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Bettina van Haaren stellt in der Städtischen Galerie in Neunkirchen aus

Neunkircher Städtische Galerie : Wenn Bilder zu einem gewaltigen Chor werden

Bettina van Haaren nimmt in der hiesigen Kunstszene eine singuläre Position ein. „Spiegelungen“ heißt ihre Ausstellung in der Städtischen Galerie Neunkirchen. Dort muss man nun hin.

Nein, das hätte man nicht erwartet. Die Farbpalette von Bettina van Haaren hat sich ins Pastellige, fast schon fröhlich Bunte, aufgehellt. Und in manchen neueren Arbeiten schmiegt sich die Künstlerin, die sich selbst ihr liebstes Modell ist, sogar wie ein Baby in sanft geschwungene Pflanzen- und Schlauch-Kurven. Tröstliche Geborgenheit? Doch zugleich tauchen Soldaten und Totenköpfe als neue Bildmotive auf – mehr denn je geht es um körperlichen Verfall und Endlichkeit, um die Bedrohung unserer Autonomie und Existenz. Also tief durchatmen, bevor man den Rundgang in der Städtischen Galerie Neunkirchen antritt. Der ist chronologisch gebaut, führt uns von den vermeintlich leichteren jüngeren Arbeiten zurück in immer drastischere, krassere Bildwelten. Da helfen auch die filigranen Zeichnungen und Aquarelle, die wie Wimmelbilder in Motiv-Labyrinthe locken, nicht weiter. Am Ende landet man mit van Haaren zwischen aufgeschnittenen Schweinebäuchen und Fuchsleichen.

Van Haaren, die im Saarland aufwuchs und seit 20 Jahren als Professorin für Zeichnung und Druckgrafik in Dortmund lehrt, ist immer noch eine feste Größe der saarländischen Kunstszene, keine Landeskunstausstellung verzichtet auf sie.

Im Schnitt arbeitet die Künstlerin rund ein Jahr an ihren Eitempera-Öl-Werken. So bieten die 20 Gemälde, darunter viele Großformate, die die Städtische Galerie unter dem Titel „Spiegelungen“ zeigt, tatsächlich so etwas wie ein Zehn-Jahres-Panorama. Das jüngste Werk „Neulamm/Isenheimer Spiegelung“ stammt von 2017/2018, die älteste Arbeit von 2010. Das war das Jahr, in dem, ebenfalls in Neunkirchen, die letzte große Einzelschau der Künstlerin lief, deren Position seit Jahrzehnten wie ein erratischer Block aus dem hiesigen Kunstschaffen herausragt: eine stolze Selbstentblößung, verwegen und tapfer in ihrer Konsequenz.

 Van Haarens Lieblingsmotiv ist sie selbst beziehungsweise sind körperliche Versatzstücke von ihr: Gesicht, Füße, der Kopf, ihr Torso. Hinzu tritt Banales, etwa Süßigkeiten, Müllbeutel und Babydecken, oder aber Brutales: abgetrennte Pferdeköpfe, vernarbte Wunden. Symbolisch aufgepumpt wird allerdings nichts. Van Haaren lässt die Dinge in einem weiten weißen Bildraum schweben, in dem sie eine schockierende Präsenz und Dringlichkeit entwickeln, schafft komplexe Vernetzungen zwischen Mustern und Strukturen, so dass Häkeldeckchen und menschliche Venen plötzlich ihre Verwandtschaft zeigen. Ironische Mehrdeutigkeit paart sich mit bitterem Ernst und Schmerz. Es sind surreale, zugleich konkrete Assemblagen, ihre künstlerische Wucht erwächst aus der formal großartigen Komposition. Maltechnisch stellt van Haaren hyperrealistische Darstellungen neben provisorisch anmutende zeichnerische Passagen, die auf Meisterwerke und Rötelzeichnungen der Renaissance anspielen, nicht von ungefähr zitieren die Gemäldetitel Grünewald oder Pontormo.

Und mag dies alles auf den ersten Blick auch nichts erzählen, so entschlüsseln wir doch van Haarens Haupt-Themen: Physis, Weiblichkeit und Mutterschaft. Sie verkündet keine feministische Botschaft, sondern huldigt damit Genauigkeit und Akribie: Ihren eigenen Körper kennt sie nun mal am besten. Mit Spiegeln, auch solchen, die die Perspektive verzerren, rückt sie sich als Forschungsobjekt zu Leibe, so wachsen ihr unförmige Ohren, bis man sie, etwa in ihrer Arbeit „Neulamm“ (2017/12018) als Schaf zu erkennen glaubt. In „Waldwasen durchlöchert“ (2014/2015) nimmt sie die kastenförmige Gestalt eines Mannes an, und aus einem Frauenbauch wächst ihr Fuß wie ein Penis.

Überhaupt ist es zum Verständnis des Werkes nicht unerheblich, zu wissen, wie es entsteht. Van Haaren versammelt Objekte in ihrem Atelier: ausgestopfte Tiere, Plastikschläuche, Rosen, Elektromaterial, alles wird malerisch und zeichnerisch minutiös studiert, nach Form- und Farb-Parallelen untersucht. So erklären sich die vielen Resonanzen in Neunkirchen, die zu einem gewaltigen Chor werden.