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Politik-Diskussion ganz ohne Wahlkampf

Politik-Diskussion ganz ohne Wahlkampf

Vertreter der sechs großen Parteien trafen sich gestern Morgen im Perler Schengen-Lyzeum, um den Schülern Frage und Antwort zu stehen. Es war bereits die elfte Station des Projekts „Wahl-O-Mat on Tour“.

Perl. "Die Schüler haben keinen Bock auf Politiker-Blabla", sagte Bundestagsmitglied Thomas Lutze. Deshalb war die gestrige Ausgabe des "Wahl-O-Mat on Tour" im deutsch-luxemburgischen Schengen-Lyzeum in Perl keine der Podiumsdiskussionen, die man aus dem Wahlkampf kennt. Es war vielmehr eine fachkundige Gesprächsrunde, die jedoch in puncto politischer Brisanz keine Abstriche machen musste.

Es war bereits die elfte Station des internetgestützten Projektes, das die Landeszentrale für politische Bildung, der Landesjugendring Saar, die Arbeitskammer des Saarlandes und die Bundeszentrale für politische Bildung ins Saarland bringen. Bundestagskandidat Reinhold Jost (SPD), der stellvertretende Vorsitzende der Jungen Union Alexander Zeyer, Grünen-Direktkandidat Markus Tressel, Bundestagsmitglied Thomas Lutze (Die Linke), der FDP-Kreisvorsitzende Saarbrücken Roland König und Bundestagskandidatin Selina Schuler (Piraten) stellten sich rund 70 Schülern.

Dabei wurden etliche Thesen behandelt, die die Kandidaten zu Beginn abwechselnd beantworteten. Jeder Redner erhielt zudem eine Joker-Karte, mit deren Hilfe er den Ausführungen eines Kollegen zu einer bestimmten These widersprechen konnte.

"Vor den Schülern herrscht unter uns Politikern ein anderer Umgang, es ist mehr freundlich und kollegial. Das ist sehr angenehm", erklärte Thomas Lutze: "Die Schüler haben vor allem für die Glaubwürdigkeit ein gutes Gespür." Dementsprechend ruhig verliefen die ersten Thesen, bis es beim Thema Spitzensteuersatz zum ersten Streitpunkt kam, was auch Moderator Wilhelm Offermanns von der Arbeitskammer des Saarlandes freudig bemerkte. Den Disput zwischen Jost (SPD), Tressel (Grüne) und König (Linke) griffen die Schüler in der späteren Diskussionsrunde wieder auf, und es entstand eine rege Debatte - ganz nach dem Geschmack der Veranstalter.

Nach Meinung von Grünen-Kandidat Tressel müsse ein Spitzensteuersatz für Hochverdiener verabschiedet werden, um das nötige Geld in die Staatskassen zu spülen. FDP-Mann König befürchtete jedoch, dass dadurch die finanzstarken Betroffenen aus dem Land vertrieben werden. Auch unter den Schülern gab es dazu kontroverse Meinungen: von "ich würde als Millionär dann auch abhauen" bis zu "die haben doch sowieso genug Geld, auch mit höheren Steuern".

Auch zum Thema Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare wurde diskutiert. Ziel der kritischen Fragerunde war vor allem CDU-Vertreter Alexander Zeyer, der die diesbezüglich ablehnende Haltung seiner Partei rechtfertigen musste, obwohl er "selbst eigentlich anderer Meinung" sei. Zum Thema Betreuungsgeld sah sich Zeyer schließlich nicht nur den fragenden Schülern gegenüber, auch seine Podiums-Kollegen musste er verbal bekämpfen.

So stand schließlich das Argument der CDU, dass es jeder Familie selbst überlassen sein sollte, ob sie ihre Kinder in eine Kita stecken wolle oder stattdessen Betreuungsgeld erhalte, dem gegenüber, dass das Betreuungsgeld verschwendet sei. "Das ist, wie wenn man ein schönes Kino hat, aber Leute dafür bezahlt, nicht hinzugehen", erläutert Reinhold Jost. Auch an dieser Diskussion beteiligten sich die Schüler rege, stellten Fragen und machten eilig Notizen.

"Das Interesse der Schüler hier ist überdurchschnittlich", bemerkte Thomas Lutze, der schon seit 2005 bei dem Projekt dabei ist. Co-Moderator Georg Vogel, Geschäftsführer des Landesjugendrings Saar, musste die aufzeigenden Hände nach dem Pausengong sogar bremsen und die Veranstaltung trotz offener Fragen beenden. Wenigstens gewährte er den Schülern noch, sich mit tosendem Applaus für den Einsatz der sichtlich zufriedenen Politiker zu bedanken.Während das Projekt "Wahl-O-Mat on Tour" zur Bundestagswahl am 22. September seit ein paar Tagen in saarländischen Schulen und Einrichtungen unterwegs ist, läuft das virtuelle Pendant bereits seit Wochen auf Hochtouren.

Der "Wahl-O-Mat" ist ein Angebot der Bundeszentrale für Politische Bildung (BPB) und beinhaltet einen Fragenkatalog aus 38 politischen Multiple-Choice-Fragen, die durch einfache Mausklicks auf der BPB-Internetseite beantwortet werden können. Die Fragen, die sich über zahlreiche Themenfelder erstrecken, wurden zuvor von 28 Parteien beantwortet.

Das eigene Ergebnis kann schließlich mit beliebig vielen Parteien verglichen werden und es können etwaige Gemeinsamkeiten oder Unterschiede festgestellt werden. Der "Wahl-O-Mat" sei keine Wahlempfehlung sondern lediglich ein "Informationsangebot über Wahlen und Politik", wie es auf der Internetseite heißt. Dort gibt es zusätzlich Informationen zu allen Parteien sowie Fakten zur anstehenden Wahl.

wahl-o-mat.de