles Gebiet. Viele glauben den Aussagen dann von vornherein schon nicht. Man muss sich überlegen, ob dies – bei allem verständlichen Misstrauen – fair und zielführend ist.

Bei der Erörterung konnte man durchaus das Bemühen der RAG erkennen, Vertrauen zu wecken. Dieses Vertrauen auch zu fassen, macht sie einem allerdings nicht leicht. Zu oft noch hat man den Eindruck, dass man das Bergbauunternehmen zum Jagen tragen muss. Dass die RAG beispielsweise erst auf wiederholtes Drängen von Gutachter Wagner und anderen hin nun einen schriftlich ausgearbeiteten Alarmplan für den Fall von unkontrollierten Ausgasungen bei der Flutung vorlegen will, hat keinen guten Eindruck gemacht. Wagner hatte das in seinem Gutachten bereits vor zwei Jahren gefordert. Da hilft es auch nicht, wenn die RAG argumentiert, die Mittel gegen unkontrollierte Ausgasungen müsse man nicht erst neu erfinden. Wenn man Vertrauen wecken will, muss man auch etwas dafür tun.

Das Beispiel zeigt aber auch, dass die Erörterung als Gewinn verstanden werden kann. Sie hat im günstigsten Falle auf beiden Seiten der verhärteten Fronten unangenehme Einsichten wachgerufen. Sich unbequemen Argumenten zu öffnen, könnte auf Seiten der Gegner so etwa bedeuten, die Teilflutungspläne unter dem Blickwinkel der Generationengerechtigkeit zu betrachten. Die Pumpen, die derzeit das Grubenwasser an die Oberfläche bringen, produzieren laut Gutachter einen Kohlendioxid-Ausstoß, der binnen zwölf Jahren demjenigen von 65 000 Autos entspricht. Zudem wird laut Experten die Menge der natürlichen Methan-Ausgasungen im Erdboden nach einer Teilflutung geringer sein als heute. Methangas ist ein Klimakiller – und über 20 Mal schädlicher als das heute in der Öffentlichkeit so heftig umstrittene Kohlendioxid (CO2). Natürlich geht es der RAG bei den Flutungsplänen zuallererst um eine Kostenersparnis. Aber in der Diskussion nur dies zu sehen oder sehen zu wollen, blendet andere Fakten aus.

Das Oberbergamt und das Umweltministerium als oberste Wasserbehörde werden all diese Fakten abwägen müssen und zu einer Entscheidung kommen. Wie auch immer diese ausfällt, sie wird Widerstand erfahren. Der Austausch von sachlichen Argumenten wird noch lange erforderlich sein.

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