Studie Ernst&Young: Frankreich bei der Attraktivität vor Deutschland

Wirtschaftsstandort : Paris überflügelt Berlin in der Gunst der Investoren

Frankreich überholt Deutschland! In großen Lettern prangt die Schlagzeile in den Zeitungskiosken in Paris. In einer Studie des Beratungsunternehmens Ernst&Young zur Attraktivität der Standorte in Europa landet Deutschland auf Platz Drei hinter Frankreich und Großbritannien, das den ersten Platz belegt.

Viele Franzosen können es kaum fassen, wird ihnen doch Deutschland immer wieder als großes Vorbild in Sachen Effizienz und Reformwille unter die Nase gerieben. Dieses Bild scheint nicht mehr gedeckt, denn im Vorjahr ist die Zahl der internationalen Investitionsprojekte in Deutschland deutlich auf 973 gesunken, während die Zahl in Frankreich leicht auf 1027 stieg.

Allerdings sind die Franzosen faire Gewinner und betonen, dass Deutschland auch Opfer seines eigenen wirtschaftlichen Erfolges geworden ist. Denn ein Minuspunkt in Sachen Investitionsklima in Deutschland sei die niedere Arbeitslosigkeit, die bei knapp über drei Prozent liegt, schreibt ein französischer Kommentator. Frankreich schrammt knapp unter der Neun-Prozent-Marke vorbei. Das heißt für Unternehmen in Deutschland zum Beispiel, dass Fachkräfte rar sind und diese für ihre Arbeit aus diesem Grund einen höheren Lohn verlangen können, was die Arbeitskosten nach oben drückt.

Das erklärt aber nicht alles. In der Studie wird deshalb unterstrichen, dass die französische Regierung in den vergangenen Jahren alles andere als untätig war. So wurde sehr viel getan, um die Steuerlast der Unternehmen zu vermindern und so deren Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Auch das ist ein Punkt, in dem Deutschland europaweit immer als Maßstab galt, die Franzosen inzwischen allerdings aufgeschlossen haben. Besonders positiv schlägt in der Bewertung zu Buche, dass zuletzt vor allem zukunftsträchtige Firmen, die in Forschung und Entwicklung investieren, mit finanziellen und rechtlichen Anreizen angelockt wurden. Die Studie macht also deutlich: Frankreich gilt bei internationalen Investoren längst nicht mehr als das Land der 35-Stunden-Woche und Spitzensteuersätze. Und Deutschland? Dort werden von den Befragten die mangelnde Flexibilität des Arbeitsrechts und die wenigen Möglichkeiten von Vergünstigungen von Unternehmen kritisiert.

Für manche Franzosen dürfte die Studie noch eine Überraschung bereithalten. Der im Volk äußerst unbeliebte Präsident Emmanuel Macron bekommt von den Wissenschaftlern Bestnoten. Seit seinem Amtsantritt 2017 arbeitet er daran, das Umfeld für Unternehmen zu verbessern – und hat bei Investoren damit offenbar Erfolg. Zwar hat die Attraktivität Frankreichs durch die Proteste der Gelbwesten einen Dämpfer erlitten. Allerdings zeigen sich die Investoren gelassen; sie scheinen mit Widerstand gegen die Reformen gerechnet zu haben.

Ein aktuelles Dossier des Internationalen Währungsfonds (IWF) zur wirtschaftlichen Lage in Frankreich kommt zu einer ähnlichen Einschätzung wie Ernst&Young. Die Regierung in Paris müsse den Weg der Reformen fortsetzen, heißt es dort, und deren positive wirtschaftliche Folgen der Bevölkerung besser erklären. Zudem sollten vor allem kleine und mittlere Einkommen den Erfolg im Geldbeutel merken.

Macron hat genau das getan. In der Grand Débat hat er seinen Kurs über Monate erklärt. Er hat ein milliardenschweres Maßnahmenpaket aufgelegt, insbesondere für Ärmere und Rentner. Und doch steckt er weiter in der Krise. Die Gelbwesten und der Sieg der Rechtspopulisten bei der Europawahl haben gezeigt: Ein Großteil der Bevölkerung steht nicht hinter der Reformpolitik. Gelingt es Macron nicht, das zu ändern, bedeutet das nicht nur sein eigenes Scheitern, sondern auch das Ende des zarten wirtschaftlichen Aufschwungs in Frankreich.

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