„Es lebe der Emir“

„Es lebe der Emir“

Vier Spiele, drei Siege und eine knappe Niederlage gegen Weltmeister Spanien: Gastgeber Katar ist die große Überraschung der Handball-WM. Doch der Erfolg der Multi-Kulti-Truppe ist eine einzige Farce.

Das Bild wirkte befremdlich: Goran Stojanovic und seine Kameraden stehen Arm in Arm am Mittelkreis der protzigen Lusail-Arena von Doha und singen voller Inbrunst die katarische Nationalhymne "as-Salam al-Amiri", "Es lebe der Emir." Anschließend brennen die internationalen Handball-Söldner in Diensten des Emirats ihr nächstes Feuerwerk ab, liegen zur Halbzeit gegen Weltmeister Spanien mit 10:8 vorne. Der Titelverteidiger drehte die Partie am Mittwochabend noch (28:25), doch das änderte an der Gesamtsituation der Gruppe A nichts: Der katarische Verband feiert den besten WM-Start seiner Geschichte und den Einzug ins Achtelfinale, und zugleich wächst die Kritik an den skurrilen Einbürgerungspraktiken im Handball.

"Das hat keiner von uns erwartet, wir befinden uns in einer Euphorie", sagt Torhüter Stojanovic. Er steht beispielhaft für das Heer der vielen kurzfristig eingebürgerten Spitzenkräfte, die das katarische Handball-Märchen möglich machen. Gerade mal vier Spieler im Kader des iberischen Star-Trainers Valero Rivera sind Einheimische, der Rest kommt aus Frankreich, dem ehemaligen Jugoslawien oder Nordafrika - für Stojanovic kein Problem. "Handball ist unser Job. Wir müssen versuchen, möglichst viel damit zu verdienen", sagte der langjährige Bundesliga-Keeper, von 2011 bis 2014 bei den Rhein-Neckar Löwen unter Vertrag.

Nach der WM werden er und seine Kollegen wohl ausgesorgt haben: So sollen die Spieler, die überwiegend bei katarischen Clubs unter Vertrag stehen, neben ihrem fürstlichen Grundgehalt von monatlich über 30 000 Euro eine Siegprämie von 100 000 Euro für jeden WM-Erfolg einstreichen. Pro Mann, versteht sich.

In der Handball-Szene regt sich der Widerstand. Die Kritik an der fragwürdigen Regel, nach der jeder Spieler nach drei Jahren ohne Länderspiel den Verband wechseln kann, wird lauter. "Die Europäische Handball-Föderation und ich haben im Herbst 2013 einen Antrag eingereicht, dass Spieler nach dem 21. Lebensjahr nicht mehr die Nationalmannschaft wechseln dürfen. Der sollte bearbeitet werden", klagte der schwedische Spitzenfunktionär Arne Elovsson jüngst in der Zeitung "Aftonbladet": "Aber seitdem haben wir nichts mehr gehört."

Und so dürfen die Scheichs weiter ungehindert an der Verwirklichung ihrer Vision von der sportlich erfolgreichen Supermacht arbeiten. Um für das eigene Team einen lautstarken Fanblock zu bilden, hatten die Organisatoren vor dem Turnier sogar 60 spanische Schlachtenbummler einfliegen lassen und ihnen Flug, Hotel und Eintrittskarten spendiert. Die freuen sich einfach, bei der WM dabei zu sein, und peitschen Katar unermüdlich an.

Das wird auch heute Abend im letzten Gruppenspiel gegen Weißrussland (17 Uhr) so sein. Mit einem Erfolg dürfte Katar die Vorrunde als Zweiter abschließen - im Achtelfinale winkt ein Duell mit Mazedonien oder Österreich. Schlagbare Gegner auf dem Weg zum ganz großen Ziel, dem WM-Halbfinale, wenn es ums Eingemachte, um die Medaillen geht.Matchwinner Carsten Lichtlein stand wie ein Triumphator mit hoch gestreckten Armen in der Lusail-Hall, dann stürzten sich die Mitspieler unter großem Siegesgebrüll auf den überragenden Torhüter: Angetrieben vom 34 Jahre alten Routinier haben die deutschen Handballer bei der WM in Katar durch ein 28:23 (13:14) gegen Argentinien das Achtelfinale erreicht und arbeiten weiter erfolgreich an ihrem Wintermärchen in der Wüste.

"Das hat uns vor der WM keiner zugetraut", sagte Lichtlein nach dem dritten Sieg im vierten Turnierspiel und ließ sich mit seinen Mitspielern von den deutschen Fans in Doha noch Minuten nach dem Abpfiff gebührend feiern. Oh wie ist das schön", stimmte der schwarz-rot-goldene Anhang freudetrunken an. Der ehemalige Weltmeister-Coach Heiner Brand stimmte in die Euphorie ein. "Wir dürfen jetzt ein bisschen träumen, denn jeder Gegner ist schlagbar. Und da können sich für die deutsche Mannschaft noch Möglichkeiten auftun", sagte Brand bei Bezahlsender Sky.

Das Team von Trainer Dagur Sigurdsson bleibt mit 7:1 Punkten Tabellenführer der Gruppe D. Mit einem weiteren Sieg am Samstag (17 Uhr/Sky) gegen den krassen Außenseiter Saudi-Arabien hätte sich der Weltmeister von 2007 auch den Gruppensieg und damit ein Spiel gegen einen vermeintlich leichteren Gegner in der ersten K.o.-Runde gesichert. "Ich ziehe den Hut vor meinen Jungs. Wir hatten schon drei schwere Spiele in kurzer Zeit hinter uns. Das war schwer für den Körper und für den Kopf", sagte Sigurdsson nach dem vierten Sieg im vierten Vergleich mit dem Panamerikameister.